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Mediale Berichterstattung: Eine Revue von Katastrophen

In Madeira stürzt ein Bus die Böschung herunter, in Indonesien erdrücken Schlammlawinen ganze Dörfer, in Peru bebt die Erde, in Bangladesh brennen die Sweat Shops, in Peking herrscht der Smog, in Neuschottland verenden die Wale und in Brandenburg brennen die Schweine. Die Nachrichten, mit denen wir täglich konfrontiert werden, sind eine Revue von Katastrophen. Nicht, dass jedes einzelne Ereignis nicht schrecklich wäre und keine lokale Relevanz hätte, doch welche Bedeutung hat es für uns? Warum, so stellt sich die Frage, werden wir mit Katastrophenmeldungen aus aller Welt, die keinen Einfluss auf unser hiesiges Leben haben, systematisch überschüttet? Entspricht es unserem Naturell, dass wir schlicht scharf sind auf Katastrophen, weil sie unsere wie auch immer pervertierte Libido zum Schwingen bringen, oder steckt etwas anderes dahinter? Oder wäre diese Vermutung bereits wieder eine verschwörungstheoretische Entgleisung?

Aber, bevor es emotional a priori abgleitet, sei die Frage gestellt, warum ein Mensch unserer Zivilisation an Nachrichten interessiert ist! Es bedarf dabei einer Gegenüberstellung. Idealtypisch müsste das Interesse darin liegen, sowohl über die wichtigen politischen Ereignisse informiert zu  sein, Informationen über das Wirtschaftsleben zu erhalten, sich ins Bild über kulturelle und sportliche Entwicklungen setzen zu können und natürlich eine Wetterprognose zu erhalten. Von der Gliederung her geschieht das auch so in den meisten Fällen. Von den Inhalten eher nicht. Da werden aus Informationen zumeist Empfehlungen und Betrachtungsweisen, deren Konsum empfohlen wird. Es geht nicht um Information, sondern um Manipulation. 

Auf der anderen Seite existiert etwas in der zu informierenden oder medial zu bearbeitenden Masse, das als die Lust auf Sensation bezeichnet werden kann. Es zu leugnen, wäre Unsinn, denn jede Sensation erregt, zum einen Aufmerksamkeit, zum anderen einen ganzes Gemisch von Emotionen, die vielleicht in der technokratisch durchorganisierten Welt im Alltag nicht mehr gelebt werden können. Zudem hat derjenige, der das mittelbare Entsetzen leben kann, den Vorteil, nicht die unmittelbaren Konsequenzen tragen zu müssen. So ein Brand in einer Textilfabrik in Bangladesh erzeugt einen Schauder, der vom Kopf her rührt, und nicht vom tatsächlich gerochenen verbrannten Menschenfleisch. Seien wir ehrlich: Der Abgrund schaut auch in uns!

Die Professionalisierung der medialen Katastrophenübermittlung ist die Antwort auf eine Verarmung des Alltags in der technokratischen Zivilisation. Sie nutzt das Bedürfnis, die vermittelte Katastrophe zu erfahren, um etwas Spannung und Abwechslung in das monotone und kulturell unterernährte Leben zu bekommen. Das das alles zu einer nicht messbaren Abhängigkeit führt, halte ich für übertrieben, dass es davon abhält, sich mit Überlegungen zu beschäftigen, die etwas verändern können, davon bin ich jedoch überzeugt. 

Der Zusammenhang von Erkenntnis und Interesse sollte den Schlüssel liefern: Wir bleiben dann passiv, wenn das Neue, das wir erfahren, nichts mit unserer täglichen Lebenspraxis zu tun hat. Anders herum, wenn es uns direkt betrifft, denken wir darüber nach und motivieren uns zum Handeln. Und so löst sich der Katastrophenjournalismus auf: Er berichtet über nichts, was wir beeinflussen können. Außer einer kurzen Gefühlswallung bewirkt er nichts. Und das ist das Ziel. Wenn dann noch das Verhältnis von Nachrichten, die uns wirklich betreffen und Katastrophen, die weit weg sind und andere betreffen, betrachtet wird, dann wird schon deutlich, dass von den ureigenen Lebensverhältnissen abgelenkt wird. 

