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Jetzt waren alle Habermas!

Es ist schon kurios. Jetzt, nach dem Ableben von Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren, wird dieser von Sprache und Stil schwer zugängliche Autor von über 50 Büchern und sicherlich gehörig Gelehrte von einer Öffentlichkeitsmaschine verwurstet wie ein ein Kilo Hack. Was die jeweilige Position gebrauchen kann, wird dem Klops entnommen und auf die Theke geworfen.  Irgendwie bekommt man das Gefühl, dass quasi über Nacht alle Habermas waren. Und es verwundert nicht, dass genau die Sentenzen aus seinem umfangreichen Werk auf den Tisch kommen, die wenig mit seinen tatsächlichen Ansätzen zu tun haben, aber in die politische Propaganda dieser Tage passen. Sein Vorwurf des Linksfaschismus gegenüber der historischen Studentenbewegung des SDS muss heute eher als ein frivoler Ausrutscher gewertet werden. Und seine Forderung einer europäischen Verfassung verliert angesichts derer, die dieses jetzt zitieren, sofort an Glaubwürdigkeit, wenn sie ebendiese Forderung Habermas nach der deutschen Wiedervereinigung für die neue Republik lieber vergessen. 

Es verbietet sich, mit Ironie, Sarkasmus oder restringierter Polemik dem Werk eines Menschen zu begegnen, das so vielschichtig und elaboriert war. Vieles von dem, was er publiziert und gelehrt hat, hatte es in sich und traf die Zeit, in der wir leben. Bekannt wurde er mit seiner Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, in der er den Wandel von der höfischen zur bürgerlichen Gesellschaft unter dem Aspekt der Res Publica, der tatsächlich öffentlichen Angelegenheiten beleuchtet. Allein diese Schrift, die heute als historisch einzustufen ist und mit der er nicht von Adorno und Horkheimer in Frankfurt, sondern von Abendroth in Marburg habilitiert wurde, wäre eine wunderbare Einleitung für eine Untersuchung darüber, inwieweit eine monopol-oligarchische Gesellschaft, in der alle Kanäle offen sind, die Machtstrukturen überhaupt noch zu offenbaren in der Lage ist.

Seine „Theorie des Kommunikativen Handelns“, ein fulminanter Meilenstein in der Sezierung unserer Gesellschaft, hatte allerdings wenig mit der tatsächlichen Gesellschaft zu tun und war ein Denkmodell unter Laborbedingungen. Dass viele, die das Werk studierten, es später dahingehend verballhornten, dass alles verhandelbar sei, hat sicherlich in eine der größten Sackgassen des politischen Diskurses geführt und eine Klasse von Akteuren zur Folge gehabt, die Utilitarismus und Opportunität zum obersten Prinzip erhoben haben.

Habermas hatte die große Gabe, mit seinen seinen schlichten Buchtiteln die jeweils ganze Problematik oder Herausforderung auf den Punkt zu bringen. „Erkenntnis und Interesse“, Faktizität und Geltung“, „Technik und Wissenschaft als Ideologie“, „Die neue Unübersichtlichkeit“ etc., nahezu jede seiner Publikationen kann allein vom Titel her Diskurse eröffnen, die sich in einer vollkommen anderen Flughöhe befinden als alles, was der zeitgenössische Abgesang auf die aufgeklärte Gesellschaft zu bieten hat. Und allein die aufgezählten Titel dokumentieren, mit welcher Präzision die neuralgischen Punkte des gesellschaftlichen Daseins auf den Seziertisch gelegt wurden. 

Ja, ohne Interesse keine veritablen Erkenntnisse, ja, was Fakt ist muss noch lange keine Geltung haben, ja, das Wesen der Technokratie steht immer noch in Blüte und die verlorene Übersicht avanciert zum Massenphänomen. Das sind die Marksteine, an denen sich ein Andenken an Habermas festmachen sollte. Nicht alle Schlüsse, die er zog, muss man teilen, aber die Denkaufgaben, die er gestellt hat, dafür muss man außerordentlich dankbar sein. Und das Phänomenale dabei ist, dass es auch ohne die Lektüre geht. Stellen Sie sich einmal Diskussionsrunden allein mit den genannten Titeln vor! In privatem Kreis werden hervorragende Diskurse zustande kommen. Und dann stellen Sie sich einmal die aktuellen Gladiatoren der medialen Meinungsbildung mit diesen Aufgabenstellungen vor. Dann begegneten wir vielleicht einmal einem heilsamen Schweigen. Das ein Habermas nicht ertragen müsste. Und wieder einmal wäre er privilegiert!

