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Fundstück: Voll auf Kurs

27.01.2016

Alle, die meinen, sie befänden sich in einem heillosen Tohuwabohu, sei gesagt: dem ist nicht so. Die Berliner Republike ist voll auf Kurs, ohne Abweichung, nicht einmal im Toleranzbereich. Nur, und das ist die Einschränkung, es ist kein eigener Kurs, sondern einer, der in den fernen USA ausbaldowert worden ist, gegen das eigene Volk und den Rest der Welt. Das, was George W. Bush in seinen acht Jahren seinem eigenen Land verschrieben hat, wirkt jetzt in der Welt nach und die Regierung der Bundesrepublik Deutschland entpuppt sich als eine Gruppe von Bushianern. Sie führt den Krieg gegen das Böse und betreibt rigoros die Politik der Globalisierung. Dabei ist sie bereit, irrwitzige Kollateralschäden hinzunehmen und führten sie auch zur eigenen Demontage.

Die Proklamation des gerechten Krieges gegen das Böse als vermeintliche Reaktion auf die Anschläge auf das World Trade Center in New York im Jahr 2001 durch den damaligen Präsidenten George W. Bush leitete einen Revisionismus ein, wie ihn die Weltgeschichte selten gesehen hat. Das erste Opfer waren nicht die armen Teufel im afghanischen Hochland, die aufgrund der Detonationen der tonnenschweren amerikanischen Symbolfracht das Gehör verloren, sondern die amerikanische Gesellschaft selbst. Alles, was dort noch an funktionierenden Verfassungsorganen und demokratisch-zivilisatorischen Errungenschaften in der Landschaft stand, fiel den Attacken der finanzkapitalistischen Generaloffensive und der Generalmobilmachung durch den militärisch-industriellen Komplex zum Opfer. Die Amerikaner selbst reden, wenn sie über das erste Jahrzehnt im neuen Jahrtausend nachdenken, von The Unwinding, der Abwicklung, und damit meinen sie das, was ihre Gesellschaft an demokratischen und freiheitlichen Grundsätzen bereit war, ihren Bürgern zu garantieren.

Und, wie es sich für eine Weltmacht gehört, waren die Grenzen sehr schnell überschritten und das Postulat einer neuen Weltordnung verkündet. Das begann mit dem Krieg gegen Afghanistan, setzte sich mit dem gegen den Irak fort und füllt mittlerweile Bände von Beispielen für einen so genannten Regimewechsel, der immer, bei jedem Beispiel und in jedem Fall, zu einer drastischen Verschlechterung der Lage der betroffenen Bevölkerung geführt hat. Die ehemaligen Herrscher oder Systeme sind weg, es herrschen Entstaatlichung und Chaos, der IWF, die 5. Kolonne der amerikanischen Hegemonialmacht, destabilisiert eine Region nach der anderen.

Auch Europa gehört zu den Opfern, die ehemaligen ost-europäischen Volksdemokratien, die nach den Schockbädern des Wirtschaftsliberalismus nun vor neuen, heftigen Kämpfen stehen, die die Region abermals destabilisieren werden, bis zur Vernichtung der europäischen Südens und der jetzigen Destabilisierung Zentraleuropas. So, wie es scheint, geht der Plan auf. Europa wird geschwächt und der einzige strategische Bündnispartner, mit dem Europa die USA ausstechen könnte, Russland, ist diskreditiert als vermeintlicher Todfeind. Schlimmer konnte Europa, das bekanntlich bis zum Ural reicht, nicht gegeneinander ausgespielt werden. 

