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Erdbeben in Mexiko, Hurrikan Maria

Manchmal liegt der Skandal nicht im Ungewohnten, sondern in der Normalität. Der Skandal, um den es sich hier dreht, ist das Verhalten derer, die sich um die Information und die Aufklärung der Gesellschaft kümmern sollen. Ja, Presse und Rundfunk sind mächtig in Verruf geraten in den letzten Jahren, weil die wirtschaftliche Entwicklung eine Polarisierung auf dem professionellen Feld beschleunigt hat. Dort stehen sich hochbezahlte Ideologen und prekär beschäftigte Journalisten gegenüber. Erstere sind zunehmend die Agenten von gesellschaftlichen Partikularinteressen, letztere bekommen nur die Art von Journalismus bezahlt, die jenseits der Kritik liegt. Dass da viele mit historisch kontaminierten Begriffen wie „Lügenpresse“ hantieren, ist zwar nicht bekömmlich, aber unerwartet kommt es auch nicht. Das Metier kann sich nur dann rehabilitieren, wenn es das wird, was allgemein als „unbequem“ beschrieben werden muss.

Davon ist die Branche jedoch weit entfernt. Das „Duell“ zwischen Kanzlerin und Herausforderer könnte als der Tiefpunkt der beschriebenen journalistischen Entwicklung in die Geschichtsbücher eingehen. Da bestimmte Frau Merkel schon vorher, was gefragt werden durfte, sonst wäre sie gar nicht erschienen. Dass der Herausforderer, der gerade bei den verbotenen Fragen hätte ein gutes Bild abliefern können, die Veranstaltung nicht mit Schmackes gesprengt hat, steht auf einem anderen Blatt und hat etwas mit der teilweise suizidalen Psyche der deutschen Sozialdemokratie zu tun. Ein halbwegs selbstbewusster Journalismus hätte jedoch selbst reagiert und den Versuch der Zensur angeprangert. Stattdessen lag die ganze Entourage auf dem Rücken und legte den Hals zum Bisse frei.

Heute Morgen im Radio. Drei Tage vor der Wahl. Im Herzen Europas, ein mehr als achtzig Millionenvolk. Die Nachrichten: 1. Das Erdbeben in Mexiko. 2. Hurrikan Maria, wütend und tobend in der Karibik, ist noch stärker als der Vorgänger. 3. In Katalonien spitzt sich die Auseinandersetzung mit der Zentralregierung in Madrid zu. 4. Das Urteil gegen einen gewalttätigen Ehemann. 5. Die Ergebnisse der Fußball-Bundesliga vom Mittwochabend. 6. Das Wetter. Die Wahlen? Keine Meldung.

So, wie es scheint, existiert eine Direktive, das Volk nicht noch so kurz vor der Wahl scheckig zu machen. So ganz nach dem Motto, Mutti möchte keine Aufregung, so kurz vor dem Urnengang, und die ganze Pressebranche hält sich daran. Ist das Skandal? Ich meine ja. Wer kurz vor dem Votum ent-politisiert, hat eine Agenda. Und wer aus Steuermitteln finanziert wird, hat sein Mandat von denen, die die Steuern zahlen und nicht von denen, die vielleicht auf Zeit das Sagen haben. Demokratie, von der reinen Lehre, ist Herrschaft auf Zeit. Der Souverän ist und bleibt das Volk.

Die Theorie weicht immer von der Praxis ab. Nur liegt, in dem zu betrachtenden Fall, die Praxis Lichtjahre entfernt von der Theorie, die die Demokratie begründet. Die vielen Katastrophennachrichten aus aller Welt sollen suggerieren, dass wir hier sicher leben und von bestimmten Heimsuchungen verschont bleiben. Das liegt jedoch an Geographie und Klima, und nicht an der momentanen Bundesregierung. Deren Unzulänglichkeiten freizulegen, wäre eigentlich die Pflicht derer, die das System mit einem klaren Auftrag überwachen und erhalten sollen. Das kommt der Branche schon gar nicht mehr in den Sinn. Ist das neu? Nein! Wir haben uns bereits an eine Normalität gewöhnt, die ihrerseits skandalös ist. Wie gesagt, Erdbeben in Mexiko, und Hurrikan Maria ist noch heftiger.