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Heinrich Heine, deutsche Entitäten und schlaflose Nächte

Das Klassiker par excellence, zeitlos für alle Lagen einer Nation: Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht. Und wieder sind wir in einer Situation, in der der Satz aus dem Wintermärchen die Lage nicht treffender charakterisieren kann. Obwohl es, angesichts des woken Zeitgeistes, mehr als suspekt ist, noch von einer Entität wie Deutschland zu sprechen. Der Kulturkampf gegen alte Gewissheiten ist seit langem zu verzeichnen. Erst kürzlich erfuhr ich es an mir selbst. Als ich in einer Diskussion über die Souveränität von Staaten den lapidaren Satz von mir gab, es müsste das jeweilige Volk entscheiden, in welcher politischen Ordnung es leben wolle, stand mein Gesprächspartner auf, sah mich wütend an, schlug die Hacken zusammen und machte das Heil-Hitler-Zeichen. Der Gebrauch des Wortes Volk hatte mich in seinen Augen zum Nazi gemacht. Ceterum censeo: Die Propaganda, die man so gerne autokratischen Systemen zuspricht, hat hier bereits eine wunderbare Wirkung erzielt.

Derartiges sektiererischeren Gedankengut sollte jedoch nicht davon abhalten, sich über Phänomene zu unterhalten, ohne die es zumindest in der Vergangenheit nicht ging und in der Gegenwart immer noch nicht geht. Wie zum Beispiel einer Entität wie Volk, wie immer es sich auch ethnisch zusammensetzt, eines Staates und einer Nation. Wer meint, den globalen Kosmopolitismus zu symbolisieren und dabei Kriege einer globalen Minderheit gegen die überwältigende Mehrheit der Weltbevölkerung betreiben, legitimieren und befeuern zu müssen, ist raus aus dem Diskurs.

Und heute feiert dieses Deutschland, von dem jetzt doch die Rede ist und das einem immer wieder und immer noch den Schlaf raubt, den 35. Jahrestag der Wiedervereinigung. Dass das Ereignis einerseits einer radikalen Veränderung der globalen Machtverhältnisse mit zu verdanken ist, sollte allen bewusst sein. Dass dieses Verhältnisse, d.h. der Untergang der Sowjetunion gleichzeitig das Zeitalter des Neoliberalismus beschleunigen ließ, weil die politischen Regisseure des Kapitalismus nun glaubten, ohne Schamesblatt den Völkern (!) in ihrem Einflussbereich das bittere, pure Getränk von Mehrwert und Rendite einschenken zu können, wurde und wird der Epoche „vom Ende der Geschichte“ zum Verhängnis.

Die Ostdeutschen hätten sich schneller als gedacht in einer gesamtdeutschen Entität wiedergefunden, wenn im Westen das sozialdemokratisch geprägte Zeitalter fortexistiert hätte. Soziale Sicherheit, gute Bildung für alle, eine funktionierende Infrastruktur, Frieden und ein gesicherter Wohlstand, diese Maximen hatten den Westen zu einem erstrebenswerten Ort gemacht. und dieser wurde just zu dem Zeitpunkt zerstört, als die Einheit im Präsentkorb vor der Tür stand. So etwas nennt man Unglück im Glück. Und, wie alle historisch begangenen Scheußlichkeiten, ungefähr dreißig Jahre nach der Schandtat spritzt der ganze Unrat an die Decke.  Im Falle Russlands und der NATO-Osterweiterung war es so,  und bei der deutschen Einheit und dem Ende der sozialdemokratischen Epoche ebenso. Die Geschichte ist ein aufsässiger Kellner, der mit der Rechnung nach dreißig Jahren an den Tisch tritt.

Dass bei der Liquidierung des sozialdemokratischen Zeitalters Sozialdemokraten heftig mitgewirkt haben, gehört zur tragischen Regie. Und dass die neudeutsche Propaganda es heute fertig bringt, klassische sozialdemokratische Positionen entweder als russische Infiltration oder rechtsnationales Gedankengut zu bezeichnen, zeigt, wo diese Entität Deutschland sich heute befindet. Heinrich Heine hat richtig gefühlt. Der Weg vom Düsseldorfer Juden zum Pariser Weltbürger war steinig genug. Wir sollten nachts durch die Straßen wandeln und den Schlaf erst gar nicht mehr suchen.

