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Die Nostalgie der Nekrologen

De mortuis nihil nisi bene, wenn du über die Toten redest, so die römische Maxime, schweige, es sei denn, du redest Gutes. Auch wenn dem ein gewisser Takt zuzusprechen ist, so ist es dennoch eine der groteskesten Anleitungen, um sich selbst, d.h. die Nachwelt zu belügen. Das hat der Kulturkreis so perfektioniert, dass Mark Twain es einmal so auf den Punkt brachte: Er wollte zumindest noch so viel von seiner eignen Trauerfeier mitbekommen, um zu hören, was er doch für ein toller Hecht gewesen sei.

Immer, wenn jemand, vor allem aus dem öffentlichen Leben, das Zeitliche segnet, kommt diese Schimäre wieder zum Vorschein und die Nachwelt gaukelt sich etwas vor über ein Leben, das so nie existiert hat. Eine der wenigen, rühmlichen Ausnahmen, die in der Literatur existieren, bildet Oskar Maria Grafs Nekrolog für einen Freund. Er meinte damit Franz Jung, jene schillernde Figur der deutschen Geschichte, die es vom Ökonomen, Bühnenautor, Linksradikalen, Schiffsmeuterer, Spion bis zum Pizzabäckerei und Biographen gebracht hatte. Graf ließ in diesem Nekrolog kein gutes Haar an ihm. Der einzige Schönheitsfehler: Jung lebte noch, als Graf den Nekrolog veröffentlichte.

Besonders in der letzten Zeit konnte die Nachwelt wieder bezeugen, wie dieses nihil nisi bene funktionierte. Eine doch beträchtliche Zahl von prominenten Menschen des öffentlichen Lebens, besonders aus der Politik, verabschiedete sich von der irdischen Existenz und die bezahlten oder selbst berufenen Nekrologen tauchten auf wie die Pilze auf dem feuchten Waldboten und formulierten Elogen, die sehr viel mit der Korrektur von Geschichte und sehr wenig mit dem tatsächlichen Respekt vor der realen menschlichen Existenz zu tun hatten. Um ehrlich zu sein, es tut jedesmal richtig weh zu hören, wie infam der Tod eines Menschen zum Anlass genommen wird, um die eignen, offensichtlichen Tagesinteressen mit diesem Anlass zu unterfüttern.

Ja, auch die von uns Gegangenen hatten einiges vorzuweisen, auf das in positivem Sinne hingewiesen werden kann. Aber machten sie keine Fehler? Hatten sie keinen Eigensinn und waren sie nicht ebenso oft Opfer ihres eigenen Irrtums? War da keine Eitelkeit, keine Selbstliebe, keine Bestechung und kein Eigeninteresse? Stattdessen tauchten Figuren vor unserem geistigen Auge auf, die nie so existiert hatten und deren Leben, so wie es berichtet wurde, nur einen Teil dessen ausmachte, was uns nun als ihre gesamte Existenz vorgespiegelt wurde?

Es wäre in großem Maße hilfreich, die alte römische Tradition ad acta zu legen, um die Existenz eines Menschen zum Anlass zu nehmen, um auf die wichtigen, großen Aporien unseres Daseins hinzuweisen. Aporien, die das Wesen der Existenz gerade ausmachen. Entscheidungen zu treffen, obwohl man glaubt, es eigentlich besser zu wissen, Dinge zu tun, obwohl klar ist, dass sie falsch sind. Genau das sind die Schlüssel zu einer Reflexion menschlichen Handelns, die weiter bringt im Sinne eines Lernprozesses, in dem sich die Gattung vielleicht befinden könnte, verpflichtete sie sich nicht Konventionen, die zu nichts anderem konzipiert sind, um die Ursachen der Schwächen zu dechiffrieren.

Menschen, die irren, die Schuld auf sich laden, weil sie aufgrund von inneren wie äußeren Zwängen handelten, sind in ihrer Darstellung wesentlich hilfreicher als Helden, die es sowieso nicht gibt. Der Tod ist ein willkommener Anlass, um über das Leben zu philosophieren. Mit einer Lüge zu Beginn geht das allerdings nicht. Es öffnet lediglich die Tür zu einer schaumigen Nostalgie. Die braucht keiner, außer denen, die die Erkenntnis mehr fürchten als den Tod.

