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Fundstück: Der große Sturm

Wir leben in besonderen Zeiten. An sich kann diese Aussage bereits als völliger Unsinn abgetan werden, denn jeder Moment der Geschichte hat etwas Besonderes, und sei es seine eigene Trivialität. Und dennoch existieren Zustände relativer Ruhe, sprich Stabilität, und solche rascher Veränderung. Da wird dann von Turbulenzen gesprochen, die Profis im politischen Geschäft sprechen dann auch von Revolution. Dann kommt der große Sturm, der alles durcheinanderbringt und verändert. Und gleich den Metaphern von Turbulenz und Sturm sind im Moment Phänomene zu beobachten, die darauf hindeuten, dass vieles, das heute in der bekannten Form existiert, bald nicht mehr so sein wird. 

In Einem unterscheiden sich menschliche Gesellschaften von den beschriebenen Naturereignissen. Letztere kommen unweigerlich und niemand versucht, sie zu verhindern. Menschen wie Tiere bereiten sich, sofern ihre Sensorik funktioniert, auf das große, zerstörerische Ereignis vor und suchen sich zu schützen, um das große, machtvolle Durcheinander zu überstehen. In menschlichen Gesellschaften allerdings, da wird versucht, den großen Sturm zu verhindern. Das verwundert nicht, denn diejenigen, die von der bestehenden Ordnung profitieren, die werden sich nicht damit abfinden, dass ihre Ordnung zerrissen wird und nicht mehr viel davon bestehen bleibt. Deshalb wird alles mobilisiert, was ihnen zur Verfügung steht, und was sie selbst als Gott und die Welt bezeichnen, um den großen Sturm zu verhindern.

Das wird dann oft eine schmutzige und ekelhafte Sache, denn den Bedrohten sind in solchen Fällen, wenn es ums Ganze geht, Schäden, die sie als kollateral bezeichnen, völlig egal. Das Hemd, so sagen sie, sei näher als der Rock. Und so werden viele Menschen, die sich immer als Stütze der vom Sturm bedrohten Ordnung sahen, plötzlich über Bord geworfen, wenn es gilt, einen neuen Wall zu bauen oder in die sich zusammenbrauenden Energiemassen vorzudringen, um sie wieder zu zerstäuben. Letztendlich, bevor das große Ereignis alles verändert, laufen die Vertreter der alten Ordnung hektisch umher, und sie bezichtigen jeden, der von dem bevorstehenden Ereignis berichtet, des Realitätsverlustes oder gar der Verschwörung. Das machen sie, weil sie sich selbst die Angst ausreden wollen. Denn eines ist und bleibt gewiss: Wenn es erst einmal so weit ist, dass die Luft zu beben beginnt, dann lässt der große Sturm nicht mehr lange auf sich warten.

Und, das sei allen gesagt, die immer noch glauben, alles gehe irgendwie vorüber und die Ordnung bliebe so, wie sie ist, irgendwann, wenn alles noch hektisch umherläuft und Dämme baut oder Wertsachen in Sicherheit bringt oder sich Fluchtwege überlegt, irgendwann wird es plötzlich ganz still. Dann ist der Augenblick gekommen, der historisches Ausmaß hat. Denn in dieser kurzen Stille hat die Menschheit einen kleinen Augenblick, in dem sie ihre Existenz noch einmal ganz kurz Revue passieren lassen kann, oder einfach sich nur seiner Werte zu besinnen, die das Leben ausmachen. Und dann ist es auch schon vorbei.

Wie mit einem Fingerschnipp sind auf einen Schlag alle Kräfte mobilisiert, die unter der alten Ordnung gelitten haben. Da wird nicht mehr gerätselt und gezaudert, da entwickelt sich die physische Kraft der Zerstörung, ohne dass irgendwelche Denkprozesse noch eine Rolle spielten. Und noch während der Zerstörungsprozess anhält, der alles in den Schatten stellt, was sich das kleine Menschenhirn so hat vorstellen können, brechen neue Kräfte hervor, aus denen vieles wachsen wird. Was, das lässt sich im Moment noch nicht sagen. Das Neue beginnt.

