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Eine bedrückende Quintessenz

Robert Harris. The Ghost

Neu ist sie nicht, die Erkenntnis, dass Literatur durchaus imstande ist, Geschichte zu antizipieren. Dazu gehören allerdings Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die etwas mitbringen von der Fähigkeit, die der extravagante Tom Wolfe einmal als going into the dirt beschrieben hat. Genau er hatte die Erfahrung gemacht, als er in die verschiedenen, abstrusen und skurrilen Milieus der Stadt New York abtauchte, um aufzusagen, was er in dem Fortsetzungsroman Jahrmarkt der Eitelkeiten spann. Das Projekt wurde ein Welterfolg und viele Leser wunderten sich, dass später Dinge eintrafen, die vorher schon in einer Folge thematisiert waren.

Robert Harris ist Brite und nicht so ein Freak wie Tom Wolfe, aber das going into the dirt ist ihm bei einem Roman tatsächlich ganz besonders gelungen. Es handelt sich dabei um den Roman The Ghost, der Harris persönliche Abrechnung mit dem einstigen Freund und britischen Premierminister Tony Blair wurde. Erst bei der Lektüre wird hier vom Kontinent aus deutlich, wie viele Menschen und Weggefährten über den späteren Kurs des Erfolgspolitikers Tony Blair gelitten haben müssen. Vor allem unter dem, was dieser für sie bedeutet hatte und dem, was er später tat.

Anhand einer gut überlegten Story, die den Auftrag an einen Ghost Writer beinhaltet, an der Autobiographie weiterzuarbeiten, die ein anderer, der unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen war, begonnen hat, wird das politische Leben des mittlerweile nicht mehr amtierenden Premiers noch einmal Gegenstand der Handlung. Vor allem die Kapitel seiner aktiven Laufbahn, die sich um die Kooperation mit den befreundeten USA und deren Kampf gegen den Terrorismus drehen, werden zu einem von Konspiration, Seichtigkeit und Wahnvorstellungen dominierten Szenario, aus dem der ganze Irrsinn dieses von George W. Bush deklarierten Krieges spricht. So ist es kein Wunder, dass der arme Ghost Writer bei seinen Recherchen über immer mehr Widersprüchliches und Eigenartiges stolpert, bis er selbst in die nicht unberechtigte Phobie abgleitet, er selbst sei mit Leib und Leben bedroht.

In überzeugender Weise beschreibt Harris die Vorgehensweise der amerikanischen wie britischen Geheimdienste, die aus der Traumatisierung der Anschläge von 9/11 einen politischen Blankoscheck erhielten und loszogen, wie sie es sich immer einmal gewünscht haben. Und siehe da, die ehe lakonischen, nebensächlichen Beschreibungen von Abhöraktivitäten, Überwachungen, Bespitzelungen bis hin zu martialischen Verhörmethoden sind nahezu präzise Beschreibungen dessen, was heute die Öffentlichkeit in manchem demokratischen Land in Rage versetzt. Harris Roman stammt aus dem Jahr 2007, das nur nebenbei, und vielleicht als Note in den Journalen der politischen Entrüstung.

Sicher ist, dass Robert Harris ein Schriftsteller ist, der sehr gründlich recherchiert und dessen Recherchen sich nicht beschränken lassen auf den Besuch von Bibliotheken. Daher verwundert es nicht, dass vieles so realistisch herüber kommt, was uns heute bewegt. Das Absurde und Beunruhigende an diesem Roman ist, dass ein Szenario, welches vor sieben Jahren noch als eine aus politischer Enttäuschung skizzierte übertriebene Handlung zu interpretieren versucht wurde, heute nahezu als eine Dokumentation durchgehen könnte.

Das ist eine Note – und damit sind wir bereits bei der Klassifizierung – guter Literatur. Die Fähigkeit nämlich, Tendenzen, die bereits existieren, so zu zeichnen, dass sie eine Materialisierung in der Zukunft vorwegnehmen. Wenn es dann noch, wie bei Robert Harris nahezu garantiert, hoch spannend und in einer exakten Sprache geschieht, umso besser. Ein sehr guter Roman, aber eine bedrückende Quintessenz.

Visionen und Überväter

Philip Roth. Der Ghost Writer

Vielleicht ist Philip Roth ja eines der prominentesten Opfer der political correctness. Denn seit Jahren hält die literarische Welt bei den Stockholmer Beratungen zur Vergabe des Literaturnobelpreises den Atem an, um es vielleicht doch noch zu erleben, dass sein Name genannt wird. Bisher war das Hoffen vergeblich, denn statt den Namen dieses aus der amerikanischen Gegenwartsliteratur nicht mehr Wegzudenkenden zu hören, sind es andere, kaum beachtete oder wahrgenommene Autoren aus den Randlagen der alphabetisierten Zivilisation, denen diese Ehrung zuteil wird.

Philip Roth steht vor allem für die Auseinandersetzung einer amerikanischen Generation von Juden, die in den Staaten geboren wurden und einen Konflikt mit ihren immigrierten Vätern auszustehen hatten. Wie niemand sonst stellt er den Zerriss zwischen der alten und neuen Welt dar. In seinem 1979, also vor mehr als dreißig Jahren erschienenen Roman Der Ghost Writer ist der in mehreren Werken auftauchende, fiktive Schriftsteller Nathan Zuckerman in der Rolle des Beobachters wie der des Kombattanten. Zum einen besucht er den von ihm verehrten und bereits erfolgreichen Schriftsteller E. I. Lonoff, der selbstverständlich stellvertretend für die europäische jüdische Immigration steht, zum anderen reminisziert er während dieses Besuches den Dauerkonflikt mit seinem Vater, der ihm vorwirft, der jüdischen Gemeinde mit seinen entblößenden Short Stories zu schaden.

Desillusionierend auf den jungen Autor wirkt die Lebensferne und Steifheit des verehrten Lonoff, der von eiserner Disziplin getrieben und mit wenig Kreativität seine literarischen Werke produziert, der in eingefahrenen, stählernen Bahnen lebt und nicht einmal den Mumm hat, sich mit einer jungen Studentin einzulassen, die den großen Meister ebenso bewundert. Zuckerman hingegen projiziert in das anwesende Mädchen die Existenz der Anne Frank, mit der er sich vermählt, um die in seiner Phantasie stattfindende Auseinandersetzung mit dem Vater zu retten, wenn er sich als Brautstein einen Epitaph des alten jüdischen Europas wählt.

Das Skurrile der langsam und bedächtig fortschreitenden Handlung ist das Innovative, zu dem Roth in starkem Maße beigetragen hat. Übernahme psycho-analytischer Grundmuster in die Textur des Romans vor der Folie dieses jüdischen Vater-Sohn-Konfliktes war zur Zeit der Entstehung des Romans richtungsweisend. Es verstörte die Leserschaft anders als heute, und allein das, die doppelte Verstörung, ist Grund genug, sich das Werk noch einmal vorzunehmen.

In Ghost Writer blitzt bereits das auf, was Philip Roth in vielen nachfolgenden Romanen bis zur Meisterschaft getrieben hat. Es geht um Generations- und Kulturkonflikte, um Triebe und Leidenschaft und die Ramponierung aller Beteiligten, bei denen auch der sublimierteste Intellekt nicht vor der Verletzung schützt.