Lest die deutsche Literatur zum Thema Exil!

Als die Katastrophe hier in Deutschland ausbrach, in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, da gingen die Menschen sehr unterschiedlich damit um. Diejenigen, die an den Nationalsozialismus glaubten, waren voller Hoffnung und diejenigen, die nicht daran glaubten, gingen zunächst mehrheitlich davon aus, dass der Spuk sehr bald vorbei sei, angesichts des sehr jungen und zumeist unqualifizierten Personals, mit dem das III. Reich aufgebaut werden sollte. Wir wissen, dass alle falsch lagen bis auf diejenigen, die an diesem Spuk noch verdienten. Diejenigen, die nicht an das Reich der Rasse glaubten, duckten sich irgendwann ab, oder sie verschwanden in Lagern, wo sie irgendwann erschlagen, erschossen oder verbrannt wurden. Andere machten sich noch früh genug auf die Flucht. Wenn sie früh genug gingen, waren sie klug, andere, die erst später auf die Idee kamen, hatten es wesentlich schwerer. Auch wenn sie ihr Leben retteten, stand vor ihnen das beschwerliche Exil.

Das Exil war nichts, was in irgend einer Form romantisiert werden könnte. Die wenigen Stunden in dem berühmt gewordenen Sanary-sur-Mère, an der Code d´Azur, wo einst Thomas Mann eine Villa besass, bezeugen nicht das, was das Exil für viele bedeutete. Sie verloren zumeist alles, ihre bürgerliche Existenz, ihr Hab und Gut, ihre sozialen Beziehungen und, was immer unterschätzt wurde, ihren Beruf. Und es gab sehr unterschiedliche Wege, wohin man sich aufmachte. Die einen zog es nach Amerika, gerne nach Nord, aber auch nach Süd, andere, von denen nicht so gerne berichtet wird, auch nach Osten. Thomas, Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, Oskar Maria Graf etc. gingen über New York in die USA, und ihr Geld und Ruhm entschied, wie es weiter ging. Thomas Mann und Lion Feuchtwanger residierten in großen Villen an der kalifornischen Westküste, weil sie schon vor den Nazis weltbekannt und berühmt waren und einen Teil ihre Vermögens retten konnten. Stefan Zweig arbeitete zwischendurch als Tellerwäscher, Oskar Maria Graf wohnte in Manhattans Norden unter Latinos, die einwanderten. Und es gab Betriebsräte und Kommunisten aus Zechen und Stahlwerken, die in die Sowjetunion gingen, um gegen Hitler zu kämpfen. Ihr Exil war irgendwo an der chinesischen Grenze in einer Waffenfabrik.

Diejenigen, die nicht doch irgendwann geschnappt wurden, in der Vergessenheit den Rest ihres Daseins fristeten oder aus Verzweiflung und Schmach Hand an sich legten, die Zeugnis ablegen konnten vom Elend des Exils, von den vielen, verzweifelten, intelligenten wie dummen, extravaganten wie armseligen Versuchen, dem Tod durch die Schergen eines Tyrannen zu entgehen, sie und ihre Zeugnisse, die verfügbar sind, sie sind aktueller denn je. In einer Situation, in der Hunderttausende von Flüchtlingen in unser Land kommen und das historische Wissen um die eigene Vergangenheit dem Konsumrausch und einem Befindlichkeitsdiskurs gewichen sind, sollten diese Bücher schleunigst gelesen werden. Es gibt sehr viele davon und sie sind gut: Exil und der Teufel in Frankreich von Feuchtwanger zum Beispiel, oder Der Vulkan von Klaus Mann, oder Transit von Anna Seghers, oder Der Weg nach unten von Franz Jung, oder Wir müssen weiter von Franz Mehring, oder Die Flucht ins Mittelmäßige von Oskar Maria Graf, oder, oder, oder. Wer einen Eindruck vom Grauen von Flucht und dem Elend des Exils erhalten will, sollte sich dieser Literatur, die unter dem Stichwort Exil in den Regalen der Bibliotheken steht, intensiv widmen. Sie öffnet die Augen für das, was momentan in unserem Land geschieht!