Der Kampf gegen das Böse ist noch lange nicht zu Ende. Seit langem tobt ein Krieg, teils heiß, teils kalt, der nichts anderes zum Ziel hat, als den Zugriff auf die Energieressourcen dieser Welt und der dazu gehörigen Logistik zu sichern. Wäre das für die USA nicht mehr gewährleistet, so wäre das Imperium schnell Geschichte. Deshalb der Eifer in der Destabilisierung sämtlicher Weltregionen. Die Ordnung, die dem amerikanischen Zeitalter die Dominanz gewährt, ist das Chaos, die Destabilisierung von Staaten, die radikale Privatisierung und die Entmannung der Politik als Artikulations- und Gestaltungswesen des Staates schlechthin. In Anbetracht dieser Gemengelage ist die Regierung hierzulande voll auf Kurs.

Fundstück: Denn sie können nicht, was sie tun…

22. April 2009


Seit langem kursiert das nicht zum Schweigen zu bringende Gerücht, dass Wladimir Iljitsch Lenin, der Machtmensch, Stratege und geniale Reduzierer von Komplexität einmal erklärt haben soll: Wann haben wir einen revolutionären Zustand? Dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen! Und ob diese Kurzdefinition nun von Lenin daselbst gegeben wurde oder nicht, ist für die weitere Betrachtung unerheblich.

Tatsächlich nämlich ist die Kurzformel sicherlich eine sehr treffende Beschreibung für eine existenziell gesellschaftliche Krise. Wenn die Herrschenden, Mächtigen und Funktionsträger mit ihrem Latein am Ende sind, muss das noch lange nicht heißen, dass sich etwas ändert. Denn die große Masse kann dennoch dumpf dem Niedergang zuschauen, ohne dass sie sich bequemen würde das Vakuum, welches sich durch Unfähigkeit und Planlosigkeit auftut, mit Zorn und Unwillen zu füllen und nach Alternativen zu suchen. Und besonders der deutsche Michel ist seit jeher als Genosse Gleichmut und Bruder Wurstigkeit eine durchaus beständige Größe im Ablauf der Zeit.

Ist jedoch auch unten, dort, wo produziert und konsumiert wird und wo das Debakel in der Höhe seinen brutalen Niederschlag findet, ist dort der Wille angekommen, das Elend und die Demütigung nicht mehr hin zu nehmen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Unfähigen zum Teufel gejagt werden und der Geist des Aufstands für eine lange Nacht den Thron besteigt. Dann herrschen für eine Weile die Sterne, und wer wach bleibt und nach ihnen greift, der findet sich im eben noch gehassten Oben wieder.

Dass wir, die reunierte Nation der Deutschen, in einer Phase weltweiter Finanzkrise und Neuordnung der Welt, immer deutlicher so regiert werden, dass die Beschreibung zuträfe, die oben könnten nicht mehr, muss nicht kontrovers diskutiert werden. Das schlichtweg Ideologische, Affirmative steht nur noch im Vordergrund, die Intelligenz befindet sich jedoch schon auf der Flucht und das Wohl der Regierten darbt schon lange im Exil. Es kann sich nur noch die Frage stellen, inwieweit es unten so aussieht, dass die Massen dort nicht mehr wollen.

Doch, damit wir nicht übermütig werden, dem ist nicht so. Denn die Empörung über das governmentale Desaster und die Chuzpe der Selbstbedienung wirkt nicht gegen das Sedativum, welches kalt berechnend gereicht wird in Form von Pendlerpauschalen und Abwrackprämien, deren wichtigste Nebenwirkung ein Delir ist, dass die Differenzierung zwischen Oben und Unten nicht mehr zulässt. Seit langem schon steht in der Anamnese, dass es Probleme beim Umgang von Statik und Dynamik gibt. Und jetzt noch das!