Herbst 2019

Fundstück: Das Ei des Kolumbus

Ja, wir leben in unruhigen Zeiten. Und ja, viele Menschen fühlen sich verunsichert. In unzähligen Gesprächen, egal, wo sie geführt werden, ob im Büro oder morgens beim Bäcker, ob in der Straßenbahn oder abends mit Freunden, immer mehr wird der Wille deutlich, dass etwas geschehen muss, um das destruktive Treiben derer, die die Macht haben, durch Wille und Vernunft zu beenden. Warten, dass ist der Tenor, Warten ist keine Alternative. Wenn gewartet wird, dann kommen andere, die vorgeben, Lösungen parat zu haben. Was daraus wird, hat die Geschichte gezeigt. Insofern ist die positive Botschaft dieser Tage, dass sich immer mehr Menschen darüber im Klaren sind, dass sie etwas machen müssen, um die Verhältnisse zu ändern.

Die negative Nachricht kann jedoch nicht unterschlagen werden. Immer mehr von denen, die bereit wären, etwas zu tun, beklagen die Wirre im Kopf, wenn es darum geht, herauszufinden, was richtig und falsch ist. Sie beklagen, die Orientierung verloren zu haben. Es ist ein Massenphänomen, das zurückzuführen ist auf die heiße Schlacht um die Wahrheit, die nicht selten endet in einem Duell beiderseitiger Fake News. Da ist guter Rat teuer. Deshalb ist ein Anliegen, auf Narrative zu verweisen, die jeder kennt und die deutlich machen, dass es gut ist, dem eigenen Verstand und der eigenen Erfahrung zu trauen und daraus die entsprechenden Schlüsse und Entscheidungen abzuleiten.

Als erstes Beispiel soll das berühmte Ei des Kolumbus gelten. Was war da noch geschehen?

Als Kolumbus mit seiner ramponierten Flotte zurückkam von der Entdeckung der Neuen Welt, löste das selbstverständlich großes Aufsehen aus. Auf einem der vielen Bankette, auf denen sich Kolumbus zeigen musste, stellte ihn der berühmte und berüchtigte Kardinal Mendoza zur Rede. Man bedenke, diese Begebenheit spielte im Jahr 1493 und es war bei weiten nicht die Geburtsstunde der Aufklärung im Land. „Wenn ich dich so reden und erzählen höre“, so richtete Kardinal Mendoza sein Wort direkt an Kolumbus, „so komme ich zu der Auffassung, dass deine Reise, die du so herausstreichst, von einem jeden hier im Saale hätte gemacht werden können!“

Christoph Kolumbus forderte in seiner Replik die gesamte Tischrunde auf, doch bitte ein Ei mit der Spitze nach unten zum Stehen zu bringen. Zwar etwas verwirrt, aber dennoch begann gleich der Versuch eines jeden, der Aufforderung nachzukommen. Logischer wie bekannter Weise scheiterten die Versammelten allesamt. Dann nahm Kolumbus ein Ei und schlug es mit der Spitze nach unten leicht auf die Tafel, so dass es zum Stehen kam. Und noch während die Runde, allen voran Kardinal Mendoza, begann, gegen die Methode des Kolumbus zu protestieren, sendete er ihnen die Botschaft, um die es ihm ging: „Ihr sagt, so hättet ihr es machen können, ich aber habe es getan!“

Das Narrativ, das sich seit einem halben Jahrtausend hält, stellt heraus, dass es darum geht, den eigenen Verstand zu benutzen und bereit zu sein, pragmatisch das zu tun, von dem man überzeugt ist und dass es zum Ziel führt. Ein sehr einfacher Sachverhalt, der besonders in Zeiten der ideologischen Verkomplizierung des Lebens von besonderem Wert ist. Bitte denken Sie an das Ei des Kolumbus, wenn sich die nächste Gelegenheit bietet, etwas zu tun, das vernünftig ist und etwas Courage erfordert. Sie könnten neue Kontinente entdecken!

September 2018

Fundstück: Drohnen – Verteidigung auf fremdem Territorium?

