Schlagwort-Archive: Fußball

Die Pocke bleibt im Keller!

Es ist Halbzeit und die Pocke bleibt jetzt erstmal im Keller. Nach der WM im letzten Jahr war alles anders. Der Titel in Brasilien wirkte wie ein Intermezzo, über das sich so niemand richtig freuen konnte. Zuerst wohl, aber nachhaltig, wie es hier so furchtbar heißt, nachhaltig war die Freude nicht. Das lag daran, dass alle wussten, wie langweilig die nachfolgende Bundesliga werden sollte. Und alle behielten Recht. Nach der gefühlten Schmach von zwei Dortmunder Titeln hatten die Bayern den Krieg erklärt, Werkspionage und Agentenkauf betrieben und dann noch das Monster mit der neuen Fußballtechnologie verpflichtet, das als Separatistenikone von Katalonien in den Freistaat wechselte. Dort implementierte er den fußballerischen Drohnenkrieg, sehr erfolgreich, aber todlangweilig.

Und jetzt, nach der Hälfte der Folgesaison, nahezu das gleiche Bild. Mental hat es das Publikum aber immerhin geschafft, sich damit abzufinden, dass der Titel schon vergeben ist und der Rest um andere, auch attraktive Plätze spielt. Das hört sich nett an, aber den wirklichen Kick vermittelt es nicht, Hand aufs Herz. Das ist wie Casino ohne Geld oder Brause aus Sektgläsern. Die Monopolisten von der Isar haben dem republikanischen Publikum die Schule fürs Leben versaut. Ja, der paradigmatische Charakter des Fußballs offenbart die ganze Misere.

Fußball ist immer eine Metapher für die Kooperation im Inneren und den Wettstreit der Kooperationssysteme gegeneinander. War der letzte große Paradigmenwechsel im Fußball die Rolle des Einzelnen gewesen, der vom Spezialisten zum Allrounder wurde und alle Aufgaben wahrnehmen musste, so wie jeder im Arbeitsleben das auch zu durchlaufen hatte, so ist das System Guardiolas das des Wettstreits. Sein System ist das des Nicht-Kontakts, des Zuschlagens aus dem Nichts, analog zur Drohnentechnologie. Es geht nur untergeordnet um Kooperation, in Wahrheit aber um einen einseitig sauberen Krieg und Dominanz. Das Spiel Bayern Münchens ist ein Abbild der Misere unserer Zeit. Die Ethik liegt im Gully, Dominanz an sich ist das Ziel. Erdacht haben sich diese Skala pathologische Narzissten, und die Resonanz zeigt, dass ihr krankes Hirn noch fasziniert.

Der Rest der Liga macht das, was die Konkurrenz im Arbeitsleben eben auch macht. Sie sind mal gut und mal schlecht, diejenigen, die viel investiert haben und nicht das entsprechende Ergebnis erzielt haben, gucken entweder dumm aus der Wäsche oder sie suchen Schuldige. Verantwortung dafür tragen in erster Linie immer die Trainer und einige von ihnen wurden bereits entlassen. Andere, die mehr erreicht haben, als sie vorher spekulierten, sie machen ein anderes, ebenfalls bekanntes Spiel, denn sie schauen vielsagend in die fragenden Gesichter, um zu suggerieren, dass sie mehr wussten, als sie erzählt haben. Aber spätestens nach der nächsten Niederlage ist dieser Zauber dahin.

Die großen Traditionsclubs, die die syndikalistische Professionalisierung a la Bayern nicht vollzogen haben, sind in diesem großen Kampf ins Schlingern geraten, der HSV scheint sich zu berappeln, Stuttgart muss ernsthaft bangen und Schalke, ja Schalke ist immer besser als der Rest, egal, wo sie stehen, sie sind der Verein der Solidarität, ihn ficht eigentlich nichts an.

Nun geht der Pep und Ancelotti soll kommen. Das kann dem deutschen Fußball nur gut tun. Letzterer hat mit Drohnen nichts am Hut, das ist ein kultivierter Mann, da fragt sich nur, wie lange es er bei den Barbaren aushält. Und Dortmund wird sich etwas einfallen lassen müssen. Ob ein Trainer, der eine esoterische Terminologie absondert, eine Krise im rauen Stimmengewirr des Ruhrgebiets übersteht, das ist schon eher zweifelhaft. Aber, es bleibt spannend, wenn der Atem lang ist!

