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Corona: Das Erfreuliche an der Resignation

Sie erinnern sich? Anfang des Jahres 2020, als ein neuartiges Virus von sich reden machte und von China aus die Welt eroberte? In Europa begann es zunächst in Italien seinen Siegeszug, dann ergriff es Österreich und gelangte aus einem Nobel-Skiort in fast alle Winkel des Kontinents. Abgesehen davon, dass mit dem Auftauchen sofort die Legenden aus dem Boden schossen wie die Frühlingsknospen, die sich vor allem mit der Schuldfrage befassten und an Feindbildern arbeiteten, ließ sich schnell identifizieren, wie unterschiedlich einzelne Länder versuchten, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Während China genaralstabsmäßig vorging, d.h. die Zentren der Verbreitung isolierte und rigoros dagegen vorging, versuchte man es in Europa zunächst sanfter, und in den USA wurde seitens der Administration die Gefährlichkeit des Virus exklusiv geleugnet. 

Erkenntnisse drängten sich auf. Globalisierte Lieferketten funktionierten plötzlich nicht mehr, ganze Produktionszweige gingen in die Knie, Medikamente waren nicht mehr lieferbar, medizinische Grundausstattung wie z.B. Masken in ausreichender Menge waren nicht verfügbar. Schnell stellte sich heraus, dass die Globalisierung mit ihrer multiplen physischen Interaktion eben auch dazu geeignet ist, Krankheiten schneller zu verbreiten und dass die Produktion nach dem exklusiven Motto der Kostenminimierung, egal zu welchem kollateralen Preis, die lokale Autonomie meuchelt wie in einem perfiden Krimi. 

Und als auch hierzulande der Normalbetrieb heruntergefahren wurde, da wurde vielen plötzlich deutlich, wie viel Überflüssiges den vom Mantra des ständigen Wachstums gepeitschten Menschen auf den Schultern lastet. Und als das alles deutlich wurde, leuchteten neue Horizonte auf. Plötzlich wurde davon gesprochen, was alles aus dieser gleich einer höheren Gewalt auf die Gesellschaft niedergekommenen Krise gelernt werden könnte. Und viele meldeten sich zu Wort. Und sie ergriffen die Chance, um von einer Zukunft zu träumen, in der vieles anders sein könnte, und vieles nicht mehr stattfinden sollte, was schon seit langem als destruktiv, Natur und Menschen zerstörend und ohne Perspektive angesehen wurde. Ja, die Euphorie trieb manche soweit, dass sie den Kapitalismus mit seinen Verwertungsprinzipien, der immer wieder erneuernde, immer wieder Kriege inszenierende, immer mehr die Natur zerstörende, der mit dem kalten Herz, dass dieser Kapitalismus am Ende sei.

Nun, heute, im Angesicht des zweiten Lockdowns, sind diese Stimmen leise geworden. Zu sehr wurde im Laufe dieses Jahres deutlich, dass von selbst sich nicht viel mehr wird ändern können. Die viel zitierte gesellschaftliche Vernunft hat anscheinend keine Stimme, solange die Ultima Ratio der Kapitalverwertung das Zepter in der Hand hält. Die Löhne werden weiter gedrückt, wie am verheerendsten in der Pflegebranche deutlich wurde, das Gesundheitswesen folgt nach wie vor der betriebswirtschaftlichen Logik, und daher wurden keine Kapazitäten erweitert, die Vernichtung von gesellschaftlichem Kapital durch Erhöhung der Rüstungsausgaben erfolgt verstärkt, die internationale Konkurrenz wird weiter gepflegt bis zur massiven Produktion von Feindbildern und Appelle an internationale Kooperationen verpufften. 

Die Menschen, die sich so sehr eine Umkehr im Denken gewünscht hatten, sind zu der Erkenntnis gekommen, dass es keinen Zweck mehr hat, an das Gute zu glauben. Anstatt zu resignieren, ist diese Erkenntnis das Erfreulichste an der ganzen Krise. Sie hat gezeigt, dass alles so bleibt, wie es ist, dass es vielleicht noch schlimmer wird, wenn man in Passivität verharrt und an irgendwelche Mächte glaubt, die die Welt zu einer besseren machen würden. Die gibt es nicht. Das ist zwar eine alte Weisheit, aber manchmal muss es schmerzen, dass so etwas dem kollektiven Bewusstsein wieder einfällt. Es rettet uns kein höheres Wesen. Kein Gott, kein Kaiser, kein Tribun. Uns von dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!    