Jetzt waren alle Habermas!

Mediale Berichterstattung: Eine Revue von Katastrophen

In Madeira stürzt ein Bus die Böschung herunter, in Indonesien erdrücken Schlammlawinen ganze Dörfer, in Peru bebt die Erde, in Bangladesh brennen die Sweat Shops, in Peking herrscht der Smog, in Neuschottland verenden die Wale und in Brandenburg brennen die Schweine. Die Nachrichten, mit denen wir täglich konfrontiert werden, sind eine Revue von Katastrophen. Nicht, dass jedes einzelne Ereignis nicht schrecklich wäre und keine lokale Relevanz hätte, doch welche Bedeutung hat es für uns? Warum, so stellt sich die Frage, werden wir mit Katastrophenmeldungen aus aller Welt, die keinen Einfluss auf unser hiesiges Leben haben, systematisch überschüttet? Entspricht es unserem Naturell, dass wir schlicht scharf sind auf Katastrophen, weil sie unsere wie auch immer pervertierte Libido zum Schwingen bringen, oder steckt etwas anderes dahinter? Oder wäre diese Vermutung bereits wieder eine verschwörungstheoretische Entgleisung?

Aber, bevor es emotional a priori abgleitet, sei die Frage gestellt, warum ein Mensch unserer Zivilisation an Nachrichten interessiert ist! Es bedarf dabei einer Gegenüberstellung. Idealtypisch müsste das Interesse darin liegen, sowohl über die wichtigen politischen Ereignisse informiert zu  sein, Informationen über das Wirtschaftsleben zu erhalten, sich ins Bild über kulturelle und sportliche Entwicklungen setzen zu können und natürlich eine Wetterprognose zu erhalten. Von der Gliederung her geschieht das auch so in den meisten Fällen. Von den Inhalten eher nicht. Da werden aus Informationen zumeist Empfehlungen und Betrachtungsweisen, deren Konsum empfohlen wird. Es geht nicht um Information, sondern um Manipulation. 

Auf der anderen Seite existiert etwas in der zu informierenden oder medial zu bearbeitenden Masse, das als die Lust auf Sensation bezeichnet werden kann. Es zu leugnen, wäre Unsinn, denn jede Sensation erregt, zum einen Aufmerksamkeit, zum anderen einen ganzes Gemisch von Emotionen, die vielleicht in der technokratisch durchorganisierten Welt im Alltag nicht mehr gelebt werden können. Zudem hat derjenige, der das mittelbare Entsetzen leben kann, den Vorteil, nicht die unmittelbaren Konsequenzen tragen zu müssen. So ein Brand in einer Textilfabrik in Bangladesh erzeugt einen Schauder, der vom Kopf her rührt, und nicht vom tatsächlich gerochenen verbrannten Menschenfleisch. Seien wir ehrlich: Der Abgrund schaut auch in uns!

Die Professionalisierung der medialen Katastrophenübermittlung ist die Antwort auf eine Verarmung des Alltags in der technokratischen Zivilisation. Sie nutzt das Bedürfnis, die vermittelte Katastrophe zu erfahren, um etwas Spannung und Abwechslung in das monotone und kulturell unterernährte Leben zu bekommen. Das das alles zu einer nicht messbaren Abhängigkeit führt, halte ich für übertrieben, dass es davon abhält, sich mit Überlegungen zu beschäftigen, die etwas verändern können, davon bin ich jedoch überzeugt. 

Der Zusammenhang von Erkenntnis und Interesse sollte den Schlüssel liefern: Wir bleiben dann passiv, wenn das Neue, das wir erfahren, nichts mit unserer täglichen Lebenspraxis zu tun hat. Anders herum, wenn es uns direkt betrifft, denken wir darüber nach und motivieren uns zum Handeln. Und so löst sich der Katastrophenjournalismus auf: Er berichtet über nichts, was wir beeinflussen können. Außer einer kurzen Gefühlswallung bewirkt er nichts. Und das ist das Ziel. Wenn dann noch das Verhältnis von Nachrichten, die uns wirklich betreffen und Katastrophen, die weit weg sind und andere betreffen, betrachtet wird, dann wird schon deutlich, dass von den ureigenen Lebensverhältnissen abgelenkt wird. 