Fußball als Kriminalgeschichte

Philip Kerr. January Window

Nirgendwo werden kollektive Emotionen so ausgelebt. In manchen Familien vergleicht man es mit den großen Schicksalsschlägen, die nur Kriege und Katastrophen über Einzelschicksale bringen. Und es geht um Geld. Um sehr viel Geld. Nicht nur, weil diejenigen, die dem Genre verfallen sind, über diese Kanäle zum Konsum bewegt werden können. Sondern auch, weil sie es sind, die meistens auch woanders bestimmen, was gekauft wird und was nicht. Wie verfallen die einen, so verständnislos die anderen. Alle, die sich im Metier bewegen, ob aktiv oder passiv, teilen die Passion und die Exklusivität, und alle, die außen vor bleiben, runzeln die Stirn, weil sie die Intensität um etwas scheinbar so Lapidares kaum begreifen. Es geht um Fußball, was sonst.

Eben wegen der Intensität und der Omnipräsenz des Fußballs ist es relativ überraschend, dass er in der Literatur eine eher untergeordnete Rolle spielt. Das hat weniger mit der von den Fußballgegnern unterstellten Primitivität der sich dort tummelnden Akteure zu tun, denn die Fußballwelt ist ein realistischeres Abziehbild einer Gesellschaft als alle anderen Milieus. Und dennoch: Die schreibende Zunft hielt sich lange fern. Einer, natürlich ein Brite, genauer gesagt ein gebürtiger Schotte, der in London lebt und sich als Arsenal Fan geoutet hat, ist der Kriminalautor Philip Kerr. Als solcher genießt er internationalen Ruf, vor allem wegen seiner Romane über den in der Nazi-Zeit in Berlin ermittelnden Bernie Gunther, in denen erstklassige Kriminalgeschichten mit einer kritischen Reflexion der politischen Zeitumstände verwoben werden.

Philip Kerr nun hat sich an das Thema Fußball herangewagt und mit der Figur Scott Manson bereits den Protagonisten für weitere, in der Fußballwelt spielende Kriminalgeschichten, geschaffen. In dem Roman January Window, der Titel ist der englische Ausdruck für das Transferfenster zwischen Hin- und Rückrunde, geht es um alles, was in der intensiven britischen Fußballwelt von Belang ist. Um Spieler und deren Transfers, um Homophobie in der Öffentlichkeit und der Angst, sich zu outen, um osteuropäische Sponsoren mit ungeheuren Vermögen und zweifelhafter Vergangenheit, um versteckte Gelder und Erpressung, aber auch um Enthusiasmus, um Leidenschaft, um Ehre, um Loyalität und um Tragik. In der von Kerr gewählten Handlung tauchen reale Vereine auf, fast alle Londoner Clubs werden erwähnt, Akteure wie Arsene Wenger und José Mourino kommen zu Wort, aber die eigentliche Handlung spielt bei einem fiktiven Verein und mit fiktiven Akteuren.

Vielleicht ist diese Konstruktion genau das, was ein wenig ablenkt und irritiert oder die Fiktion etwas unglaubwürdig erscheinen lässt, weil der Lesende immer wieder versucht, das in der Fiktion Normale mit der Unglaublichkeit in der Realität zu vergleichen und zu zweifeln beginnt. Dennoch ist das Buch ein Thriller, produziert von einem, der sich bestens auskennt sowohl im Handwerk des Kriminalautors als auch im Metier des Fußballs. January Window ist vielleicht nicht der spannendste Krimi, aber es ist eine sehr gelungene Milieustudie, die die Freiheit genießt, sowohl die faszinierenden wie die abstoßenden Seiten ein und derselben Welt miteinander konkurrieren zu lassen. Vielleicht ist es dadurch sogar ein Buch, das denen empfohlen werden sollte, die mit Fußball nichts am Hut haben. Abgelenkt durch eine spannende Handlung erführen sie mehr über diese Welt, als sie es sonst, durch Vorurteile imprägniert, zuließen.

Es geht nicht um den Fall des BVB!