Vergessen wird hier nichts!

Nachrichten aus Germanistan, 15. August 2014

Liebe Freunde da draußen! Kaum habe ich angefangen, mich an diesem Format zu versuchen, schon muss ich Euch so richtig in die Tiefe ziehen. Es geht einfach nicht anders. Warum? Weil die Dinge so sind, wie sie sind und weil vieles komplizierter ist, als gedacht. Anlass für die heutige Überlegung ist die immer wieder aus der Ferne an uns gestellte Frage, wie es denn sein kann, dass sich kaum Menschen von Format zu Wort melden, dass furchtbar windige Figuren Unmengen Redezeit bekommen und große Aufmerksamkeit genießen und dass ein so kulturell und intellektuell geprägtes Volk wie das Deutsche nahezu alles hinnimmt, was sich an Dummheit und gleichzeitig an Demütigung aufsammeln lässt. Und Ihr fragt zweifelnd immer wieder nach dem Zustand der Medien und nach dem Selbstwertgefühl der Bevölkerung.

Gemeint ist damit der Zustand der etablierten Medien, von den privaten, die stark monopolisiert sind bis hin zu den Öffentlich-Rechtlichen. Beide Lager sind zu einem verschmolzen und sie verbreiten ohne einen Schimmer von Schamesröte die Sichtweise von Regierung und dem großen Verbündeten der mehr denn je bestimmt, was in diesem Land zu geschehen hat. Und wer sich dem widersetzt, verliert Ansehen und zuweilen die Existenz. Zum anderen ist da so etwas wie die deutsche Schuld, die anscheinend jede Art von Demütigung rechtfertigt. Ihr sprecht das noch offen an, aber hier wird zum Beispiel die Frage, wer die Ostseepipelines gesprengt und damit einen Terrorakt gegen die kritische Infrastruktur verübt hat, wenn überhaupt, nur mit Glacéhandschuhen angefasst. Noch heißt es, trotz der öffentlichen Drohung Joe Bidens im Beisein eines wie ein Schuljunge in alten Zeiten behandelten Kanzlers, man wisse nicht wer. Und wenn, so fragen sich hier auch alle, wenn man weiß, wer es war, welche Maßnahmen wird es nach sich ziehen? Bei dem, was vielleicht am neutralsten noch als momentaner Überbau oder Nomenklatura bezeichnet werden kann, ist es relativ leicht auszumalen. Was das jedoch mit dem in Germanistan ansässigen Volke machen wird, ist noch lange nicht ausgemacht.

In einem vor genau 190 Jahren verfassten Werk mit dem Titel „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ hatte der im Pariser Exil lebende Heinrich Heine den Versuch unternommen, die Denk- wie Fühlweise der Deutschen dem französischen Publikum verständlich zu machen und näher zu bringen. Aus meiner Sicht ist ihm das nicht nur exzellent gelungen. Der ebenso manchmal riskierte Blick in die Zukunft hatte, sieht man sich den Verlauf der weiteren Geschichte an, phänomenale Kraft. An einer Stelle, an der es um die Disposition der Deutschen ging, erzählte Heine von einer Episode in einer Gaststätte, in dem ein Diskutant sich über einen politischen Mord durch einen Vertreter einer anderen Nation beklagte, der einige hundert Jahre zurücklag. Heine versuchte den französischen Lesern klarzumachen, dass in Deutschland nichts, aber auch gar nichts vergessen werde, während man in Frankreich zumeist lieber im Jetzt und in der Zukunft lebe.

Warum ich das erzähle? Weil ich zumindest glaube, dass alles, was uns hier in Germanistan in den letzten Jahren widerfahren ist, zwar nicht mehr in den Journalen steht und viele Archive bereits geschlossen sind, aber in den Köpfen der Menschen, die von vielem nicht überzeugt waren, deren Rechtsempfinden massiv verletzt wurde und deren Ehrgefühl und Würde durch den herumliegenden Unrat gezogen wurde, dass dies alles längst nicht vergessen ist. You never know where the ball rolls, wie man bei den Briten so schön sagt. Aber hier in Germanistan, da landet er irgendwann im Loch. Aber dann, um noch einmal Heinrich Heine aus der erwähnten Schrift aus dem Gedächtnis zu zitieren, werden die Adler tot vom Himmel fallen und sich die Löwen im fernen Afrika in ihre königlichen Höhlen verziehen.

