Schlagwort-Archive: Exil

Vom Elend des Exils

Volker Weidermann. Ostende 1936. Sommer der Freundschaft

In einer Zeit, in der das Exil von Menschen wieder zu einem Massenphänomen geworden ist, bei dem die europäische Bevölkerung zunächst nur indirekt betroffen zu sein scheint, hat es durchaus seine Verdienste, auf Perioden hinzuweisen, in denen Exil direktes Schicksal war. Die deutschen Schriftstellerinnen und Schriftsteller während der Nazi-Periode waren jedoch etwas besonderes. Nicht weil sie Deutsche, sondern weil sie Schriftsteller waren. Das Schicksal von Schriftstellern, die ihr Land verlieren, ist gleich zu setzen mit ihrem beruflichen Ruin, weil sie neben ihrer Heimat auch ihr Publikum verlieren und in den neuen Gastländern mit einer anderen Sprache keine Rolle mehr spielen. Die Möglichkeit des Lebensunterhaltes ist gebunden an ihre Muttersprache und den mit ihr korrespondierenden Markt. Nur diejenigen, die bereits Weltruhm errungen hatten und in andere Sprachen übersetzt worden waren, hatten nach wie vor ein großes Publikum.

Volker Weidermann hat mit seiner Erzählung Ostende. 1936. Sommer der Freundschaft einen Beitrag zum Verständnis des deutschen Exils geleistet. Das gilt nicht für die Exilforschung, der alles bekannt ist, worüber er schreibt, aber es gilt für ein Massenpublikum, das sich zum ersten Mal dem Thema nähert. Denn die Grundlage seiner Erzählung ist der vor zwei Jahren erschienene Briefwechsel zwischen Stefan Zweig, dem saturierten und weltweit erfolgreichen Wiener Juden und Joseph Roth, dem verarmten und durch Alkoholismus gezeichneten Ostjuden, die eine enge Freundschaft verband und die sich in dem erwähnten Sommer 1936 in dem mondänen Seebad Ostende trafen, um literarische Projekte zu besprechen und sich gegenseitig beizustehen. Neben diesen beiden, überaus bekannten Vertretern der deutschen Literatur trafen sich dort noch Egon Erwin Kisch, der linke Medienzar Willi Münzenberg, Arthur Koestler, Irmgard Keun, der Dramatiker Ernst Toller, die Schauspielerin Christiane Grautoff und Hermann Kesten.

Das, was idyllisch anmutet, entpuppt sich beim Fortlauf der Erzählung als das, was das Exil immer war und immer ist: Ein Albtraum für alle Beteiligten. 1936 war ein Jahr, in dem die Olympiade in Deutschland bevorstand und die Nazis der Weltöffentlichkeit suggerieren wollten, dass alles, was über sie erzählt wurde, längst nicht so schlimm war wie befürchtet. Dennoch hatten die Bücherverbrennungen bereits stattgefunden und den meisten, die in Ostende versammelt waren, das Exil bereits beschert und sie vom Literaturmarkt abgeschnitten. Dennoch eignen sich bestimmte Nachrichten dazu, immer wieder einen Keim der Hoffnung aufkommen zu lassen, wie zum Beispiel der aufkommende Konflikt in Spanien zwischen dem putschenden faschistischen General Franco und den Republikanern. Auf der anderen Seite wird auch in Weidermanns Schilderung sehr deutlich, dass jenseits der Beschwörung der Hoffnung bereits die Verzweiflung bei den meisten der beschriebenen Akteuren die bestimmende Rolle übernommen hat.

Und dann ist da die geistige Verbundenheit zwischen Stefan Zweig, dem saturierten Weltbürger und dem sich selbst zu Grunde richtenden Provinzler Joseph Roth, die das tiefe Verständnis zweier grandioser Schriftsteller und das gemeinsame Judentum verbindet, die sich aber gegenseitig nicht retten können. Es wird deutlich, dass es nicht an den so unterschiedlichen Lebenswegen und materiellen Lebensverhältnissen lag, sondern an beider Sensibilität, die es verhinderte ertragen zu können, um als Paria zu überleben. Joseph Roth trank weiter und starb 1939 in Paris. Stefan Zweig brachte sich 1942 im brasilianischen Exil um. Ostende wurde 1944 von alliierten Bombenangriffen völlig zerstört. In dem Epilog mit dem Titel Mystery Train beschreibt Weidermann, nahezu lakonisch, wie die Sache des Exils für diejenigen, die im Sommer 1936 versammelt waren, zu Ende ging.

