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Unser Mann in Jakarta

Als wir ihn zum ersten mal trafen, befanden wir uns auf einer Erkundungsreise. Wir wollten herausfinden, ob wir mit dem Land und der Kultur klarkämen, um dort für einige Jahre zu arbeiten und zu leben. Wir waren nach Jakarta geflogen und hatten uns in unserer Unwissenheit ein Hotel im Chinesenviertel ausgesucht. Dorthin, wo es derb zuging, Tag und Nacht viele rote Lichter brannten und Europäer nie zu sehen waren. In der Tasche hatten wir eine Telefonnummer. Das sei ein wichtiger Kontakt. Von dem erführen wir viel. Als ich ihn anrief und er hörte, wo wir residierten, hörte ich ein rauchiges Lachen und den Vorschlag, wir sollten uns ein Taxi nehmen und ins Zentrum kommen, da müsse er nicht rund um den Pudding fahren.

Der Mann, der uns als Experte für Indonesien empfohlen wurde, sah eher aus wie ein großer, intellektueller und etwas ungelenker Brite aus Graham Greene-Romanen. Tatsächlich war er Deutscher, lebte bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in Jakarta und kannte sich bestens aus. Jenes erste Treffen, das neben einem riesigen, rumpelnden Lautsprecher in einer Bar mit einer Liveband stattfand und bis zum frühen Morgen dauerte, diente dazu, uns eine Orientierung zu geben. Es reichte, uns zu überzeugen. Wir hatten danach Adressen und Kontakte in der Tasche, die wir alle nutzten und die weiterhin überzeugten, dass wir das Abenteuer Indonesien wagen wollten. 

Meine Tätigkeit bei einer Regierungsinstitution, die sich aufgrund zu erwartender und schließlich auch eintretender politischer Veränderungen radikal reformieren wollte, war auch der Ort, wo er sein Büro hatte. Er öffnete mir alle Türen, er gab mir Tipps und vermittelte mir Kontakte, auf die ich beim besten Willen nicht gekommen wäre. Ich lernte schnell, dass es auf die ankam, und nicht auf irgendwelche Organigramme. Und als 1998 Jakarta brannte und Soeharto gestürzt wurde, bot er an, uns mit einem Hubschrauber in Sicherheit bringen zu lassen. Kein Kontakt, den er nicht hatte. 

Sein Büro, in dem immer eine alte Klimaanlage gegen die Hitze hilflos anleierte, lag im Halbdunkel. Hinter einem großen alten Schreibtisch saß er, immer eine Kretek-Zigarette im Mundwinkel, was zur Folge hatte, dass er nie ein Hemd ohne Brandspuren trug. Eine seiner vielen Sekretärinnen brachte zuckersüßen, pechschwarzen javanischen Kaffee. Und dann wurden Pläne geschmiedet, die vom Anspruch die höchsten Vulkane des schönen Javas erklommen und die Touren und Routen in diesem Land der unzähligen Inseln beschrieben, die Abenteuer en masse versprachen. Java, Sulawesi, Sumatra, Lombok, Bali. Wir erlebten zusammen Schiffshavarien und Beinahe-Flugzeugabstürze, in der Regenzeit unbefahrbare Straßen. Manchmal saßen wir in Orten fest, die auf keiner Landkarte standen.

Er kannte gefühlt alle und alle kannten gefühlt ihn. Der Orang Jerman, wie ihn viele nannten, machte vieles möglich. Alles wurde versucht, um in diesem gewaltigen Land mit den unzähligen Kulturen zusammen mit diesen wunderbaren Menschen etwas zu verändern. Die Reisen mit ihm waren pure Abenteuer. Wir saßen bei Gouverneuren, Kapitänen, Philosophen, Fischern und in Spelunken, immer bei Kretek und einem Bintang Bier. Haute Volée und Tingeltangel wechselten sich ab, wir waren in Moscheen und Kirchen, in Hochschulen und auf Märkten. Immer wieder trafen wir Menschen, die ihm irgend etwas verdankten und ihn sehr respektierten.