Deutschland: Betrug und Täuschung aus Unterwürfigkeit

Es ist immer gut, wenn man weiß, wie man dran ist. Wenn das der Fall ist, sind die Illusionen mit einem Schlag weggeblasen und es zeigt sich die Wahrheit in ihrer brutalen Nacktheit. Als vor einigen Tagen Russland im UN-Sicherheitsrat den Antrag stellte, den Terrorakt gegen die Nordstream Pipeline seitens der UNO untersuchen zu lassen, stimmten nicht nur die USA, sondern auch die deutschen Vertreter dagegen. Das ist, für sich genommen, ein Skandal, der noch Folgen haben wird. 

Unabhängig von der politischen Entscheidung, ob man die Pipeline seitens Deutschland in Betrieb nehmen will, es handelt sich dabei um die kritische Infrastruktur des Landes. In den NATO-Statuten steht wiederum, dass der Angriff auf die kritische Infrastruktur eines Landes den Bündnisfall verursachen kann. Sollten die USA, die zumindest durch ihren Präsidenten angekündigt hatten, Nordstream für den Fall seiner Inbetriebnahme funktionsunfähig zu machen, den Terrorakt verübt haben, so träte der Bündnisfall ein. Die kritische Infrastruktur der Bundesrepublik Deutschland müsste die NATO bitten, militärisch gegen die USA vorzugehen. 

Beides wird nicht eintreten. Erstens, weil die NATO ein bewaffneter Arm der USA ist und zweitens weil die Regierung der Bundesrepublik Deutschland weder von ihrer Haltung, ihrer Substanz noch ihrer Persönlichkeit in der Lage wäre, dieses Thema auf den Tisch zu bringen. Man fügt sich und begeht lieber Landesverrat, denn um nichts anderes handelt es sich, um nicht in Konflikt mit dem Kriegsarchitekten Nummer Eins zu geraten. Denn, und egal wie oft es die bezahlten Propagandisten auch wiederholen mögen, das Elend in der Ukraine begann mit der amerikanischen Spezialoperation im Jahr 2014. 

Der Angriffskrieg gegen eine souveräne Regierung eines souveränen Landes begann mit einem Putsch. Und es ging weiter mit Bewaffnung und der Tyrannisierung der russischen Bevölkerung im Donbas und auf der Krim. Paktiert hat man mit den lokalen Faschisten, die bis heute seitens der Bundesrepublik hofiert werden. Eskortiert wurde die Militarisierung der Ukraine durch Scheinverhandlungen mit Russland im so genannten Minsk-Format, in der sich unter anderem der heutige Bundespräsident als Täuscher hervorgetan hat, wofür er wohl mit dem jetzigen Amt belohnt wurde. 

Das Elend, das sich momentan vor dem betrachtenden Auge ausbreitet, liegt in der Hörigkeit gegenüber einer von den USA verfolgten Strategie im Maßstab 1:1 begründet. Die eigenen nationalen und europäischen Interessen fallen dabei unter den Tisch. Und der Grund für diese unverantwortliche scheinbare Selbstvergessenheit ist in dem ganz einfachen, schnöden Motiv zu suchen, Ämter zu bekleiden, die für die großen Strategen der Weltherrschaft nicht mehr sind als ein Nasenwasser. Da stellt sich die Frage, ob eine Bevölkerung, die sich dermaßen über lange Zeiträume täuschen und übervorteilen lässt, nicht mit einer solchen Regierung die verdiente Ernte eingefahren hat. Denn, eines ist klar: mit diesen Volksvertretern ist im wahren Sinne des Wortes kein Staat zu machen. Mit ihrem Verhalten im UN-Sicherheitsrat haben sie gezeigt, was von ihnen zu halten ist. 

Heinrich Heine schrieb in seiner bis heute lesenswerten Abhandlung „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, mit der er den Franzosen ein Bild von ihren östlichen Nachbarn zu zeichnen suchte auch eine Bemerkung über ein Spezifikum der Deutschen. Er versicherte dem französischen Publikum, dass die Deutschen nichts vergäßen, wie lange es auch zurückläge. Momentan klammere ich mich an diese Vorstellung. Denn in der jüngeren Geschichte war Betrug und Täuschung in vielerlei Hinsicht die Regel, und nicht die Ausnahme. Also, bitte, alles merken!