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Tägliche Depressionen, Wilhelm Tell und die Physiognomie des Gegners

Gestern noch öffnete sich eine Bekannte mir gegenüber, dass sie sich aufgrund des politischen Geschehens immer mehr in Richtung Depression bewege. Kurz danach erzählte mir ein Psychotherapeut beim Sport von einem Patienten, der sich mit übermäßigen Cannabis-Konsum versucht hätte aus seiner Verzweiflung als Polizist zu befreien und nun unter einem gefährlichen Verfolgungswahn leide. Eine Frau, die das Gespräch hörte, führte den zunehmenden Irrsinn, der sich überall breit mache, auf die politischen Verhältnisse im Land zurück. Und abends erzählten mir wiederum Menschen, die einen professionellen Einblick in die Entwicklung von KI-Systemen haben, was alles möglich ist, um nicht vorhandene Realitäten als echt vorzutäuschen, ohne dass die Empfänger solcher Konstrukte sich dessen bewusst seien.

Das als die einzige Realität wahrzunehmen, muss tatsächlich zu einer Form von Verzweiflung führen. Eine derartige Befindlichkeit kann guten Gewissens als Humus für jegliche Art der Irrationalität angesehen werden. Wenn nichts so ist, wie es scheint, wenn alles, was scheint, nichts ist und wenn nicht mehr zu identifizieren ist, wer das alles mit einer Art gemeinsamem Empfinden beobachtet, der muss so langsam den Glauben an die Menschheit, den Glauben an sich selbst oder zumindest den Verstand verlieren. 

Dass mir da das Zitat aus einem alten Lied einfällt, und zwar des Working Class Hero, wo es so treffend heißt, dass so etwas auch veranstaltet werden kann, „Til you are so fucking crazy, that you can ´t follow the rules“. Und wenn die Regeln nicht mehr gelten, weil sie niemand mehr befolgt oder befolgen kann, dann ist alles möglich. Wenn erzählt werden kann, was man will, weil der Sinn schon längst nicht mehr unter uns weilt, dann kann der Teufel endlich seine Maske fallen lassen und sich dreist alles einverleiben, was er begehrt. Und ist es nicht so? Wir hören von Aggressoren, die sich verteidigen, von Verteidigern, die Terroristen sind, von Kriegern, die den Frieden symbolisieren, von Leistungsträgern, die sich ihrer sozialen Aufgaben entledigen, von Kultur, die nichts ist als schäbige Industrieproduktion, von Religionen, die den Hass predigen, von Wissenschaftlern, die sich für die Verbreitung der Dummheit engagieren und von Sportlern, die sich ruinieren, um im Geld zu baden. Was für ein Desaster! Wer soll da nicht zweifeln? An sich, an der vermeintlichen Realität und am eigenen und am Verstand der anderen?

Kultur- und Gesellschaftskritik sind dann angebracht, wenn das Ausmaß des standardisierten Irrsinns alles überragt und an der Substanz der menschlichen Fähigkeit, sich in sozialen Konstrukten vernünftig zu verhalten, fundamentalen Schaden anrichtet. Dass dieser Fall eingetreten ist, belegt jede Erfahrung. Täglich. Immer wieder. Wenn die Kritik und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen nicht erfolgen, dann ist mit einer Gesellschaft in diesem Zustand alles möglich. Jede Absurdität, jede Form der Menschenverachtung, der Tyrannei, jeder Krieg. Es ist Zeit, alles zu mobilisieren, was sich als Gegengift gegen die Zerstörung sozialer Systeme und aller Formen vernünftiger Kooperation eignet. 

„O, hätt ich nie gelebt, um das zu schauen!“ heißt es im Wilhelm Tell. Doch! gerade jetzt ist die Stunde der letztendlichen Legitimation unserer Existenz. Das Sein ist etwas zu Leistendes.  Und nun, wo alles auf dem Spiel steht, sind Höchstleistungen erforderlich. Denn, niemand wusste das besser als Schiller, die Geschichte geht auch weiter: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen noch Gefahr!“ Und wer gegen diese Form der Diktion polemisiert, symbolisiert in aller Schönheit das Gesicht dessen, was bekämpft werden muss.   

