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Die Dominanz der therapeutischen Hermeneutik

Mikrokosmen der Gesellschaft finden sich überall. Es kommt darauf an, ob sie als solche erkannt werden und ob der Wille und die Fähigkeit existieren, sie auch als solche zu lesen. Der Fußball ist so ein Mikrokosmos, die Familien, Vereine im Allgemeinen, natürlich Parteien und selbstverständlich Unternehmen und Großorganisationen. Vor allem die Arbeitswelt gibt ein sehr präzises Bild über die Werte, die Befindlichkeit und die Vorstellung davon, wie Organisation aussehen soll. Das geht nicht ohne die private wie gesellschaftliche Erfahrung derer vonstatten, die sich im Arbeitsleben verdingen und verwirklichen. Insofern lohnt sich immer der Blick auf die aktuellen Zustände in der Personal- und Organisationsentwicklung, um zu sehen, wo Gesellschaft und Wirtschaft stehen.

Interessant ist, dass gerade besagte Disziplinen in den letzten Jahrzehnten vor allen Dingen mit systemischen Entwicklungsansätzen von sich Reden gemacht haben. Die meisten dieser Entwicklungsansätze sind Derivate aus der Familientherapie. Wiewohl sie von einer bestechenden Logik und in der Lage sind zu lehren, wie innerhalb eines Problemfeldes selbst auch Lösungsansätze zu verorten sind, sollte die Herkunft doch zu denken gegeben haben. Warum, so hätte die Frage schon vor langer Zeit lauten müssen, greifen viele Unternehmen und Organisationen nach therapeutischen Zugängen, um ihre inneren Probleme fokussieren und lösen zu können?

Die Antwort liegt vermeintlich auf der Hand. Die Akteurinnen und Akteure unserer Gesellschaft haben durch einen über Jahrzehnte andauernden Entmündigungsprozess, auf den sie sich eingelassen haben, sich von einer dinglichen Ebene, auf der gleichberechtigte, vernunftbegabte Wesen normalerweise verkehren, in ein Beziehungsgeflecht begeben, dass die Abhängigkeiten, die aus dem Entmündigungsprozess resultierten, zum Gegenstand der Reflexion von Arbeitsbeziehungen gemacht haben. Das geht, in der betriebstherapeutischen Entsprechung, bis hin zu Familienaufstellungen innerhalb des Unternehmens. Schöne neue Welt.

Was sich in den Betrieben längst zum ganz normalen Alltag entwickelt hat, bestimmt natürlich auch den gesellschaftlichen und damit politischen Diskurs. Es ist nicht die Rede davon, was ein Mensch ist und macht, sondern welche Rolle er in einem Beziehungsgeflecht einnimmt und ob er ihr gerecht wird. Indem er oder sie sich auf diese Logik einlässt, ist das eigentliche und ureigene Interesse längst ausgeblendet und nicht mehr Gegenstand der Verhandlung. Dass Menschen und soziale Gruppen in einer Gesellschaft ganz konkrete Interessen haben und diese auch vertreten könnten, ist in den politischen Kursen unserer Tage gar kein Thema mehr. Es geht immer um die vermeintlichen Interessen aller, obwohl die Spezifik der Interessen nie so virulent war wie heute. Indem die Beziehungen der Akteure zueinander zum Hauptthema gemacht werden, ist das Paradigma der Familie etabliert und von der Rationalität sozialer Gestaltung abgekoppelt.

Familie im Industriezeitalter und danach ist zumeist ein Garant für ausgewachsene Traumata, die es mit der Etablierung der Familie zum kardinalen Handlungsparadigma in jedes Unternehmen, in jeden Verein und in den politischen Diskurs geschafft haben. Manche Dialoge, die in Unternehmen vernehmbar sind, erinnern tatsächlich mehr an eine Lehrstunde aus der psychoanalytischen Praxis als an ein Vertragsverhältnis, in dem der Gegenwert von zu erbringender Leistung festgelegt wurde. Nicht, dass sich die Menschen in dem Verhältnis analog zur Familie bestehender Abhängigkeiten wohl fühlten. Aber sie haben sich tendenziell darauf eingelassen und damit ihre eigentlichen Möglichkeiten blockiert, selbstbewusst über den Prozess der Arbeit zu verhandeln. Da das nicht mehr geht, werden Krankheitsbilder verhandelt, was an Absurdität nicht mehr zu überbieten ist. Alle Lebensbereiche werden dominiert von einer therapeutischen Hermeneutik. Kalte Analyse der Interessen und Fähigkeiten wäre sinnvoller als das Räsonnement von Therapie.