Obwohl er in seinen letztendlich nahezu vierzig Jahren in Indonesien sicherlich sehr viel Geld verdient hat, war er nicht reich. Zum einen liebte er das Leben in vollen Zügen, er hatte mehr Beschäftigte, als er brauchte, nur um Arbeitsplätze zu schaffen und er bezahlte unzähligen Kindern die Schule und er lieh vielen, die sich selbstständig machen wollten Geld, das er nie wiedersah. Er scherte sich nicht um Besitz und Status, was ihm auf deutscher Seite schadete, auf der indonesischen allerdings nicht. Er speiste mit Präsidenten und Generälen und zählte Minister und Staatssekretäre zu seinen Freunden, er adoptierte einen Waisen und stellte dessen spätere Frau als Sekretärin ein. Als Person und Charakter erschien er vielen als unstet. Als Unterstützer derer, die es nötig hatten, war er ein stabiler Faktor.

Unser Kontakt blieb bis zuletzt. Wenn ich ihm schrieb, konnte es sein, dass ich monatelang nichts hörte. Dann kam, wenn ich gar nicht damit rechnete, eine Antwort, die sich präzise auf meinen letzten Brief bezog. So war er. Heute erhielt ich von einem niederländischen Freund, der auf Java lebt, die Nachricht, dass er in der letzten Nacht verstorben ist.

Vor kurzem noch las ich den Satz, dass Heimat nicht der Ort ist, wo man geboren wurde oder aufwuchs, sondern dort, wo man begraben werde. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob das stimmen mag. Bei ihm, unserem Mann in Jakarta, trifft er zu. Farewell, my friend! 

Gero von Harder: Das Verhältnis USA – China in Südostasien

Fragen aus Deutschland zum USA-Chinas-Verhaeltnisses in Suedostasien

  • Blick aus Indonesien –

Gero von Harder

Jakarta Nov 2021

Ein deutscher Freund stellate mir vor kurzem ein paar Fragen ueber das Verhaeltnis Chinas zu seinen suedostasiatischen Nachbarn, im besonderen Indonesien. Nach einigen Tagen des Ueberdenkens beantwortete ich seine Fragen :

Was uns hier umtreibt ist natürlich die neue Regierungsbildung. Ein wichtiges Thema wird die Außenpolitik in Zukunft spielen.

Wie positioniert sich Deutschland innerhalb der EU beim Konflikt zwischen der PRC und der USA.

Wir hören und lesen immer häufiger von Konflikten im Südchinesischen Meer, der Meeresenge zu Taiwan und erst kürzlich vom Stapellauf des ersten chinesischen Flugzeugträgers.

Interessanterweise gab es noch keine Berichte von Konflikten der PRC mit INO. Wird das unter der Decke gehalten? Oder sind sie nicht existent.

Ich weiß aber von chinesischen Bemühungen sogar im Einzelhandel in Bali Fuß zu fassen.

Du kennst Dich da aber besser aus. 

Wie ist deine Beurteilung des Verhältnisses zwischen INO und der PRC ?

Wie folgt:

Das Verhaeltnis zu China ist sicherlich fuer Deutschland ein interessantes Thema. Generell fragt man sich, wieso Deutschland mehr und mehr kritische Verhaeltnisse zu anderen Staaten hat. Wieso Russland zum Gegner aufgebaut wurde, bleibt in der Gedankenwelt von Politikern stecken. Russland ist um die Ecke, USA weit entfernt. Warum sich immer mehr Laender des ehemaligen Ostblocks von uns abwenden, ist eine weitere Frage. Warum es bis zum Mauerfall nur Deutsche gab und danach nur noch Wessis und Ossis, ist ein bedrueckende Frage. Das gespannte Verhaeltnis zu Griechenland ist ein Geschenk Schaeubles, zur Tuerkei Merkels. Nordeuropa und Teile der EU wenden sich mehr und mehr wegen der deutschen intolleranten Besserwisserei ab. Das traditionell enge Verhaeltnis zu Frankreich ist hin. In der Tat, es gibt sehr viel zu tun. Vielleicht hilft es, einmal wieder die politische Kultur und das Miteinander auf Vordermann zu bringen.

