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Das Psychogramm für stürmische Zeiten

Folgt man der Übung, sich zu überlegen, welches Psychogramm eine Gesellschaft benötigt, um den Herausforderungen, denen eine solche gegenübersteht, gewachsen zu sein, dann kommen interessante Erkenntnisse zutage. Da ist selbstverständlich an erster Stelle die Kohäsion, der Zusammenhalt, der in der Lage ist, auch in kritischen Situationen fortzubestehen. Es heißt, eine Gesellschaft braucht einen großen Konsens über das Selbstverständnis, die Rechte und die Pflichten der einzelnen Glieder. Das kommt zustande, wenn das Gros der einzelnen Glieder sich daran hält und den Anspruch versucht zu leben und die Überzeugung vorherrscht, dass es sich dabei um die vorzufindende gesellschaftliche Realität handelt. Des Weiteren benötigt eine Gesellschaft in Zeiten von Krisen und Katastrophen das, was heute so gerne Resilienz genannt wird. Damit ist Widerstandskraft gemeint. Sie hängt von der Überzeugung ab, in der Lage zu sein, alles zu überstehen, was als bedrohlich anzusehen ist. Und, was gerne vergessen wird, weil es nicht in soziologische Kategorien passt und mehr in der Individualpsychologie Gegenstand der Betrachtung ist, das Phänomen der positiven Haltung zum Leben, der daraus erwachsende Mut und die Zuversicht. Letztendlich kommt noch das hinzu, was die Epikureer Ataraxie nannten, die Seelenruhe oder Gelassenheit. Nur wer auch in kritischen Situationen gelassen bleiben kann, ist in der Lage, seine Optionen bei niedrigem Puls zu reflektieren und seine Handlungsoptionen abzuwägen. Auch hier gilt dasselbe für das Individuum wie die zu betrachtende Gesellschaft.

Zusammenhalt, getragen durch einen breiten Konsens über die Identität, Rechte und Pflichten, Widerstandsfähigkeit, erzeugt durch eine positive Haltung gegenüber der eigenen Rolle wie dem Weltgeschehen, und Gelassenheit, die aus den ersten beiden Faktoren resultiert und dafür sorgt, bei Desastern nicht die Nerven zu verlieren. Wenn das die Quintessenz eines notwendigen gesellschaftlichen Psychogramms ausmacht, wäre der nächste Schritt, sich Gesellschaften anzusehen und auf die einzelnen Phänomene abzuklopfen. In welchen Ländern, Staaten und Nationen kann man von dieser Disposition ausgehen? Und, noch spannender, werden die Bedingungen für eine stabile gesellschaftliche Psyche im eigenen Land eingelöst? Das Urteil sei wie immer einer emanzipierten Leserschaft überlassen, denn, und dabei bleibt es, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Ein Medium, das bei der Genese eines gesellschaftlichen Bewusstseins eine wesentliche Rolle spielt, wurde bei der hiesigen Betrachtung bis jetzt nicht erwähnt: die Organe, die über die Geschehnisse berichten, sie kommentieren und reflektieren. Gemeint sind die Medien des öffentlichen Diskurses. Führt man sich die Notwendigkeiten der Überlebensfähigkeit noch einmal vor Augen, dann sticht eins in Auge: Weder der Zusammenhalt, nicht die Voraussetzungen für eine gemeinsame Identität, keine positive Haltung in punkto Weltgeschehen und nicht die Andeutung von Gelassenheit sind dort zu finden. Ganz im Gegenteil: Hoch im Kurs steht die Erzeugung von Panik, die Verbreitung von Angst und die Befeuerung der Hektik. Wenn die Kommunikation und Reflexion in der Öffentlichkeit so konzipiert ist, dann spricht vieles dafür, dass das notwendige gesellschaftliche Psychogramm in Bezug auf die eigene Überlebens- wie Zukunftsfähigkeit entweder nicht vorhanden ist oder systematisch ignoriert wird. Auch hier ist der kritische Blick der Leserschaft gefragt, auch wenn erlaubt sein muss, dass großer Zweifel an der Existenz des notwendigen Psychogramms wie an der Erfüllung eines gesellschaftlichen Auftrags bei den Kommunikationsmedien angebracht ist. Wer permanent Angst und Schrecken verbreitet, wer spaltet und an Feindbildern feilt und wer nichts als hektische Impulse sendet, ist weilt entfernt von den positiven Eigenschaften, die eine Gesellschaft benötigt, um die Stürme der Zeit zu überstehen.