Schlagwort-Archive: Grundrechte

Irak, Pakistan, die Salomonen und der Zustand des Völkerrechts

Irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine sind einige Dinge passiert, die nicht so recht in das Bild passen. Seit dem 24. Februar, dem besagten Tag, der in Europa einen Schock ausgelöst hat und seitdem kräftig in Meinungsbildung, Ökonomie und Militär gegen den russischen Angriff investiert wird, hat die Türkei Luftangriffe auf das Gebiet des Irak geflogen, um kurdische Gebiete zu bombardieren und ohne vorher den Irak um Erlaubnis gefragt zu haben. Kurz danach stürzte eine pakistanische Regierung, die sich geweigert hatte, sich an Sanktionen gegen Russland zu beteiligen und wiederum danach drohten die USA den Salomonen mit Krieg, sollten sie sich tatsächlich dazu entschließen, sich von den USA ab und China zuzuwenden. Alle drei Ereignisse, die direkte kriegerische Handlung, ein Regime-Change und die Androhung von Gewalt verletzen in eklatanter Weise das Völkerrecht. 

In diesem Kontext von einer Zeitenwende zu sprechen wäre völliger Unsinn. So kennt der Rest der Welt die praktische Politik des westlichen, Werte basierten Bündnisses. Keine dieser Handlungen haben im eigenen Lager nur annähernd einen Aufschrei verursacht wie die völkerrechtswidrige Invasion Russlands in die Ukraine. Und damit wäre der Kern des Problems erfasst. Wer sich auf gewisse Werte einschwört, diese jedoch, wenn es um die vermeintliche Gefährdung der eigenen Interessen geht, geflissentlich ignoriert, verliert die eigene Glaubwürdigkeit. International ist das bereits geschehen, nur in der eigenen Echokammer ist das bis dato noch nicht angekommen. Gäbe es eine halbwegs kritische Berichterstattung, dann würden die Anklagen aus allen Teilen der Welt, die sich gegen die Doppelzüngigkeit des Westens richten, zumindest präsent.

Nein, die eigene Unzulänglichkeit ist keine Legitimation für begangenes Unrecht anderer. Das sollte – wenn es mit einem zentralen Wert der Aufklärung zuginge – ein Resultat der Reflexion der eigenen Geschichte sein. Und nein, es spricht nichts, aber auch gar nichts gegen die großen Ideale der Aufklärung, die sich in den Grundrechten, die aus den Revolutionen in Amerika und Frankreich resultierten, in deren Verfassungen widerspiegelten. Sie sind ein hohes Gut, für das sich immer noch zu kämpfen lohnt. Aber es spricht gegen deren miserable Nachlassverwalter, die mit ihren Handlungen, die diesen Rechten entgegenstehen, die Rechte selbst in Verruf bringen. Wer genau hinschaut, der sieht die Abschaffung der Rechte hinsichtlich der Freizügigkeit und Demonstration, der sieht die Kriminalisierung derer, die für sich die Pressefreiheit beanspruchen und der sieht die periodische, immer wieder vorkommende Verletzung des Völkerrechts. 

Wenn man so will, haben die zahlreichen völkerrechtswidrigen Handlungen der USA, Großbritanniens und anderer NATO-Mitgliedstaaten wie der Türkei das Völkerrecht mehr beschädigt als der Dämon Putin oder der immer mehr hinter den Kulissen als neuer Hauptfeind gehandelte chinesische Präsident. Es versteht sich von selbst, dass die letzten amerikanischen Präsidenten, die für ganz andere Kategorien von Leid in anderen Staaten verantwortlich sind, immer noch als Kämpfer für die Freiheit ausstaffiert in der Vitrine stehen.  

Allen, die sich so eindeutig positioniert haben, die sich empören über die russische Aggression, die sich über die undemokratischen Zustände in den entlegensten Flecken dieser Welt so aufregen, sei geraten, an ihrem eigenen Ruf zu arbeiten. Wenn sie sich selbst ernst nehmen wollen und beanspruchen, als redlich zu gelten, dann mögen sie sich, mutig wie sie sind, erheben gegen die gouvernementalen Abrissfirmen der eigenen Werte. Empört euch gegen die Feinde der Demokratie im eigenen Lager. Vielleicht glaubt euch dann, irgendwann, auch einmal der Rest der Welt.

