Hans Kundnani. German Power. Das Paradox der deutschen Stärke
Sowohl subjektiv als auch objektiv hat sich Deutschland seit der Reichsgründung im Jahre 1871 als politischer Akteur wahrlich mehrere Male gewandelt. Das, was von Faktoren wie Bevölkerungsgröße, geographischer Lage und ökonomischer Potenz getrieben wurde, suchte in verschiedenen historischen Phasen nach einer eigenen Identität. Die Folgen dieser Suche waren zum Teil fatal, manchmal jedoch auch vorteilhaft. Dass sich, angesichts der rasanten internationalen Entwicklung besonders der letzten zwanzig Jahre, ein Autor der Frage nach der deutschen Identität im Kontext internationaler Bündnisse und Interessen stellt, ist nicht nur folgerichtig, sondern ein notwendiges Unterfangen.
Hans Kundnani, seinerseits ehemaliger Forschungsdirektor am European Council on Foreign Relations in London und heutiger Senior Transatlantic Fellow des German Marshall Fund und somit Mitglied eines amerikanischen Think Tanks, hat sich dieser Aufgabe gestellt. Unter dem Titel „German Power. Das Paradox der deutschen Stärke“ setzt sich Kundnani mit der historischen Metamorphose deutscher Außenpolitik auseinander. Das macht er chronologisch und sachlich, indem er von den Phasen, Personen und Konzepten spricht, die nie alleine und ohne Widerspruch auch innerhalb Deutschlands dominierten oder regierten, sondern immer auch mit anderen Varianten konkurrierten. Deutschland wurde und wird wegen seiner Mittellage, seiner Größe und seiner wirtschaftlichen Macht immer in zweierlei Hinsicht aus der Perspektive anderer Länder als Führungsnation, als Hegemonialmacht, aber auch als Risiko gesehen.
Von der so genannten Realpolitik Bismarcks bis hin zum nationalsozialistischen Größenwahn Hitlers hatten alle Protagonisten mit den drei Faktoren von Größe, Potenz und Lage zu kämpfen und kamen zu unterschiedlichen Schlüssen. Die große Zäsur bildete der II. Weltkrieg und die Domestizierung Deutschlands durch seine Teilung. Die Beschreibung dessen, was dann von Adenauer über Brandt, Kohl, Schröder und Merkel folgte, war angesichts des desaströsen Ausgangs des Weltmachttraumes notwendigerweise auch abhängig von den einzelnen historischen Phasen. Rekonvaleszenz nach dem Krieg, Kalter Krieg, Entspannung, Normalisierung, Veränderung.
Soweit, so gut. Was sich bei der Beschreibung der Nachkriegsgeschichte immer mehr als Leitidee seitens des Autors in den Vordergrund drängt, ist die vor allem von dem deutschen Historiker Heinrich August Winkler formulierte These von der Notwendigkeit einer bedingungslosen Hinwendung zum Westen und die Integration in dessen Bündnissysteme als Zweck schlechthin. Darunter leidet ab Mitte des Buches die bis dahin historische Darstellung. Was dem ansonsten durchaus kritischen Autor Kundnani von da an abgeht, ist die Fähigkeit der kritischen Reflexion der sich ebenfalls geänderten und ändernden Rolle der USA als Hegemonialmacht des Westens selbst.
So werden Abweichungen der deutschen Außenpolitik wie zum Beispiel beim Nein zum Irakkrieg 2002 oder beim Nein zum Bombardement Libyens als fatale Symptome einer Abkoppelung vom Wesen bezeichnet. Nachvollziehbar wiederum ist die Kritik, dass Deutschland seit der Wiedervereinigung schwankt zwischen der Suche nach einer strategischen Position und dem Nachgeben gegenüber der Perspektive wirtschaftlicher Opportunität.
Was allerdings nicht geht und meines Erachtens an eine pathologische Ausblendung grenzt, ist die unkritische Haltung gegenüber der Außenpolitik der USA mit den zahlreichen spektakulär fehlgeschlagenen Regimewechseln, der aggressiven Durchsetzung einer NATO-Linie zwischen dem Baltikum und dem Schwarzen Meer und dem mit 10 Milliarden Dollar geförderten Putsch in der Ukraine. Analog zu Winkler beginnt auch Kundnani die Geschichte der Ukraine-Krise mit der russischen Annexion der Krim und nicht mit der schleichenden Aggression der USA gegen die Ukraine. In Bezug auf die Fragestellung des Buches ist das alles nicht mehr hilfreich, wiewohl die Lektüre lohnt, sofern man den kritischen Blick nicht verliert.