Das Verteidigungsabkommen zwischen US, UK und Australien (AUKUS) ist unter dem Vorzeichen grenzenloser diplomatischer Dummheit und Weltmachtdenken entstanden. Der Aerger mit Frankreich war vorhersehbar. Die bueffelige Art Australiens hilft, das australisch-franzoesische Verhaelnis nachhaltig zu stoeren. Aber was anscheinend keinem in Europa und USA aufgefallen ist, dass ein aehnlicher Vertragsbruch gegenueber Asien geschehen ist: Australien hat den regionalen Vertrag zur atomwaffenfreien Zone unterschrieben. Und das kann langfristig erhebliche Auswirkungen haben. Australien wird Atomtechnologie zur Verfuegung gestellt. Was glaubst Du wohl, was jetzt asiatische Laender, besonders Indonesien, haben wollen, denn von den haeufig rabaukigen Australienern militaerisch unterdrueckt werden zu koennen, ist ein australischer Traum, kein asiatischer.

Die asiatischen Laender haben sich bei der Auseinandersetzung zwischen China und USA stets neutral verhalten. Was haben sie auch von einseitiger Zuwendung zu den USA. Die Amerikaner kommen und gehen nach einiger Zeit – in den letzten Jahrzehnten ist das Gehen eher Niederlagen gleichzusetzen. Die Chinesen bleiben. Wenn die USA nicht Chips braeuchten, waere Taiwan fuer sie auch nur ein Spielball, mit dem sie die Volksrepublik reizen kann. Die Amerikaner waren auch nicht unbedingt als ideale Partner angesehen worden. Taiwan setzte in der Gruendungsphase auf Staatsbetriebe.

Vor allem wird Hong Kong und Taiwan eher als innerchinesisches Problem angesehen, was ja nicht ganz falsch ist. Es gehoert schon immense Chuzpe des Westens dazu, fuer die Freiheit der Menschen in Hong Kong offiziell zu kaempfen, wenn man die Geschichte ansieht. Hong Kong wurde China zur Strafe abgenommen, weil es keinen Opiumverkauf mehr im Lande haben wollte. Die Englaender wollten aber fuer den eigenen Wohlstand Opium verkaufen. Dafuer wurden Hong Kong Chinesen Menschen zweiter Klasse, und Millionen durften fruehzeitig sterben. 

Das fuehrt zu einer weiteren diplomatischen Eselei: Was hat Grossbritannien in diesem Buendnis zu suchen, das nur als Kolonialmacht in der Geschichte dieser Region aufgetaucht ist? Australien auch nur Weisse, auch nur eine Langnasen-Nation. Asiatische Laender sind nur asoziiert, bis hin zur Unwichtigkeit. Es ist also nicht erstaunlich, dass hier Begriffe wie Neokeolonialismus auftauchen.

Natuerlich gibt es ab und an Rumpeleien auf dem Meer. Es geht im wesentlichen um Fischgruende, denn China braucht Nahrung. Bisher ist das auf dem Niveau von den Kabbeleien zwischen Frankreich und UK. Gerade Indonesien haelt sich bei Meeresfragen zurueck. Zwar hat die vorhergehende Ministerin fuer Fischerei einen “Krieg” gegen illegal Fischerei gefuehrt und Schiffe versenken gespielt, aber China und Taiwan klauen gleichermassen, und indonesische Fischer klauen bei den Australiern, die wiederum nun Schirffe versenken. Die Gruendung einer nationalen Reservearmee findet zur Zeit statt, um die Selbstversorgung des Landes in der Landwirtschaft zu verbessern, die sich durch die Corona-Pandemie verschlechtert hat, nicht wegen Kriegsaengsten. 