Revolution im Kopf

Überall ist von Erosion die Rede. Alle wissen alles und keiner weiß Bescheid. Und viele trauern alten Zeiten nach. Da gab es zwei Fernsehprogramme, alle schauten das Gleiche und kannten sich aus. Mit der Fülle und Diversität war die thematische Sicherheit dahin. Und die Enge auch. Denn was in der gar nicht allzu fernen Vergangenheit an Möglichkeiten bestand, sich zu informieren oder sich kulturell inspirieren zu lassen war – höflich gesprochen – sehr reduziert. Denn  auch das, was manche heute so gerne glorifizieren, war herzlich wenig und offen ideologisch getränkt. Nur zwei Dinge existierten, die heute kaum noch anzutreffen sind: Es gab Journalisten, die exzellent ihr Handwerk beherrschten und das auch ab und zu öffentlich zeigen durften und es gab eine tatsächliche Opposition in den Medien gegen die amtierende Regierung. Dieser Unterschied ist lebenswichtig. Weder in den öffentlich-rechtlichen Anstalten noch in den großen, exklusiv von fünf Familien beherrschten Printmedien findet beides statt. Aber, wie pflegt ein kluger Freund bei einem solchen Befund anzumerken: Es ist wie es ist!

Die Klage führt nicht in die Zukunft. Sie kann allenfalls der Beginn eines neuen Prozesses sein, der in die Zukunft weist. Die Entwicklung der Aufbereitung, Verbreitung und des Konsums von Information hat neue Dimensionen eröffnet. Bei den Konsumenten ist eine Überforderung zu beobachten, die sich wiederum auf zwei Ebenen erstreckt. Zum einen fällt es den meisten Menschen, die sich im Orkan der globalen Informationsstürme bewegen, schwer, die Fülle, mit der sie konfrontiert sind, zu sortieren. Zum anderen sind sie zunehmend verunsichert, weil die Fälschung von Fakten noch nie so leicht war und folglich noch nie so häufig praktiziert wurde. Unter dem Strich sind es zwei einfache Fragen, die weiter bringen: 1. Was ist wichtig? und 2. Was stimmt?

Wo ist die Stätte, an der dem Prozess der mentalen, spirituellen und gesellschaftlichen Erosion begegnet werden kann? Die Frage kann nicht schnell politisch beantwortet werden und die Initiativen, um sich dem gefährlichen Prozess entgegenzustellen, erfordern einen langen Atem. Ich rede von den bestehenden und noch zu gründenden Bildungsinstitutionen, in denen das gelernt wird, was erforderlich ist. Manche der zu erwerbenden Kompetenzen waren historisch bereits vorhanden und sind in einem langen, aber stetigen Prozess der Entmündigung verloren gegangen, andere müssen neu entwickelt und herausgebildet werden. 

Es geht darum, das jeweilige Interesse des Individuums oder der Gruppe zum Ausgangspunkt der Arbeit zu machen. Wer weiß, was ihn oder sie interessiert, ersäuft nicht in einer Flut von Belanglosigkeiten. Und wer weiß, wie er oder sie überprüfen kann, woher Informationen kommen, wer sie in den Fingern hatte, welche Interessen er verfolgte und wie sie dann verbreitet wurden, beherrscht das Handwerk der Ideologiekritik und kommt sicherer zu einer gefestigten Meinung. Und es geht um das, was vor allem von dem neudeutschen Euro-Imperialismus so beschädigt worden ist. Es geht um Werte. Allerdings um Werte, die nicht vor geraumer Zeit in irgend welchen Dokumenten verewigt wurden, sondern um Werte, die zu einer Gesellschaft passen, die den schmerzhaften und anstrengenden Weg eines Konsenses über eine gemeinsame Zukunft eingeschlagen hat. Es bedarf einer Revolution. Sie findet nicht auf der Straße, sondern in den Köpfen statt. Und es bedarf der Institutionen, in denen das stattfinden kann.

