Schlagwort-Archive: Globalisierung

Symbolpolitik

Sie wird zunehmend zum Massenphänomen des Westens. Ob in der Bundesrepublik, in Frankreich oder Großbritannien, und zunehmend leider auch in den USA: Die Entmachtung der Parlamente und politischen Parteien hat ein Vakuum an tatsächlicher Gestaltungsmöglichkeit geschaffen. Die Beeinflussung der Geschehnisse, die das Wesen einer demokratischen Öffentlichkeit betreffen, ist so gut wie dahin. Politik als Arm der wählenden Bevölkerung vermag es nicht mehr, durch Gesetze und Verordnungen das Verhalten der verschiedenen sozialen Klassen und Subkulturen zu regeln. Längst operieren Unternehmen in globalem Maßstab und suchen sich für die verschiedenen Segmente ihres Wirtschaftens überall dort Niederlassungen, wo die Bedingungen für sie am günstigsten sind. Und längt ist das Monopol auf Hochqualifikation, Disziplin und Leistungsbereitschaft bei den Arbeitnehmerschaften des Westens nicht mehr weltmarktführend. Und längst gehen, um im Arbeitnehmerlager zu bleiben, Spezialisten und Hochleistungsträger in die Regionen der Welt, wo sie sich am besten entfalten können.

Zurück bleiben Länder mit relativ festen Strukturen und einer zunehmend reduzierten Reformfähigkeit. Die große Attraktion, sich für eine politische Partei zu entscheiden bestand jedoch immer darin, ihnen die Fähigkeit zuzugestehen, die wesentlichen Prozesse, die zur Gestaltung des gesellschaftlichen Daseins beitragen, gestalten zu können. Aber was, wenn die meisten Protagonisten, die man früher auf dem nationalen Territorium zum Gestaltungsduell stellen konnte, nur noch dann erscheinen, wenn sie es wollen? Und was, wenn die Strukturen, deren Veränderung einer Verbesserung vorauszugehen haben, nicht mehr durchführbar sind, weil Partikularinteressen so gut organisiert sind, dass sie jeden guten Einfall an ihren Lobbys zerbröseln lassen?

Auf der Suche nach einer emotionalen Mobilisierbarkeit ist die Politik in den meisten Ländern schnell fündig geworden. Statt tatsächlicher Gestaltung der Lebensverhältnisse fand man emotional beladene Einzelfälle. An ihnen werden die gegenwärtig sehr hoch gehandelten moralischen Ansprüche abgearbeitet. Eine lebenspraktische Relevanz haben sie nicht. Dabei erfahren die Parlamente eine sehr große Unterstützung durch die medialen Talkshows, die den politischen Einzelfall durchdeklinieren bis zum Erbrechen, um auszutarieren, wohin der Mainstream in Sachen Moralität tendiert. Je unbedeutender die Fälle für das Gemeinwesen in seiner Gesamtheit, desto hochgeladener kommen sie daher. Ob Adoptionsrecht oder fiskalischer Status von Homosexuellen, ob Beschneidungsurteil, ob rechtmäßige oder unrechtmäßige Doktortitel und selbst bei Projekten wie Stuttgart 21, niemals handelt es sich um Kontroversen, die eine derartige Überhitzung rechtfertigten, weil meistens Minderheiten und Teilregionen direkt davon betroffen sind und ein gesellschaftlicher Konsens und eine handlungsfähige Politik diese Fragen ohne großes Aufheben lösen könnten. Die wahrhaft großen Brocken, mit denen sich Gesellschaften auseinandersetzen, die noch eine Rolle in der Zukunft zu spielen gedenken, bleiben außen vor. Weder wird über die Zukunft der Arbeit, noch über Beiträge von Bürgern an das Gemeinwesen – bis auf die klassische Steuererhöhung versteht sich -, noch über die Zukunft unqualifizierter Arbeit, noch über eine zielgerichtete wie ökologisch und ökonomisch vertretbare Energieversorgung, noch über zivile Konfliktbewältigung oder die Rechte des Individuums und seine Verpflichtungen gegenüber dem Gemeinwesen gesprochen.