Die Zeitungen versuchen sich zu übertreffen. Mehrheitlich schreiben sie vom unerwarteten, wundersamen Absturz des BVB. Der Verein und der Trainer, die in den letzten Jahren nicht nur die Bundesliga, nein, sogar ganz Europa mit einer erfrischenden, beseelten wie erfolgreichen Spielweise beglückt haben, dieser Verein und dieser Trainer stehen nach 13 Spieltagen auf dem letzten Platz der Bundesligatabelle. Und teils empathisch, teils genüsslich wird darüber berichtet, wie armeselig sich die Spielweise des Ensembles präsentiert und wie versteinert der Trainer daher schaut. Ganz nach dem Motto: Die Wege zumindest des Fußballlebens sind unergründlich und treffen kann es jeden.

Aber ganz so ist es natürlich nicht. Die immer noch in den Büchern als FC Bayern geführte Vereinigung war durch den Dortmunder Himmelssturm zumindest für zwei aufeinander folgende Jahre seines gefühlten Monopols beraubt worden, was dazu geführt hat, dass das Vorstandspersonal in einer konzertierten Aktion damit begann, sehr gezielt, die Leistungsträger des Konkurrenten abzuwerben. Die Verkündigung des Wechsels von Mario Götze kurz vor dem Championsleague-Finale war der erste, emotional auch wuchtige Schlag gegen den BVB. Der zweite folgte im Endspiel selbst, bei dem es zweifelhafte, spielentscheidende Handlungen des Schiedsrichters gab. Dass Dortmund das nicht reklamierte, sprach und spricht für ihre sportive Größe.

Der dritte Schlag folgte mit der Verpflichtung von Lewandowski und der vierte wird bereits angesetzt mit der Ankündigung der vorgesehenen Verpflichtung von Marco Reus. Die Gepflogenheiten, mit denen die mehrheitlich vorbestraften Protagonisten des als Fußballverein geführten Zusammenschusses vorgehen, hätten in der zivilen Geschäftswelt bereits zu staatsanwaltlichen Ermittlungen geführt, in der Welt des Fußballs führt sie allerdings zu großem Respekt und Bewunderung. Kaum eine Fachzeitschrift, die sich nicht in wohl meinenden Superlativen ergießt.

Resultat des feindlichen Angriffs auf den BVB ist das Durchsetzen eines tatsächlichen Monopols, und das auf lange Sicht. Langeweile macht sich bereits heute breit, weil einerseits eine Liga um die Ränge 2 – 18 kämpft und andererseits das Syndikalistenensemble den ersten Platz auf Jahre gebucht hat. Diese Situation hätte nicht nur in der Wirtschaft rechtsstaatliche Folgen, auch in der nationalen wie internationalen Politik führte er zu heftigen Verwerfungen. National trifft der Vergleich mit einem Einparteiensystem wohl die Umstände am präzisesten, international wäre ein Zusammentreffen von erster und dritter Welt die beste Metapher.

Fußballerisch ist es so wie im richtigen Leben: Nach einem grandiosen Erfolg der Nationalmannschaft, die ihrerseits unter anderem ein Produkt von Vielfalt und Toleranz ist, bricht nun die bleierne, graue Zeit monopolistischer Dominanz an, die letztendlich zu einer strukturell ganz anderen Herausforderung führen wird. Nach langen Zeiten der Langeweile wird sich irgendwann ein Unwille breitmachen, der sich hoffentlich in völligem Desinteresse gegenüber den Stargladiatoren des Monopols äußern und in einer Konzentration auf niederklassigeren Fußball Luft schaffen wird. Dominanz ohne Chance ist Tristesse für alle, die sich im Wettbewerb messen wollen.

Da stellt sich tatsächlich die Frage, was eigentlich an den gegenwärtigen Zuständen, oder schlimmer noch, an den Verursachern der Verödung noch faszinieren soll? Eine Selbstgefälligkeit, die nur noch als ein wiederum neuer Superlativ der Erbärmlichkeit gelten kann, eine das Augenmaß verlassende Ausbeute, oder der tausendfache Jubel gegenüber denen, wie auf der letzten Hauptversammlung geschehen, die auf das Recht in diesem Lande pfeifen?

Es geht nicht um den Fall des BVB. Es geht um die Vernichtung des Wettbewerbs im Fußball. Und der BVB, das sind im Moment alle, bis auf das Syndikat. Und das schreibt ein eingetragener Schalker. Aber Blut ist dicker als Wasser!