Die praktische Kollision

Soll man Marxens Unterscheidungen noch bemühen? Die Frage beantwortet sich gleich, wenn man nach etwas Besserem sucht und passen muss. Gemeint ist die Differenzierung einer Gesellschaft in Unterbau und Überbau. Vor allem in seiner Schrift Die deutsche Ideologie hatte Marx eine weniger ökonomische und mehr soziologische Analyse der deutschen Gesellschaft vorgenommen. Und wie es ihm mit seiner von Dialektik durchtränkten Vorgehensweise eigen war, entsprang aus der historischen Analyse gleich auch noch ein Modell mit weitergehendem Geltungsanspruch.

 Demnach geschieht in dem Unterbau der Gesellschaft die Wertschöpfung unter den spezifischen historischen Bedingungen und Eigentumsverhältnissen. Dort werden Waren produziert in Fabriken, die Privateigentum sind und wiederum auf Märkten feilgeboten, auf denen die Anbieter mit ihren Produkten in Konkurrenz zueinander stehen. Im Überbau hingegen bilden sich die sozialen Verkehrsformen ab, die sich aus den Machtverhältnissen des Unterbaus ableiten, im Überbau jedoch auch eigendynamisch entwickeln können. Die spannende Frage, die Marx anhand historischer Ereignisse stellt, ist die, was passiert, wenn die Protagonisten des Überbaus in Widerspruch zu den Interessen des Unterbaus stehen? Marx nannte ein solches Moment die praktische Kollision. Und er schloss, dass sich im Falle einer solchen praktischen Kollision schnell zeigen werde, ob die im Überbau agierende Opposition den Unterbau negiert oder nur zum Schein die Stimme der Rebellion erhebt.

Das Theorem der praktischen Kollision ist hilfreich, wenn man sich gesellschaftliche Krisenzustände ansieht, eigentlich egal wo auf der Welt. Gerade in einer vom Warenüberfluss geprägten Welt neigt man in der Begutachtung kritischer Zustände dazu, die ökonomischen Interessen bestimmter Gruppen zu bagatellisieren. Die Intervention der Militärs in Ägypten zum Beispiel hatte in erster Linie ökonomische Gründe.

In einer warenproduzierenden, sprich kapitalistischen Gesellschaft, hat die ökonomische Klasse, die als die mächtige bezeichnet werden muss, in der Regel das Sagen. Die einzige Möglichkeit, dem freien Unternehmertum in seiner Machtentfaltung beizukommen, sind durch demokratische Mehrheiten zustande gekommene Gesetze und die Vergesellschaftung der ökonomischen Prozesse per se. Unter dem Vorzeichen des Sozialismus hat das 20. Jahrhundert hinreichend Beispiele dafür geliefert, wie die Politik der Ökonomie den Rang abgekauft und deren Klasse domestiziert hat. Das Resultat war der wirtschaftliche Kollaps.

 In der post-sozialistischen Ära glaubte man zunächst an den Triumph des ungezügelten Kapitalismus. Und angesichts des Erscheinungsbildes des Weltfinanzwesens schien es auch so zu sein. Was man aber bei genauem Hinsehen feststellen musste, war die Tatsache, dass die Verstaatlichung wirtschaftlichen Handelns in einem Ausmaß zugenommen hatte, das weit mehr an die historischen Vorläufer des Sozialismus als an den immer wieder an die Wand gemalten Manchester-Kapitalismus erinnerte.

 Zu den Staaten der prototypischen Verstaatlichung ökonomischer Prozesse gehört die Bundesrepublik. Das Phänomen, dass sich dahinter verbirgt, ist die Synchronisierung der Formen des sozialen Verkehrs im Überbau mit den Machtverhältnissen im Unterbau. Eine Chance auf eine Opposition im Überbau, die im Falle einer Krise zu einer praktischen Kollision führte, ist nahezu ausgeschlossen. Wir haben es mit einer Machtkonzentration des ökonomisch-politischen Komplexes zu tun, der die Expansion der Verstaatlichung aller Lebensbereiche vorantreibt. Symptom dessen ist das, was wir den Regelungswahn bezeichnen. Es geht aber um mehr, es geht um die Abschaffung der Bürgerrechte. Und diejenigen, die sich zur Wahl stellen, sollten wir doch einfach fragen, ob sie den Prozess der Verstaatlichung in seinem Fortgang unterstützen wollen oder ob sie gewillt sind, der Entmündigung ein Ende zu setzen.