Revolte gegen die Lebensangst

Nein, von Revolution muss nicht gleich die Rede sein. Vielleicht hilft es mehr, sich Gedanken über verhängnisvolle Ketten zu machen. Zum Beispiel die, von der Kant in seiner Abhandlung über die Aufklärung spricht. Nämlich dass die Unmündigkeit des Menschen selbst verschuldet ist. Allein diese Feststellung wäre heute schon eine Unverschämtheit. Denn Eigenverantwortung ist eliminiert. Zu lange schon wirken die Mechanismen der Entmündigung, ganz ohne Inquisition, Krieg oder Faschismus. Die Postmoderne ist zu einer Wüste geworden, in der Individualisierung in Bezug auf Befriedung zwar groß geschrieben wird, in der das selbstbewusste Individuum jedoch kaum noch auszumachen ist. Und wenn, dann wird es zur Jagd frei gegeben. Viele Gründe sind aufzuzählen für die Erosion. Das aufgeklärte, unbequeme, resistente und renitente Subjekt hat nahezu aufgehört zu existieren, und dennoch scheint es kaum jemanden zu schmerzen. Wer im Konsensstrom schwimmt, der darf partizipieren an der oberflächlichen Zuneigung aller zu allem.

Die produktive Wertschöpfung verschiebt sich zunehmend in andere Zonen der Welt und in den ehemaligen Zentralen des Industrialismus spricht man von Dienstleistung und der Kreativität von Branchen. Die Arbeitsbedingungen für diejenigen, für die es noch Arbeit gibt, sind die des akademischen Proletariats, vor dem im frühen 20. Jahrhundert bereits gewarnt wurde. Die kreative Klasse ist auch die Retrospektive auf den Manchester-Kapitalismus, ohne Rechte, mit wenig Geld, und der Garantie auf hohe Quoten der Selbstausbeutung. Auch das geschieht aufgrund der Individualisierung aus der Perspektive der Befriedung, auch hier gibt es nicht den Willen von Subjekten, Koalitionen zu suchen, die das Elend ins Visier nehmen.

Viele Epochen der Herrschaft lebten davon, Wissen und Information von den Beherrschten fern zu halten, um sie in ihrer Unmündigkeit festzuschreiben. Heute, in der Verdichtungsphase der psychosozialen Diktatur, überschwemmt man den Mob mit Information, um ihm die Möglichkeit der Orientierung zu nehmen. Nur wem es noch gegeben ist, zu strukturieren, zu selektieren und auszublenden, hat noch eine Ahnung davon, wohin die Reise gehen mag. Das Bunte, das polyphone Grundrauschen überblendet und übertönt die graue Tristesse des wahren Seins. Hinter der schillernden Oberfläche lauert eine monströse Monotonie, wie sie schlimmer nie war.

Jedes Soufflieren der Profiteure der medialen und verregelten Herrschaft, ein Missstand schreie nach Gesetz und Institution, ist ein weiterer, todbringender Tropfen auf dem Weg zur totalen Entmündigung. Die Halbwertzeiten zwischen dem Regelfall existenzieller Unwägbarkeit und dem aggressiven Einfordern der Verstaatlichung und Institutionalisierung gleichen mittlerweile den Wirkungszeiten von Abhängigen, die an der Nadel hängen. Folglich ist auszurechnen, wann unser Gemeinwesen die tödliche Dosis erreicht. Gut, das zu sehen, und derzeit die einzige Hoffnung.

In einem weit voraussehenden Essay, der sich mit einer Erscheinung des Mittelalters befasste und der unter dem Titel Die Albingenser und die Revolte gegen die Lebensangst erschien, beschrieb Franz Jung das wohl grundlegende Problem des Menschen, im Mittelalter wie in der Moderne. Es handelt sich um die durch Angst verschuldete Unmündigkeit, die Dominanz des Objektes über das Subjekt. Und wer glaubt, die Lebensangst sei in der Postmoderne geringer als in den düsteren Zeiten des Obskurantismus, unterliegt dem größten Irrtum des XXI. Jahrhunderts. Und nur wer gegen die Lebensangst revoltiert, hat eine Chance, das eigene Leben zu gestalten.