Indonesien selbst ist wenig an Aerger mit China interessiert, zumal javanische Fuehrer traditionell wenig an Fischrei interessiert sind. Die Vorteile eines guten Verhaeltnisse ueberwiegen klar: Guenstige Finanzierung und vor allem schnelle Lieferung, mit letzterem schlaegt China saemtliche westliche Hilfe. (Chinesischer Einzelhandel auf Bali? Fuer die eigenen Touristen habe ich gehoert, aber z.Z. kein Thema, Corona-Ferien.) Die gegenwaertige Kabbelei, an der sich auch Australien beteiligt, kann Indonesien nur erfreuen. Man wird die qualitativ schlechte Kohle zu Spitzenpreisen los, in einem Monat 20 % Steigerung der Kohleexporte (von Russland 200 % innerhalb eines Jahres, Mongolei folgt, wenn dort Lockdown beendet)).

Apropos Kohle und Klimawandel. Hier wird China vorgeworfen, CO2-Produzent Nr. 1 zu sein. Gut moeglich, aber wofuer wird die Energie auch genutzt? 

Einschub chinesischer Begbau und Energieverbrauch: Vor kurzem hiess es in den News, dass die chinesische Magnesiumproduktion wegen Energiemangels reduziert wird. Muessten wir uns doch freuen, denn die Produktion ist sehr energieintensiv, und damit wird weniger Kohle gebraucht. Tun wir aber nicht, weil wir Magnesium brauchen. Genau wie bei den seltenen Erden, die nicht selten, aber nur energieintensiv zu produzieren sind. China hat mit billiger und oft minderwertiger Kohle diese Produkte fuer den Westen erzeugt, der sich von chinesischen Importen vollstaendig abhaengig gemacht hat. Stoppt China saemtliche derartiger Exporte dann verbessert sich die eigene Energiebilanz, die des Westens wird belastet. Aber keine Sorge, Australien will erst 2060 aus der Kohle aussteigen. In jedem Fall wird die westliche Energieumstellung deutlich teurer.

Wo USA bisher nun fuer Asien ueppig ins Budget greift, ist fuer die Botschafts-Neubauten in Bangkok (650 Mio. US$) und Hanoi (1,2 Mrd. US$). Die bisher teuerste Botschaft ist in London (1 Mrd. US$). Was nun die dabei mitgelieferten Abhoergeraete an Mehrwert fuer das jeweilige Land ist, bleibt unersichtlich.

Was ist Asien ausser dem Militaerpakt USA-UK-Australien bisher angeboten worden? Ich meine gelesen zu haben: 100 Mio. US $ fuer Covid-Impfungen von den USA, weitere Trinkgeldbetraege von weiteren Laendern. Die voellig einseitige Verteilung (und Verschleuderung) von Impfstoffen weltweit und die stuemperhafte Verteilung innerhalb des Westens haben sicher das Vertrauen nicht verstaerkt. Indonesien bezieht im Wesentlichen Impfstoffe aus China, Totimpfstoffe. Die nun neu bestellten Stoffe aus dem Westen sind ebenso Totimpfstoffe. Letztere sind uebrigens auch der vorhandenen Infrastruktur besser angepasst als die, die eine perfekte Kuehlkette mit hohen Minusgraden benoetigen.

Gerade Indonesien hat schlechteste Erfahrungen mit westlichen Partnerschaften. Man erinnere sich an den hollaendischen Entwicklungsminister Pronk, der 1992  mit seinem neokolonialistischen Auftreten die Schliessung der Intergovernmental Group on Indonesia (IGGI) bewirkte. IGGI hatte auch kolonialistische Zuege, denn Indonesien musste bei dieser Gruppe jaehrlich um Kredite betteln, die sie mit dem eigenen Oel zurueckzahlen musste. IGGI war nach der Staatspleite Soekarnos und der Machtergreifung Soehartos als Hilfsinstrument gegruendet worden. 

1998 folgte nach der Soros-Baht-Spekulation die Unterwerfung unter den IMF, die sich durch das toelpische Verhalten des damaligen IMF-Chefs zu einer Katastrophe entwickelte. Er hatte bei der Unterzeichnung des Vertrages in Siegerpose mit verschraenkten Armen hinter dem indonesischen Praesidenten gestanden. Dieser Gesichtsverlust hat viel an Glaubwuerdigkeit des Westens genommen. Diesen Knebelvertrag, der zudem verschiedene fatale Fehler hatte, die die Situation nur verschlimmerten, so schnell wie moeglich loszuwerden, war Ziel aller Nachfolgeregierungen. Die Schulden wurden denn auch vorzeitig beglichen und damit der Vertrag beendet. (Anm.: Soros verkauft sich im Westen als Retter der ungarischen Demokratie, hier hat er sich als legalisierter Krimineller dargestellt, der Millionen Menschen ins Unglueck gestuerzt hat.)