Je machtloser Politik geworden ist, desto geladener die Symbolpolitik, desto belangloser die Debatten, desto größer die Sehnsucht nach Bewahrung der Strukturen. Denn wer ahnt, dass er nicht mehr gestalten kann, will zumindest am Bewährten festhalten, solange es geht. Die Besitzstandskämpfe der Gegenwart sind ein Offenbarungseid gegenüber der Gestaltung und die Emphase, mit der die moralische Entrüstung vor allem aus dem Lager der politisch Korrekten vorgetragen wird, gleicht schon lange dem sinnfreien Gestammel derer, die der Verstand schon längst verlassen hat.

Der tendenzielle Fall der Longitudinale

Als ein Spezifikum der jetzigen Phase der Globalisierung wird sicherlich einmal ein Phänomen in die Geschichte eingehen, dass es in dieser Dimension vorher nicht gegeben hat: Die Erlebbarkeit von ahistorischer Synchronität. Mit der weltweiten physischen wie virtuellen Infrastruktur ist es uns möglich geworden, gleichzeitig im Hier und Jetzt der eigenen Zivilisation zu existieren und dennoch entlegene und anderen historischen Phasen und Kulturkreisen angehörende Zivilisationsstufen zu erfahren. Das ist eine höchst spannende Angelegenheit und ermöglicht es uns, Gesellschaften und ihre verschiedenen Sozialisationsstufen nicht nur im statischen Querschnitt, sondern auch in ihrem chronologischen Verlauf quasi wie unter dem Mikroskop zu beobachten. Das, was man derartig erleben kann, sind Phänomene hoch abstrakter Natur.

Menschen, die in unseren Zeiten weit herum kommen, berichten davon, dass sie in den Gebieten und Megastädten, in denen momentan quantitativ und qualitativ die größten Entwicklungen zu verzeichnen sind, Phänomene beobachtet haben, die sie eigentlich mehr in ihren eigenen Hochzivilisationen erlebt zu haben glaubten. Eines der herausragenden dieser Phänomene ist die Freiheit. Es decken sich die Beobachtungen, dass die individuelle Freiheit, die in den verrechtlichten Hochzivilisation beheimatet zu sein glaubte, in ganz anderen Auswüchsen in den Megametropolen der Dritten Welt und der Schwellenländer existiert. Nirgendwo fühlten sich gerade Mitglieder der zivilisierteren Welt so frei wie dort. In den gesetzten Rechtsstaatsgebilden hingegen wird ein wesentlich höherer Ordnungsgrad beobachtet, der nicht selten als Segen empfunden wird, weil er Gefahren minimiert, die Ästhetik erhöht und die Orientierung erleichtert. Und es fällt auf, dass wir ein Wechselverhältnis von formalisierter Zivilisation und Ordnung sowie ein Pendant von Anarchie und Freiheit zu verzeichnen haben. Je zivilisierter die Welt, desto mehr expandiert die Bürokratie, die die Formalisierung des Rechts begleitet und je weniger formalisierte Rechtszustände herrschen, desto größer die individuelle Freiheit.

Der Prozess der Zivilisation erscheint sofern als ein Prozess wachsender Gerechtigkeit, bei gleichzeitiger Minimierung der Freiheit. Der Schrei nach Gerechtigkeit, wie wir ihn heute in jedem Kontext unserer Gesellschaft vernehmen, mutiert somit zu einer Art letztem Wunsch, die nicht mehr spürbare Freiheit zumindest noch einmal betrachtet zu dürfen, wenn einem schon das Betasten verboten ist. Die Freiheit, in den höchst beglückenden Augenblicken der frühen Aufklärung als Longitudinale des Glücks bezeichnet, scheint somit tatsächlich so etwas zu sein wie der rousseau´sche Urzustand der größtmöglichen Erfüllung. Mit dem Wachsen der Zivilisation nimmt der Grad der Freiheit ab, er fällt quasi tendenziell, aber er gibt als Pfandschein die Gerechtigkeitspolice zurück an den Inhaber. Der Verlust der Freiheit ist bezahlt mit dem bürokratischen Gleichmaß und einer Gerechtigkeit in Unterreizung. Die wilde, ursprüngliche Freiheit, scheint in ihren Biotopen hingegen nur ein Glückszustand für diejenigen zu sein, die in der Lage sind, sich als Alphatiere durchzusetzen. Der tendenzielle Fall der Longitudinale ist die Ent-Abenteuerung der Welt und erhöht die Überlebenschance der Beta-Tiere ganz dramatisch, während die Alphadogs an Langeweile sterben.