Revolution im Kopf

Überall ist von Erosion die Rede. Alle wissen alles und keiner weiß Bescheid. Und viele trauern alten Zeiten nach. Da gab es zwei Fernsehprogramme, alle schauten das Gleiche und kannten sich aus. Mit der Fülle und Diversität war die thematische Sicherheit dahin. Und die Enge auch. Denn was in der gar nicht allzu fernen Vergangenheit an Möglichkeiten bestand, sich zu informieren oder sich kulturell inspirieren zu lassen war – höflich gesprochen – sehr reduziert. Denn  auch das, was manche heute so gerne glorifizieren, war herzlich wenig und offen ideologisch getränkt. Nur zwei Dinge existierten, die heute kaum noch anzutreffen sind: Es gab Journalisten, die exzellent ihr Handwerk beherrschten und das auch ab und zu öffentlich zeigen durften und es gab eine tatsächliche Opposition in den Medien gegen die amtierende Regierung. Dieser Unterschied ist lebenswichtig. Weder in den öffentlich-rechtlichen Anstalten noch in den großen, exklusiv von fünf Familien beherrschten Printmedien findet beides statt. Aber, wie pflegt ein kluger Freund bei einem solchen Befund anzumerken: Es ist wie es ist!

Die Klage führt nicht in die Zukunft. Sie kann allenfalls der Beginn eines neuen Prozesses sein, der in die Zukunft weist. Die Entwicklung der Aufbereitung, Verbreitung und des Konsums von Information hat neue Dimensionen eröffnet. Bei den Konsumenten ist eine Überforderung zu beobachten, die sich wiederum auf zwei Ebenen erstreckt. Zum einen fällt es den meisten Menschen, die sich im Orkan der globalen Informationsstürme bewegen, schwer, die Fülle, mit der sie konfrontiert sind, zu sortieren. Zum anderen sind sie zunehmend verunsichert, weil die Fälschung von Fakten noch nie so leicht war und folglich noch nie so häufig praktiziert wurde. Unter dem Strich sind es zwei einfache Fragen, die weiter bringen: 1. Was ist wichtig? und 2. Was stimmt?

Wo ist die Stätte, an der dem Prozess der mentalen, spirituellen und gesellschaftlichen Erosion begegnet werden kann? Die Frage kann nicht schnell politisch beantwortet werden und die Initiativen, um sich dem gefährlichen Prozess entgegenzustellen, erfordern einen langen Atem. Ich rede von den bestehenden und noch zu gründenden Bildungsinstitutionen, in denen das gelernt wird, was erforderlich ist. Manche der zu erwerbenden Kompetenzen waren historisch bereits vorhanden und sind in einem langen, aber stetigen Prozess der Entmündigung verloren gegangen, andere müssen neu entwickelt und herausgebildet werden. 

Es geht darum, das jeweilige Interesse des Individuums oder der Gruppe zum Ausgangspunkt der Arbeit zu machen. Wer weiß, was ihn oder sie interessiert, ersäuft nicht in einer Flut von Belanglosigkeiten. Und wer weiß, wie er oder sie überprüfen kann, woher Informationen kommen, wer sie in den Fingern hatte, welche Interessen er verfolgte und wie sie dann verbreitet wurden, beherrscht das Handwerk der Ideologiekritik und kommt sicherer zu einer gefestigten Meinung. Und es geht um das, was vor allem von dem neudeutschen Euro-Imperialismus so beschädigt worden ist. Es geht um Werte. Allerdings um Werte, die nicht vor geraumer Zeit in irgend welchen Dokumenten verewigt wurden, sondern um Werte, die zu einer Gesellschaft passen, die den schmerzhaften und anstrengenden Weg eines Konsenses über eine gemeinsame Zukunft eingeschlagen hat. Es bedarf einer Revolution. Sie findet nicht auf der Straße, sondern in den Köpfen statt. Und es bedarf der Institutionen, in denen das stattfinden kann.