Die Ukraine im Spiel der Räuber: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan“

Eines muss man den USA lassen und ist über jeden Zweifel erhaben: sie verfügen über eine Strategie. Und die lautet, nach wie vor „Full Spectrum Dominance“. Es handelt sich dabei um eine Universaldoktrin, die davon ausgeht, dass die USA die Regeln internationalen Verkehrs bestimmen und auch in der Lage sind, diese notfalls militärisch durchzusetzen. Wer daran zweifelt, dem sei die Lektüre amerikanischer Strategiepapiere empfohlen, die jedem Interessierten zugänglich sind. Zwar wird auch in den USA gestritten. Allerdings über den Weg, und nicht über das Ziel.

Full Spectrum Dominance bedeutet in diesen Tagen die unbedingte Schwächung Russlands, um die Hände frei zu bekommen im Kampf gegen China. Letzteres ist mit seiner Entwicklungsdynamik auf allen Sektoren die Gefahr für die alleinige, globale Herrschaft. Die Schwächung Russlands als taktischer Verbündeter Chinas war und ist dabei ein erster Schritt. Die Ukraine ist bei diesem Schachspiel ein Bauer, der geopfert wurde und der dabei auf der Strecke geblieben ist. Man höre die Stimmen aus dem Weißen Haus und alles ist klar. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan.“ Es wird entweder einen noch andauernden Schwelbrand geben, oder einen Waffenstillstand mit Russland, der die russischsprachigen Gebiete einschließlich von Donezk und Luhansk und der Krim Russland überlässt.

Wie sich die mit den USA wähnenden Verbündeten dabei generieren, kann den USA selbst relativ egal sein. Im Falle Afghanistans hat man auch so gehandelt, wie man es für richtig hielt. Und dass kritische Stimmen aus dem NATO-Lager laut würden, ist nach den bereits dem einstmals ökonomisch starken Deutschland zugefügten, und ohne einen Laut hingenommenen Demütigungen unwahrscheinlich. Es sei denn, die momentan gelähmten, in der EU versammelten Gesellschaften kämen in nächster Zeit in Wallung und besännen sich auf ihre eigenen Interessen. Wäre dies der Fall, dann befände sich Europa allerdings in einem revolutionären Zustand, der selbst die USA überraschen würde. So manches Bild aus Frankreich deutet darauf hin, dass eine solche Vision nicht ausschließlich einer Illusion entspricht.

Und, als liefe alles in besten Bahnen, übernimmt, wer sonst, die deutsche Abteilung des State Departments in der Bundesregierung bereits die neue Parole: China ist systemischer Rivale. Dass mit den ersten Statements von deutscher Seite in dieser Richtung bereits das Schicksal von Größen wie VW besiegelt wurde, interessiert diese sektiererische Bewegung aus Moralismus und Fremdbestimmung nicht. Das wurde expressis verbis während des Krieges in der Ukraine bereits durch die Außenministerin in voller Unbefangenheit formuliert. Was, so ihre Ansage, interessiert mich die Meinung meiner Wähler?

Und so ist es, nachdem nun gegen China geblasen wird, kein Wunder, dass die grüne Intelligenz jetzt Indien als nächsten Bündnispartner ausgemacht hat. Da fliegen dann schon mal die moralischen Späne. Während die in Brüssel stationierte Adipositas aus Heidelberg regelmäßig Schnappatmung bei der Nennung der Volksrepublik China bekommt und in alle Richtungen das Schicksal der Uiguren beklagt, liegt sie bei dem neuen Bündnispartner Indien wohlig schlummernd auf der belgischen Schlemmercouch und scheißt etwas auf die Situation der Muslime in Kaschmir. Wer nichts als die eigene Verkommenheit als Referenzpunkt aufzuweisen hat, ist auch für alles zu haben. Und der Kanzler? Der wartet immer noch auf die Bestellungen. Alles läuft bestens, solange man nur dabei ist. Den Rest überlässt man den schlecht Gelaunten.   