In diesem Jahr hat sich Norwegen mit seinem REDD+-Programm zur Bekaempfung der Abholzung ueber 1 Mrd. Euro verabschieden muessen. Es wurde gekuendigt. Norwegen fand  immer wieder Gruende, berechtigte Zahlungen nicht zu taetigen.

Westliche Traeger und Laender zeigen haeufig ausgesprochene Ungeschicklichkeit gegenueber asiatischen Laendern und deren Politikern. Es benoetigt mehr als Waffenrasseln des Westens, um sich voellig von China abzuwenden. Mehr Fingerspitzengefuehl macht auch Sinn. So sollte man nicht von Indonesien bis 2030 den vollkommenen Stopp der Abholzung verlangen, aber Australien Kohle bis 2060 abbauen lassen. Speziell Indonesien ist an der Wertschoepfung bei der Nutzung der eigenen Bodenschaetze interessiert. Philippinen und Indonesien haben wohl 45 % der weltweiten Nickelvorkommen. Daran ist Deutschland auch interessiert, aber in Deutschland verarbeitet. Wer hat hier wohl die erste Verarbeitungsanlage errichtet? China. Kupfer aus Papua wird nun bald auf Java verarbeitet werden, eine mittlere Windmuehle soll davon um die 55 kg in sich haben. 

Hier sei auch angemerkt, dass es bei der gegenwaertigen Pandemie eine Ausgrenzung der asiatischen Erfahrungen und Forschungen im Westen gibt, nicht nur der chinesischen sondern auch Laender wie Indien, Singapur, Taiwan und Japan. In dieser Region wird bereits seit 30 Jahren geforscht. Wenn das mit afrikanischen Forschern geschehen waere, hiesse das bei uns Rassismus. Immerhin werden einige der afrikanischen Forscher  ab und an in der Presse genannt, eine Ehre, die Forschern asiatischer Laender nicht zuteil wird. Diese Misachtung hilft nicht, Achtung voreinander aufzubauen.

Man kann nur wuenschen, dass sich die moderateren Kraefte im Westen durchsetzen, damit nicht Graeben entstehen, die nicht mehr ueberbrueckbar sind. Eine Ausgrenzung von China wird den Klimawandel sehr verteuern, denn in vielen technischen Bereichen wie Batterien sind die Chinesen dem Westen meilenweit voraus. Im uebrigen sollte der Rest Asiens nicht nur als Rohstofflieferant angesehen werden.

Manmade Tsunami in the City – Ein Gastbeitrag von Gero von Harder aus Jakarta

Manmade Tsunami in the City

Gero von Harder

Jakarta, am 25. Januar 2020 handgeschrieben

Es ist schon ein merkwuerdiger Zufall, dass ich heute ein Buch von Tiziano Terzani (A Fortune Teller Told Me) beendet habe, das seine einjaehrige Abstinenz von Flugreisen als Spiegel-Auslandskorrespondenz in Asien beschreibt. Gleichzeitig geriet ich selbst unfreiwillig in eine andere Abstinenz. 

Was war passiert? Meine Umgebung wurde nach haeufigen schweren Regenfaellen in den letzten Tagen “geflutet”, was gleichbedeutend mit Ueberschwemmung und Abschaltung der Stromversorgung ist, um Braende zu verhindern. Als erstes war ich erst einmal stinksauer, denn die Ueberschwemmung war nicht notwendig gewesen. 