Über den Doppelcharakter der Information

Bei Karl Marx hieß es eingangs seines „Kapitals“ noch, bei der Betrachtung der Welt erschiene alles als eine ungeheure Ansammlung von Waren. Im ökonomischen Sinne stimmt das immer noch, im Sinne der eigenen, individuellen Wahrnehmung, hat sich das geändert. Heute wird die Welt als eine ungeheure Ansammlung von Informationen und Fakten erlebt. Und, was im ökonomischen wie im phänomenologischen Sinne von großer Bedeutung ist, kann eine bestimmte Grundstruktur in das Ungeheuerliche gebracht werden? Marx ist das dahin gehend gelungen, als dass er das millionenfach Einzelne, die Ware, auf ihren wesentlichen Charakter, den Wert, untersucht hat. Gelingt das auch bei Fakten und Informationen? Die große semantische Krise, in der wir uns momentan befinden, stellt das in Zweifel, was allerdings nichts heißen muss. Erstens stirbt die Hoffnung zuletzt und zweitens ist die Lösung immer dann am nächsten, wenn die Krise am größten. 

Mit der informatorischen Verfügbarkeit all dessen, was niemand braucht, hat eine Komplexität eingesetzt, die ja immer wieder bemüht wird, wenn Menschen zu einfachen Erklärungen neigen. Manchmal ist der Verweis tatsächlich berechtigt, oft ist er aber auch nur eine Schutzbehauptung, um von den eigenen Interessen abzulenken. Deutung kann immer dann gelingen, wenn Zusammenhänge hergestellt werden können. Die Faktenlage, dieser Ozean der Möglichkeiten, ist zu einem Moment der Verunsicherung geworden, die eher zur Verdunkelung als zur Aufklärung beiträgt.

Als Einstieg gehen immer mehr Menschen dazu über, sich von den Quellen der unbegrenzten Information abzutrennen, zumindest für bestimmte Zeitintervalle. Immer mal wieder ohne Rechner und Smartphone, das beruhigt und verschafft Klarheit. Klarheit vor allem darüber, was für das Leben wichtig ist und was eigentlich nur dazu geeignet ist, um kostbare Lebenszeit zu fressen und damit zu vernichten. Um dem ein Faktum hinzuzufügen: 70 Prozent der Internetzugänge suchen nach dem, was man unverblümt als Trash bezeichnen muss: Skurriles, Fake News, Pornos. Was sagt das aus, über das so gepriesene Zeitalter der Demokratisierung von Information? 

Es existiert ein Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Interesse (kein Zufall, dass Jürgen Habermas dem Konnex ein ganzes Buch widmete). Die Frage der Information bekommt dann Relevanz, wenn sie in einem Zusammenhang steht mit der eigenen Interessenlage. Wenn ich nach einer Erklärung für ein bestimmtes Phänomen suche, dann suche ich nach Informationen, die mir dabei helfen. Analog ist es bei dem Versuch, eine Argumentation zu untermauern. Es geht um Zweck und Zielrichtung, Information an sich führt weg von Interesse wie Erkenntnis. Diese Art der Information, die im Mantel der Aufklärung daherkommt, bewirkt das genaue Gegenteil. Sie lenkt ab, sie schwächt die Konzentration auf das Wesentliche. Ergo existieren Informationen, die eo ipso nicht falsch sind, die in ihrem Gesamtzusammenhang jedoch genau das Gegenteil bewirken: sie halten die Menschen davon ab, das zu tun, was für sie richtig und wichtig ist!

Folglich ist es keine zu weit gehende Spekulation, den Charakter der verfügbaren Information ebenso wie bei einer jeden anderen Ware nach Gebrauchs- und Tauschwert zu unterscheiden. Für das einzelne Individuum bedeutet die Kategorie des Gebrauchswertes alles. Handlungsleitend auf der großen Reise der Informationsbeschaffung sollte die Frage lauten, kann ich die Information, die mir präsentiert wird, kann ich sie gebrauchen und hilft sie mir beim Verfolgen meiner Ziele?  Voraussetzung ist, ein Ziel zu haben.