Schlagwort-Archive: Green Onions

Blockakkorde und reine Lebensfreude

Milt Buckner. Green Onions

Heute hören sich seine Aufnahmen an wie Botschaften aus einer anderen Welt. Der 1915 in St. Louis geborene und 1977 in Chicago verstorbene Pianist und Organist Milt Buckner war ein Pionier ohne großes Gehabe. Er machte, wie man es salopp formulieren könnte, sein Ding. In der historischen Betrachtung gilt er als der Innovator mit dem Stil der Locked Hands. Milt Buckner begann damit, beidhändig gleiche wie divergierende Akkordanschläge zu einem Stilmittel zu etablieren, das im Jazz viele spätere Pianisten stark beeinflusst hat. Die Stilistik eines Red Garland, George Shearing oder Oscar Peterson ist ohne die Spielweise Milt Buckners nicht denkbar.

Auf einem Album, das nach dem Titelsong Green Onions benannt ist und weltbekannt nach der Version Booker Ts geworden ist, finden sich nicht nur Namen wie Roy Gaines (guitar), Roland Lobligeois (bass) sowie Panama Francis (drums) und Francis Silva (drums), sondern eine Reihe von Aufnahmen, die es wert sind, die Zeitmaschine anzuwerfen. Die Recording Sessions fanden am 21. Februar und 4. Juli (!) in Paris statt und waren somit kurz vor Butlers Tod. Mit dem genannten Opener Green Onions kommt eine Urgewalt zum Vorschein, die die ganze Lebensfreude und Wucht des Rhythm & Blues mit einer Emphase dokumentiert, die selten ist. Wer dabei keine gute Laune bekommt, hat weder Elan noch Humor in abrufbarer Nähe. Pour Tout Mes Soeurs ist eine Referenz an den Jazz eines Schnuckenack Reinhardt, was Roy Gaines große Intuition und Empathie bescheinigt. Since I Fell For You und Sleep wiederum sind Stücke, die sehr stark an den seinerseits Buckner sehr beeinflussenden Lionel Hampton erinnern. Und Milt´s Boogie Woogie wiederum ist eine Referenz an Roy Gaines, der zeigt, wie atemberaubend und dennoch lieblich melodisch eine elektrisch verstärkte Jazzgitarre daherkommen kann, ohne eine egozentrische Version der Profilbildung zu verursachen.

It´s The Talk Of The Town ist eine wiederholte Referenz an Lionel Hampton, die lediglich durch die Bass-Phrasierungen zu überzeugen weiß, wie Sweet Georgia Brown noch einmal Tempo und Stil der großen Hammond-Ära Revue passieren lässt und Buckners Virtuosität sowohl auf der Orgel wie auf dem Klavier deutlich macht. After You´ve Gone kann als eine Eskalation der Impulsivität von Orgel, Gitarre und Schlagzeug empfunden werden und zu dem Gefühl führen, dass historische Rekurse ihre zeitliche Begrenztheit haben, bei deren Überschreitung auch der Überdruss stehen kann.

Wie es so ist im Leben, Historie ist solange von großem Interesse, wie sie das Gefühl der positiven Reminiszenz nährt und die Entwicklungslinien in das Heute dokumentiert. Beides liefern die Stücke bis zu einem bestimmten Punkt. Bestand, d.h. emotionale Vereinnahmung wie rhythmische Inspiration liefert vor allem Green Onions. Da ist wahre Kraft im Spiel!