Allianz-Policen statt Friedrich Schiller

Die Debatte ist nicht neu. Dass sie jetzt in den Medien wieder mit aller Vehemenz geführt wird, scheint kein Zufall zu sein. Die Frage, ob, das, was in deutschen Schulen gelehrt wird, die Schülerinnen und Schüler tatsächlich für das wahre Leben vorbereitet, ist berechtigt. Das war sie immer schon. Die Maxime des Humanismus, non scholae, sed vitae hat die Frage selbst aufgeworfen. Da stellt sich die Frage, was das wahre Leben ist. In einer Epoche des exzessiven Technizismus ist es nur logisch, dass die Orientierung in einer technisierten Welt einen gewissen Stellenwert hat. Wie immer argumentieren die staatlichen Vertreter der Bildungsinstitutionen, dass vor allem das Elternhaus in dieser Frage gefragt sei. Die Schule sei dazu da, vor allem Wissen zu vermitteln, dass dazu befähigt, es in die Lebenspraxis zu transferieren. Aber genau das gelingt den Bildungsinstitutionen nicht so gut, ist es doch genau die Kritik, die aus den PISA-Untersuchungen resultiert. Es mangelt an der Fähigkeit, das Gelernte anzuwenden.

Dazu zwei Aspekte, die bedacht werden sollten. Zum einen ist die Trennung von Bildung und Erziehung ein deutscher Sonderweg, der aus der Vergangenheit resultiert. Die Vermittlung von Werten und gesellschaftlich tragfähigen Verhaltensweisen sollte keinem Staatsmonopol mehr anvertraut werden. Diese Fragen, so der nachvollziehbare Gedanke, sollte von den Erziehungsberechtigten bearbeitet werden. Das Problem, mit der dieses Konzept konfrontiert ist, sind die zunehmend aufgelösten klassischen Familienstrukturen. Dort wird diese Aufgabe immer weniger erfüllt.

Bildung wiederum unterliegt dem staatlichen Schulmonopol. Die Vermittlung von Wissen findet dort nach wie vor statt, aber sie hat sich lange darauf zurück gezogen, es dabei zu belassen und die Frage nach dem Transfer des Gelernten in die Alltagspraxis den Erziehenden zuzuweisen, welche es immer weniger leisten. Das ist ein Desaster, dass die staatlichen Institutionen kaum interessiert. Und die Erziehungsinstitution ist immer weniger dazu in der Lage. Eine Lösung muss dringend her, eine Revision des Sonderweges scheint mehr als angebracht.

Die wohl dürftigste Schlussfolgerung aus der Malaise ist die nun entbrannte Diskussion um die Änderung von Lehrplänen, die sich provokativ mit der Formulierung übersetzen ließe, weniger Lyrik und Prosa, dafür aber mehr Anwendungskenntnisse in Bezug auf das Einlesen von Barcodes oder den rechtssicheren Abschluss von Versicherungspolicen zu vermitteln. Das ist, was den Zeitgeist anbetrifft, folgerichtig, was eine Strategie anbetrifft, aus der wachsenden Unfähigkeit, sich in einer komplexen und ungeordneten Welt zu orientieren, ist es ein Fehlschluss ersten Ranges.

Die Fähigkeit, Literatur zu lesen, zu begreifen und aus ihr kritische und ethische Kernaussagen herauszufiltern, ist eine der größten Errungenschaften des reflexiven Geistes. Genau das, was in den Feuilletons in Bezug auf die wachsende Unruhe in der Welt, die eskalierenden Konflikte und die immer schwieriger werdende Bewertung all dessen beklagt wird, wird nun als eine Ursache für die Orientierungslosigkeit ausgemacht. Da scheint eine ganze Zunft etwas nicht begriffen zu haben. Die Verdächtigung, die bei dieser Diskussion aus jeder Zeile scheint, ist die, dass die Vermittlung der geistigen Techniken aufklärerischen Geistes die Ursache für die wachsende Diffusion in den Köpfen sei.

Der als wohl gemeinter Pragmatismus daher kommende Vorschlag, Texte von Heinrich von Kleist oder Friedrich Schiller durch Standardverträge der Allianz zu ersetzen, ist eine impertinente wie erbärmliche Avance der Technokratenkaste. Das einzige, was angesichts der Diskurs- und Konfliktunfähigkeit in der Sphäre der Politik bleibt, ist über diesen Unsinn lauthals zu lachen. Es wäre der Gipfel in dem seit langem lancierten Prozess der Entmündigung.