Zur Erklaerung: In der naeheren Umgebung hat die Marine einen Wohnkomplex fuer ihre Angehoerigen gebaut, sicherlich nicht fuer die niedrigen Grade. Schon bei Baubeginn vor ueber 30 Jahren lag das Gebiet unter dem Meeresspiegel. (Zu dem damaligen Zeitpunkt lagen nur 10 % von Jakarta unter dem Meeresspiegel, heute sind es 40 %.) Von der Stadt wurde eine Schleuse gebaut, um das Wasser in der Regenzeit zu kontrollieren. Eigentlich sollten Fachleute der Stadt die Schleuse bedienen. Doch Marineangehoerige wollten sicherstellen, dass sie immer trockenen Fusses nach Hause kommen koennen. Also haben sie eigene Leute mit MPis bewaffnet dorthin abkommandiert und zum militaerischen Sperrgebiet erklaert, zwar illegal, aber wer etwas dagegen hat, laeuft Gefahr, sich danach mit einer Bleivergiftung herumschlagen zu muessen.

Nun fallen Marinekraefte eigentlich nicht durch Schleusenkenntnisse auf. Wenn einem hoeheren Grad jedoch einfaellt, dass sein Haeuschen demnaechst unter Wasser stehen koennte, gibt er den Befehl, die Schleusen voll zu oeffnen, damit es die Nachbarn abbekommen, natuerlich ohne Vorwarnung und morgens um 2 oder 3 Uhr. Da kommen derartige Wassermassen, dass in ein bis maximal 2 Stunden Hunderte von Haeusern 30 – 40 cm unter Wasser stehen. Hier gibt es eine recht gute Drainage, aber solche Massen in einem  so kurzem Zeitraum schafft das System nicht. Warum diese Doedel das Wasser nicht langsamer und frueher ablassen konnten, ist wohl nur einem militaerischen Dickschaedel verstaendlich. Dann haette es die Drainage geschafft, denn nach 24 Stunden ist das Wasser abgeflossen.

Die Verluste sind betraechtlich, denn die Gegend gilt als ueberschwemmungssicher. Deswegen stellt man auch wasseranfaelligere Sachen in Bodennaehe. Nicht doll, wenn man Sachen in der Wohnung herumschwimmen sieht, die vollen Buecherschraenke die 3 unteren Buchreihen unter Wasser stehen und der Kuehlschrank wohl seinen Geist aufgegeben hat. Fuer Autobesitzer steht die Freude eines abgesoffenen Wagens vor der Tuer. Motorraeder werden manchmal gerettet, indem sie in das Obergeschoss gebracht werden, wenn nicht vorhanden, dann beim zweistoeckigen Nachbarn. (Schon ueberraschend, wenn man schlaefrig aus dem Schlafzimmer kommt und vor einem fremden Motorrad steht. Mir vor ca. 15 Jahren passiert. Gott, hatte ich damals noch einen guten Schlaf!) 

Wenn man sich ueber all diese Dinge wieder abgeregt hat, was einfacher in einem zweistoeckigen Haus ist (unten nass, oben tendenziell trockener, wenn das Dach dem Regen an entscheidenden Stellen standhaelt – es hielt), beginnt die Tageswirklichkeit. Und da ist die Ueberschwemmung zwar aergerlich, aber der Stromausfall haut voll rein. Nun merkt man einmal, wie abhaengig wir inzwischen von Elektrizitaet sind. 

Hier in Jakarta gibt es dann auch kein Leitungswasser. Nach einer Toilettenspuelung ist der leichte Plastikeimer (Gott sei Dank noch nicht wieder aus Eisen)  und der Gang in den ueberschwemmten Teil der Wohnung zum Wasserholen angesagt. Unwahrscheinlich, wie sich da der Wasserverbrauch fuer Toilettenspuelungen reduziert. Duschen faellt komplett aus. Man kann auch nicht die durch die Ueberschwemmung verdreckte Waesche per Hand waschen. So etwas macht man hier noch.

Morgens ist es relativ ruhig, denn nur wenige Mullahs haben einen Genset und nicht viele haben eine so kraeftige Stimme, dass sie auch ohne Lautsprecher auskommen. Sicherlich wird es bald mehr Generatoren geben, denn durch Besitz von einem konnten drei von ihnen den Rest der Kollegen vorfuehren.