Das Exil war ein Elend. Das Exil ist ein Elend.

Lest die deutsche Literatur zum Thema Exil!

Als die Katastrophe hier in Deutschland ausbrach, in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, da gingen die Menschen sehr unterschiedlich damit um. Diejenigen, die an den Nationalsozialismus glaubten, waren voller Hoffnung und diejenigen, die nicht daran glaubten, gingen zunächst mehrheitlich davon aus, dass der Spuk sehr bald vorbei sei, angesichts des sehr jungen und zumeist unqualifizierten Personals, mit dem das III. Reich aufgebaut werden sollte. Wir wissen, dass alle falsch lagen bis auf diejenigen, die an diesem Spuk noch verdienten. Diejenigen, die nicht an das Reich der Rasse glaubten, duckten sich irgendwann ab, oder sie verschwanden in Lagern, wo sie irgendwann erschlagen, erschossen oder verbrannt wurden. Andere machten sich noch früh genug auf die Flucht. Wenn sie früh genug gingen, waren sie klug, andere, die erst später auf die Idee kamen, hatten es wesentlich schwerer. Auch wenn sie ihr Leben retteten, stand vor ihnen das beschwerliche Exil.

Das Exil war nichts, was in irgend einer Form romantisiert werden könnte. Die wenigen Stunden in dem berühmt gewordenen Sanary-sur-Mère, an der Code d´Azur, wo einst Thomas Mann eine Villa besass, bezeugen nicht das, was das Exil für viele bedeutete. Sie verloren zumeist alles, ihre bürgerliche Existenz, ihr Hab und Gut, ihre sozialen Beziehungen und, was immer unterschätzt wurde, ihren Beruf. Und es gab sehr unterschiedliche Wege, wohin man sich aufmachte. Die einen zog es nach Amerika, gerne nach Nord, aber auch nach Süd, andere, von denen nicht so gerne berichtet wird, auch nach Osten. Thomas, Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, Oskar Maria Graf etc. gingen über New York in die USA, und ihr Geld und Ruhm entschied, wie es weiter ging. Thomas Mann und Lion Feuchtwanger residierten in großen Villen an der kalifornischen Westküste, weil sie schon vor den Nazis weltbekannt und berühmt waren und einen Teil ihre Vermögens retten konnten. Stefan Zweig arbeitete zwischendurch als Tellerwäscher, Oskar Maria Graf wohnte in Manhattans Norden unter Latinos, die einwanderten. Und es gab Betriebsräte und Kommunisten aus Zechen und Stahlwerken, die in die Sowjetunion gingen, um gegen Hitler zu kämpfen. Ihr Exil war irgendwo an der chinesischen Grenze in einer Waffenfabrik.

Diejenigen, die nicht doch irgendwann geschnappt wurden, in der Vergessenheit den Rest ihres Daseins fristeten oder aus Verzweiflung und Schmach Hand an sich legten, die Zeugnis ablegen konnten vom Elend des Exils, von den vielen, verzweifelten, intelligenten wie dummen, extravaganten wie armseligen Versuchen, dem Tod durch die Schergen eines Tyrannen zu entgehen, sie und ihre Zeugnisse, die verfügbar sind, sie sind aktueller denn je. In einer Situation, in der Hunderttausende von Flüchtlingen in unser Land kommen und das historische Wissen um die eigene Vergangenheit dem Konsumrausch und einem Befindlichkeitsdiskurs gewichen sind, sollten diese Bücher schleunigst gelesen werden. Es gibt sehr viele davon und sie sind gut: Exil und der Teufel in Frankreich von Feuchtwanger zum Beispiel, oder Der Vulkan von Klaus Mann, oder Transit von Anna Seghers, oder Der Weg nach unten von Franz Jung, oder Wir müssen weiter von Franz Mehring, oder Die Flucht ins Mittelmäßige von Oskar Maria Graf, oder, oder, oder. Wer einen Eindruck vom Grauen von Flucht und dem Elend des Exils erhalten will, sollte sich dieser Literatur, die unter dem Stichwort Exil in den Regalen der Bibliotheken steht, intensiv widmen. Sie öffnet die Augen für das, was momentan in unserem Land geschieht!