Gemeinwohl oder Rollenspiel?

Die Kritik an dem Wachstumsmantra der kapitalistischen Produktionsweise ist alt. In Bezug auf den eigenen Erfahrungshorizont waren es die Grünen, die – historisch wieder einmal – den Finger auf die Wunde legten und die Frage stellten, ob die Vernichtungen, die ständiges Wachstum verursache, nicht weitaus schlimmer seien als die Überlegung nach einer anderen Form der Versorgung. Und, einmal unabhängig von wirtschaftlichen Handlungszwängen, wäre es nicht vernünftiger, die Frage zu stellen, was die Gesellschaft und ihre Glieder an Gütern und Leistungen brauchen, um ein auskömmliches Dasein zu führen? Alleine diese Überlegung und die Betrachtung dessen, was wirtschaftlich tatsächlich passiert, demonstriert den ganzen Irrsinn: Hier Warenhalden, die auf einen Markt warten, dort potenzielle Konsumenten, die sich diese Waren nicht leisten können. Hier hoch artifizielle Produkte für einen ganz speziellen Konsum, dort keine Versorgung mit Basisgütern, die eine hohe Qualität besitzen und, in Bezug auf den Ressourcenverbrauch, lange halten.

Ohne in jene lange, nichts bringende Diskussion um eine wie auch immer geartete Gesellschaftsform einzutreten, zeigen sich einfache Überlegungen oft als zielführender. Klar ist, dass das intrinsische Moment der Wachstumsforderung aus der originären Funktionsweise der kapitalistischen Produktion zu erklären ist. Wer als Unternehmer auf dem Markt ist, muss dort konkurrieren und möglichst viel verkaufen. Ist er oder sie erfolgreich, dann muss das gewonnene Geld in neue, verfeinerte Produktionsweisen gesteckt und noch billiger, schneller und besser produziert werden, um bei der nächsten Runde auf dem Markt erneut bestehen zu können. Wer nach einem Erfolg das Gewonnene verzehrt, wird in der nächsten Runde nicht mehr dabei sein. Die Rolle des Kapitalisten ist klar umrissen. Und die wird eingenommen, unabhängig von Bildung, Kultur, Sprache und Charakter. Wer mitspielt, muss die Regeln anerkennen, sonst ist das Spiel schnell vorbei.

Sollte nun nach einer übergeordneten Vernunft der tatsächliche Bedarf einer Gesellschaft maßgeblich sein, dann muss sich etwas ändern. Der Bedarf einer Gesellschaft wird zum einen individuell bestimmt, d.h. es ist – leicht – zu ermitteln, was die einzelnen Individuen, Familien und Lebensgemeinschaften benötigen, um selbstbestimmt und auskömmlich versorgt zu werden. Das ist Nahrung, Wohnung, Mobilität, Bildung und Kultur. Und es ist erforderlich, dass sich die Gesellschaft auf das einigt, was sie ihrerseits für ihre Existenz als lebensnotwendig erachtet. Und, es ist kein Mirakel, auch dort wird es um Versorgung ihrer selbst, um Bau, um Infrastruktur, um Schulen und Universitäten wie Konzerthallen und Theater gehen. 

Die beiden Bilder stehen in starkem Kontrast zueinander. Hier die Produktion ungeheurer Mengen von Gütern, von denen niemand weiß, wieviele tatsächlich zur Konsumtion kommen, dort ein ungesättigter Bedarf, der seit Urzeiten formuliert, aber nie gesättigt wird. Es scheint so zu sein, als ob die Besitzverhältnisse tatsächlich das sind, was die Welt des Wachstums, die die Verheerungen, unter denen der Globus zunehmend leidet, zusammenhält. Wer die Rolle des Kapitalisten spielen will, muss die Frage nach Bedarf und Versorgung in einem gesellschaftlich rationalen Sinne fürchten wie den Teufel. Zu Recht. Denn wenn die viel verpönte Regulierung greift, dann kann er seine Rolle nicht mehr so spielen, wie er das vielleicht muss, um weiter als Kapitalist existieren zu können.

Das Szenario, das sich vor dem Betrachter ausbreitet, ist recht einfach beschrieben: Fortschreibung des kapitalistischen Rollenspiels oder Gemeinwohl? Sollte letzteres die Präferenz haben, dann muss sich einiges ändern.