Freie Presse: Ein verlorener Tag?

Wir haben uns daran gewöhnt, dass es immer wieder Tage gibt, an denen auf besondere Themen aufmerksam gemacht werden soll. Der Tag der Pressefreiheit ist so einer. Und das Thema, im Gegensatz zu manchen, an denen man sich fragt, ob es wirklich sein muss, gleich ein internationales Event daraus zu machen, beschreibt ein hohes Gut, das in vielen Ländern und zu vielen Gelegenheiten mit Füßen getreten wird. Wer das freie Wort verbietet, will die Gedanken der Kritik unterdrücken und Zustände unberührt lassen, die noch viel weiter gehen als die Beeinträchtigung des freien Wortes. Die Unterdrückung einer freien Presse und das Verbot kritischer Informationen und Gedanken geht einher mit anderen Formen der Gewalt: der Verweigerung von Grundrechten, dem Verbot von Versammlung, der Verweigerung der Freizügigkeit, dem Verbot von Parteien und Angriffen auf die Justiz.

Insofern ist der Tag der Pressefreiheit eine gute Gelegenheit, um auf Missstände hinzuweisen und gegen die entdeckten Angriffe zu mobilisieren. Zu dem Thema haben sich viele geäußert, Journalistenverbände, Politiker, Staatsoberhäupter und internationale Organisationen. Das ist gut so, sofern man damit das grundsätzliche Recht meint, frei sein Wort zu äußern und einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Hierzulande dominiert der Verweis auf die Übergriffe auf Journalisten vor allem bei Demonstrationen gegen die Maßnahmen der Regierung gegen die Pandemie. Das gehört zu so einem Tag, und das Fakt, dass solche Übergriffe stattfinden, ist ein Indiz für einen Missstand. Solitär betrachtet, d.h. wenn es dabei bleibt, dann drängt sich ein Verdacht auf, der wieder das in den Fokus rückt, was immer mehr Menschen beschäftigt und zu einer leidvollen Erfahrung für alle geworden ist, die sich um das Grundrecht der freien Meinungsäußerung Sorgen machen. Es geht um das Phänomen des doppelten Standards.

Hier soll nichts relativiert werden. Aber es soll darauf hingewiesen werden, dass eine andere, weitaus größere Gefahr für das freie Wort und die freie Presse existiert, die keine Erwähnung findet und die das substanzielle Recht existenziell gefährdet. Die Rede ist vom Besitz und der Konzentration des Pressewesens. Die Monopolisierung hat auch in diesem Land eine Dimension angenommen, die vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen ist und die parallel zum Siegeszug des Neoliberalismus stattgefunden hat. Die Massenpresse ist im Besitz weniger Eigentümer, die ihrerseits nicht nur eine politische Meinung, sondern gezielte wirtschaftliche Interessen haben. Sie haben dafür gesorgt, dass in ihrem Sinne berichtet wird, oder, um das Kind beim Namen zu nennen, dass die journalistischen Standards geschreddert wurden und von der Information übergegangen wurde zu einer systematischen Meinungsmache, die die politischen Entscheidungsprozesse gravierend beeinflusst.

Die Verhältnisse derer, die bei den einflussreichsten Pressehäusern beschäftigt sind, haben sich für den Großteil dramatisch verschlechtert, d.h. sie verfügen zu einem über prekäre Arbeitsverhältnisse, die die Daumenschrauben bei der Erstellung ihrer Arbeit gewaltig anziehen. Ein kleinerer Teil des journalistischen Korps wird hingegen mit dramatisch hohen Gagen versorgt. Sie sind diejenigen, die für die Richtung verantwortlich sind und die durch ihren Status so korrumpiert sind, dass sie dafür sorgen, dass keine kritische Berichterstattung gegen die Mogule einer zunehmend monopolisierten Wirtschaft zustande kommt.

Am Tag der Pressefreiheit wäre es angebracht, sich noch einmal über das Kartellgesetz in Bezug auf das Pressewesen zu beschäftigen und sich über die Arbeitsverhältnisse von Journalisten zu unterhalten. Solange diese Verhältnisse keine Erwähnung finden, ist es ein verlorener Tag.