Die Menschen sind keine Esel

Es ist die Zeit für kulturpessimistische Visionen. Zu vieles entwickelt sich in Richtungen, die nicht unbedingt positive Prognosen erwarten lassen. In den Foren der zeitgenössischen Diskussion und Meinungsbildung wird immer eindringlicher beklagt, wie sehr die so genannte Wissensgesellschaft die Unwissenheit protegiert, wie sehr der öffentliche Diskurs, der doch so vieles möglich macht, die Barbarisierung des Umgangs fördert und wie sehr im Zeitalter des freien Zugangs zu Informationen das Mittel der Massenmanipulation erfolgreich angewendet wird.

Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die Gesellschaft, in der wir uns befinden, sich vehement entfernt hat von einer bewussten Formulierung unterschiedlicher Interessen und der Auseinandersetzung über sie. Stattdessen rauscht sie in atemberaubendem Tempo in die Sphäre des Unbewussten, des Spekulativen und des Irrationalismus. So, als habe es nie eine Aufklärung und die mit ihr verbundene Zusteuerung des modernen Menschen zum handelnden, gestaltenden Subjekt gegeben und so, als habe das Dritte Reich nicht dokumentiert, wie aus stolzen Subjekten beschämende Objekten werden können. Gelernt aus der Geschichte? Rituell vielleicht ja, spirituell, eher nein.

Täglich demonstrieren uns die medialen Kanäle den geistigen, den moralischen und damit auch den politischen Zustand der res publica, der Sache der Öffentlichkeit. Und es sind immer wieder die Medien, die uns weismachen wollen, dass die Themen, die sie setzen, diejenigen sind, die uns zu interessieren haben. Da geht es immer wieder um Themen wie Sicherheit, Sauberkeit oder das eine oder andere Projekt. Eines jedoch hat das ganze Szenario gemein: Es geht nie um die Zukunft. Wie das Gemeinwesen morgen aussehen soll, auf das wir zustreben, das wird geflissentlich ausgespart. Zynisch und böse, aber dennoch berechtigt, muss diese Art der Inszenierung des politischen Diskurses als das letzte Gefecht der aussterbenden Objekte bezeichnet werden. Es ist nicht unbedingt nur eine Frage der Generationen, denn es gibt, wie wir wissen, die wilden Jungen und die ängstlichen Alten, aber es gibt auch die jungen Greise und die Alten mit Löwenherzen. Worum es aber denen geht, die den Diskurs mit Themen der Vergangenheit durchtränken, das ist die Täuschung über die eigenen Pläne für die Zukunft.

Und diese Pläne sind zumeist durchtrieben, im Interesse Einzelner und kleiner Gruppen, die sich berauschen an einem Reichtum, der mit den qualitativen Merkmalen der Spezies im 21. Jahrhunderts nichts gemein haben, aber eben den Zugang zur und den Erhalt der Macht ermöglichen. Same Old Story! Haben wir alles schon gehabt. Aber warum ändert sich nichts?

Vielleicht ist es der falsche Weg, sich über die Unfähigkeit der Zeitgenossen zu beklagen. Vielleicht wäre es klüger, ihre Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen und sich mit ihnen über die Zukunft zu unterhalten. Die Aufklärung hat das getan. Nach dem Tadel an der selbst verschuldeten Unmündigkeit durch den strengen Protestanten aus Königsberg kam der Mut, den die lebensgeneigten französischen Philosophen den vernunftbegabten Wesen zusprachen. Und der Mittler zwischen diesen Welten, Heinrich Heine, der nach Frankreich exilierte, seinerseits „jüdisch beschnitten, evangelisch getauft, katholisch getraut,“ der brachte es auf den Punkt:

„Seit aber, durch die Fortschritte der Industrie und der Ökonomie, es möglich geworden ist, die Menschen aus ihrem materiellen Elend herauszuziehen und auf Erden zu beseligen, seitdem Sie verstehen mich. Und die Leute werden uns schon verstehen, wenn wir ihnen sagen, dass sie in der Folge alle Tage Rindfleisch statt Kartoffeln essen sollen, und weniger arbeiten und mehr tanzen werden. – Verlassen Sie sich darauf, die Menschen sind keine Esel. -“ (An Heinrich Laube am 10.7.1833.)

Trotz aller aufklärerischen Ziele sollten wir diesen Glauben nicht ablegen.