Jetzt wird ein Instrument, das ausschließlich zur asymmetrischen Kriegsführung außerhalb des eigenen Territoriums eingesetzt wird, als „Schutz unserer Soldatinnen und Soldaten“ deklariert. So viel Impertinenz muss man sich erst einmal trauen. Dass in der CDU mit ihrer unsäglichen Verteidigungsministerin, die bereits von deutschen Fregatten im südchinesischen Meer träumt, ein solcher Unsinn herausgehauen wird, muss allerdings nicht mehr verwundern. Und dass das selbe Lager der SPD nun die Regierungsfähigkeit abspricht, wundert nicht, erfordert jedoch eine grundsätzliche Debatte. Mit dem bereits getätigten Kauf von Drohnen und ihrer geplanten ballistischen Aufrüstung geht es nicht mehr um die Wacht am Rhein. Es geht um Kriege mit aktiver deutscher Beteiligung auf fremden Territorium. Wenn das die Zustimmung zu dem ist, was Regierungsfähigkeit genannt wird, dann ist es an der Zeit, nicht nur die CDU, sondern auch die anderen Parteien, wie Grüne, Linke, FDP etc. zu fragen, wie sie es nicht nur mit dem Grundgesetz, sondern auch mit dem imperialistischen Krieg halten. Etwas Besseres konnte vor den anstehenden Bundestagswahlen 2021 nicht passieren.

Das Grundgesetz, noch im letzten Jahr zum 70. Jubiläum seiner Verabschiedung gefeiert und in Prachtausgaben in alle Windrichtungen verschickt, sieht in den Paragraphen 115a ff. lediglich den Verteidigungsfall vor. Es heißt, im Falle eines Angriffs auf das Territorium der Bundesrepublik Deutschland ist der Einsatz von Militär gerechtfertigt. Dass bereits in der Vergangenheit dieses Gesetz, das aus der Geschichte des imperialistischen Krieges resultierte, von parlamentarischen Mehrheiten gebeugt wurde, wie im Falle des Balkankrieges 1990 auf maßgebliches Drängen der Grünen und nach 9/11 in Afghanistan etc., ist bekannt. Ob diese, auch durch die Kriegsergebnisse belegte Faktizität zu einem neuen Normalzustand erklärt werden soll, muss noch entschieden werden. 

Die Drohnen-Technologie muss als Konsequenz aus dem Aufkommen der asymmetrischen Kriegsführung angesehen werden. Das Verlassen der Form traditioneller Kriegsführung durch Guerillas und andere, kleine, der klassischen Militärformation unterlegene Verbände hatte mit spektakulären taktischen Erfolgen ein Umdenken zunächst bei den USA zur Folge. Nach den klassischen Invasionen der Vergangenheit hieß es dann „no boots on the ground“. Die Folge war die Entwicklung von Kampfdrohnen, die ihrerseits aus für den Gegner unerreichbarer Höhe mit großer Schlagkraft und chirurgischer Präzision von einem sicheren Ort aus, wie zum Beispiel aus Container im us-amerikanischen Nevada oder dem pfälzischen Ramstein, operieren konnten. 

Dass es bei den folgenden, zahlreichen Einsätzen trotz der reklamierten Präzision immer wieder zu verheerenden Kollateralschäden kam, belegte vor Kurzem noch eine Klage von Opferangehörigen aus dem Jemen vor einem deutschen Gericht, deren Familienmitglieder zu den Toten einer liquidierten Hochzeitsgesellschaft gehörten und die von den amerikanischen Streitkräften vom pfälzischen Ramstein aus durchgeführt worden war. Dass das deutsche Gericht die Klage abwies, weil sich bis heute niemand traut, sich derartige Operationen von deutschem Boden aus zu verbieten, dokumentiert, wieviel Mut dazu gehört, das deutsche Grundgesetz tatsächlich leben zu wollen. Mit den Lehren aus dem letzten großen Krieg hat das nichts zu tun.

So, wie immer, handelt es sich nun auch bei der Drohnen-Frage um einen schleichenden Prozess. Die Befürworterinnen von asymmetrischen Kampfeinsätzen auf fremdem Territorium befürworten den imperialistischen Krieg. Punkt. Lasst uns bitte alle wissen, wer das noch tut! So desolat die Lage auch ist, wir wollen immer noch dazu lernen, wie weit die politische Degeneration im Lande fortgeschritten ist. Denn ein klares Bild, so trüb es auch ist, schützt vor Illusionen.

17.12.2020