Wenn man einen Elektroherd hat, dann fallen der Morgenkaffee und das Morgenei aus, Mittagessen sowieso, Nachmittagstee ist sich nichts und Abendessen der Tagestempe- ratur entsprechend warm. Sollte man eine Tiefkuehltruhe haben, sollte der Stromausfall nicht zu lange dauern, denn nach einer Weile stinkt es, und die Nachbarn koennen die Nahrungsmittel auch nicht gebrauchen, weil sie ja auch nichts verarbeiten koennen. Uebrigens pflegen Tiefkuehltruhen nicht im oberen Stockwerk zu stehen, was Wasserschaeden sehr wahrscheinlich macht.

Stromausfaelle wegen schwerer Regenfaelle gab es  seit Neujahr schon mehrfach. (Diese Regenzeit ist extreme niederschlagsreich mit den hoechsten Tages-Niederschlaegen seit ueber 100 Jahren.) Dann fuhr man einfach in eine der fast 300 Malls von Jakarta mit ihren eigenen Generatoren, wo es Dutzende von Restaurants, Cafes und Bars drinnen und oft auch im Freien gibt. WLAN gibt es ebenso, sonst kaeme kein Kunde. Nur gab es da keine Ueberschwemmung in meiner Gegend, jetzt aber war der Verkehr total ins Wasser gefallen. Paar Kilometer Wassertreten mit vielen Schlagloechern ist keine echte Alternative.

Dann merkt man erst richtig, dass es noch ganz andere Dinge gibt, die den Lebens-rhythmus durcheinanderbringen. So gibt es kein Licht, und hier in der Naehe des Aequators ist es knapp 12 Stunden am Tag dunkel. Was macht man nun am Abend? Lesen? Bei Kerzenlicht, wenn hoffentlich noch vorraetig? Kein grosses Vergnuegen. Die alte Petromaxlampe, mit der man die Lichtstaerke per Pumpe regulierte, ist schon seit langem nicht mehr im Haus. Kann man sich ja einen gemuetlichen Abend mit dem Mitbewohner machen (PartnerIn, Untermieter, Freund, was immer, wenn ueberhaupt vorhanden). Anderes? Wer hat noch Spiele Zuhause oder ein nicht-elektrisches Musik-instrument?

Aber was wir reichlich haben, dass ist elektronische Kommunikation, von der man nun ohne Strom ausgeschlossen ist. Ich lasse hier einmal TV und Radio beiseite, die auch wegfallen. Handy, Tablet, Laptop laufen noch so lange wie die Batterien halten, Wiederaufladen derzeit nicht moeglich. Wenn man am Kabel haengt, hilft auch kein Laptop mehr. (Gibt natuerlich noch andere Wege, die dann alle anderen auch nutzen wollen, was zur Ueberlastung der Sendewege und damit auch zum Absturz fuehrt.)

Von Nachrichten und Informationen ist man abgeschnitten. Eine Nachrichtenstille moechte ein jeder wohl gern ab und an haben, hat er bloss nie, weil er sie eigentlich gar nicht moechte. Bei Stromausfall ist Nachrichtenentzug von aussen verordnet. Das stoert uns doch nicht! Wir sind natuerlich stark und von nichts abhaengig! Deswegen stehen wir darueber! Nur das Wahlergebnis von Hamburg haette ich doch ganz gern gewusst.

Schon interessant, einmal fuer etwas laenger (wir reden ueber ein bis zwei Tage)  ohne Strom zu sein. Es laesst Zusammenhaenge, Abhaengigkeiten, Selbstverstaendlichkeiten in einem anderen Licht erscheinen. Danke fuer diese Erfahrung. Ich brauche sie nicht weiter zu vertiefen. Schliesslich habe ich erst vor drei Tagen meinen PC fuer einige Piepen reparieren lassen. Ach ja, irgendwann werde ich mich auch auf die Suche nach einem Ersatz fuer den Kuehlschrank machen, der ueber das Wasser so toedlich beleidigt war. Das hat aber Zeit.