Eskapismus und Globalisierung

Das alte Wort des Globetrotters hat zu Missverständnissen geführt, die nicht zu unterschätzen sind. Nicht, dass diejenigen, die sich historisch die Bezeichnung des Globetrotters redlich verdient hatten, dafür verantwortlich machen zu wollen, was heute an Mystifikation hinsichtlich einer falsch verstandenen Globalisierung die Runde macht. Die Globetrotter waren zumeist Freidenker und Abenteurer, die aus der Enge der Heimat in die Welt getrieben wurden, um ihren Horizont zu erweitern, Kenntnisse zu erwerben und der alten Heimat dazu zu verhelfen, die weite Welt etwas besser zu begreifen. Sie nahmen vieles auf sich, riskierten nicht selten ihr Leben und trugen dazu bei, dass es in manch dunklem Heimatland etwas lichter wurde, was die Welterkenntnis anbetraf.

Dann gab es diejenigen, die sich aufmachten, weil sie in der eigenen Welt nicht mehr zurechtkamen oder -fanden. Viele von ihnen fühlten sich eingeengt oder gestresst hinsichtlich der existenziellen Anforderungen, die die Heimat an sie stellte. Sie wollten dem entrinnen und sie wurden bekannt unter der Chiffre Aussteiger. Nimmt man die Metapher ernst, so verließen sie einen fahrenden Zug, weil sie das Bestimmungsziel nicht mehr erstrebenswert fanden. Auch ihre Motive sind nicht unbedingt zu kritisieren, denn schon Goethe wusste, dass der Mensch frei und sein Feld die Welt ist. Doch im Gegensatz zu Auswanderern, die wiederum in einem anderen Land ihre eigene Existenz errichten wollten, suchten die Aussteiger mehrheitlich Orte auf, die sie für geeignet hielten, sich auf keine zivilisierte Teilnahme an einem Gesellschaftsgebilde mehr einzulassen. Sie suchten Nischen, wo sie ihr Dasein in der gewünschten Form des Müßiggangs fristen konnten. Bedenkt man, dass es auf der Welt kaum Gesellschaften zu geben scheint, in denen man ohne ursprünglichen Besitz ein Leben ohne Leistung führen kann, dann liegt die Erkenntnis nahe, dass das Projekt des Aussteigens tendenziell zum Scheitern verurteilt ist.

So trifft man sie dennoch an, in vielen Ländern am Rande der großen Zivilisationen, zum Teil aus wirtschaftlich starken und komplexen Staaten kommend, wie sie sich entwickelt haben zu einer Kaste, die noch weit unter der untersten ihrer Gastländer figuriert. Je länger sie schon dort sind, desto desolater ihre Lage, desto größer die Kluft zwischen ihrem einst so großen Anspruch und dem täglichen Dasein. Man trifft sie zumeist dort, wo sich vielleicht die Touristen aus ihren eigenen Heimatländern herumtreiben, denen sie irgendwelche erbärmlichen Handarbeiten anbieten und Schauermärchen über ihre wunderbare Existenz erzählen. Dabei spielen sie die letzte Rolle und bezeichnen sich als die Pioniere der Globalisierung.

Letztere jedoch ist und war in den früheren, historischen Wellen immer ein Konstrukt gewaltiger Anstrengungen, die eigenen Leistungssphären zu erweitern, mit großer wirtschaftlicher Macht und mit kultureller Überlegenheit. Die Epochen der Globalisierung standen und stehen unter dem Zeichen der Perfektionierung und Optimierung. Aber auch sie produzierten die Flucht und das Aussteigertum. Der Eskapismus ist die Schattenseite der Globalisierung.