Fundstück: Instabil wie kriegsaffin

24.02.2015

Zum Angriff wurde schon längst geblasen. Keine Gelegenheit wird ausgelassen, um nicht die dunklen Schimären des Ressentiments, der Verängstigung durch das Fremde und die Aggression als Schutz vor dieser Furcht zu mobilisieren. Morgens ist es der Grieche, der einem das Leben vergällt, mittags droht der Russe mit schwarzem Pulver und großem Knall und abends lauern die Muselmänner in jeder dunklen Ecke, um zu ihrem koranischen Halali zu blasen. Hinzu kommen die ganzen Syrer und Mohren, die unseren blonden Töchtern nachstellen. Als wäre das alles nicht genug, gesellen sich nun seit einiger Zeit auch noch stinkende Fleischfresser und pestende Raucher hinzu. Germanistan ist ein Jammertal, das immer nur bezahlen muss, damit der ganze Schmutz und die ganze Bedrohung, welche auf der Welt herrschen, von ihm fern gehalten werden. Deutschland, erwache! Das ist der Schrei, den die etablierte Presse verbreitet. Deutschland, lass dich nicht ausnutzen von bösen und faulen Griechen, lass dich nicht auslachen von marodierenden Russen und lass dich nicht verhöhnen von Muselmännern mit langen Bärten.

Nein, was in diesen ersten Zeilen steht, ist keine rhetorische Überzeichnung. Nahezu im Wortlaut steht das mittlerweile jeden Tag in unseren Zeitungen. Ja, wir sind wieder soweit. 70 Jahre nach dem großen, heillosen und verlorenen Krieg stehen wir wieder am Anfang. Die Dummheit regiert und die Zerstörung macht sich gerade zurecht, um zu folgen. Das Phänomen ist nicht einfach erklärt. Die Fragen, die bewegen, sind jedoch sehr präzise zu beschreiben.

Wie kann es sein, dass in einem Land, das sich auf die Fahnen geschrieben hatte, dass nie wieder Krieg von seinem Boden ausgehen dürfe, von diesem Weg abweicht? Wie kann es sein, dass das Bekenntnis zur Demokratie, das das Prinzip der Toleranz beinhaltet, formal so weiter leuchtet, in der Praxis jedoch zu einer Wucherung der Ignoranz und des selbst bezogenen Absolutismus verkommen ist? Wie kann es sein, dass die Lehre aus dem Desaster, die darin bestand, dass es viele, schöne, gleichberechtigte Kulturen auf diesem Planeten gibt, zur Vergötterung einer Monokultur mutierte, wie sie selbst das historische Vorbild nicht an Einfältigkeit hervorzubringen vermochte?

Viele, die heute die Regiebücher für die neue Mobilmachung schreiben, kamen aus der Bewegung gegen den Krieg. Das machte sie, aus deren eigener Perspektive, zu etwas Besserem, als allem, was vorher war. Im Gegensatz zu jenen, die den Krieg selbst erlebt hatten, wussten sie allerdings nicht um die Fehlbarkeit auch der als gut Verstandenen. Sie glaubten sich als die Guten und daher tappten sie in die Falle, die die Geschichte immer wieder dem Hochmut stellt. Sie glaubten sich moralisch erhöht im Verhältnis zu allen, die anderer Meinung waren. Damit leiteten sie das Ende dessen ein, was einst, als die Welt noch unter dem Primat von Realisten stand, als die Form von Koexistenz die Beziehungen von Unterschieden zueinander beschrieb.

Die Eiferer für den heißen Konflikt, über die man überall stolpert, sind weder intellektuell noch emotional der Koexistenz fähig. Das ist ein Novum und zeigt die Krankheit unserer Zeit. Ohne nach Schuldigen zu suchen, müssen wir feststellen, dass die digitale Revolution die Fähigkeit, zu differenzieren nahezu flächendeckend liquidiert hat. Und der Anti-Autoritatismus hat anscheinend nicht dazu erzogen, Machtverhältnisse, die nicht schmecken, auszuhalten, um sich selbst zu organisieren. Der Konflikt an sich wird als eine Ambiguität erlebt, unter der man nicht leben kann und die eigene, gefühlte Überlegenheit rät zu schnellen Handlungen. Da treiben Subjekte in den Krieg, die nicht wissen werden, wie ihnen geschieht.