Seit der Etablierung der Massenpsychologie zu Beginn des XX. Jahrhunderts hat diese nie richtig anerkannte, aber sehr stark genutzte Disziplin immer wieder sehr interessante, aber auch degoutante Themen berührt. Die Wirkung bestimmter sozialer oder politischer Reize auf das Individuum innerhalb der Masse wurde zu sehr durch Diktatoren und Tyrannen genutzt und zu regelrechten Propagandamaschinerien entwickelt, um moralisch anrüchige Interessen durchzusetzen. Und obwohl aufgrund dieser Tatsache vieles aus dem massenpsychologischen Erkenntnisbereich in der Tabuzone der wohl erzogenen Politik liegt, wurden die Einsichten immer wieder genutzt. Von der Werbung bis zur Politik.
Die Wirkung der Reize auf die Massen, auch thematisiert von dem weit weniger suspekten Elias Canetti in seinem Werk Masse und Macht, wird ein Thema sein, das uns bis ans Ende menschlicher Gesellschaften verfolgen wird, ob das nun angenehm ist oder nicht. Und die Durchdringung unseres ganz profanen Alltags mit Techniken, die aus den Erkenntnissen dieses Phänomens kommen, sollte nicht per se ausgeblendet werden.
Neben den Untersuchungen über die Kausalität von Reizen und deren Reaktionen in anonymisierten Massen ist darüber hinaus der Versuch inspirierend, bestimmte charakterologische Prototypen aus dem Gesamtverhalten von Massenverbänden abzuleiten. Skeptisch betrachtet führen derartige Versuche zu Klischees, die, sind sie erstmal etabliert, nur schwer wieder aus der Welt zu schaffen sind. Andererseits ist die Typologie durchaus hilfreich, nutzt man sie zum Vergleich mit anderen, um Unterschiede in Haltung und Dynamik zu verdeutlichen. In der Marktforschung ist das längst etabliert, im politischen Denken immer noch – offiziell – Tabu.
Die Typisierung von Charakteren ist bei der Akzeleration technologischer und epistemologischer Entwicklung insofern nicht mehr über einen gewissen Zeitraum erhaben, weil verschiedene, teilweise von ihren Verhaltensweisen sehr differierende Generationen in der gleichen Arbeits- und Lebenswelt präsent sind. Es empfiehlt sich, die Typisierung nach Generationen vorzunehmen, um Aufschluss darüber zu bekommen, wie der momentane Ist-Zustand zu dokumentieren ist und welche Prognose sich auf die zu erwartende Zukunft geben lässt.
Eine Studie, die sich mit der Generation der momentanen Funktionsträger hierzulande befasste, käme wahrscheinlich zu Merkmalen wie an gewisse Sozialstatui sehr gebunden, eine signifikante Arroganz gegenüber andersartigen Entwicklungen und eine beträchtliche Interessenlosigkeit an der Innovation. Was die nachfolgende Generation mitbringt, wäre noch zu eruieren und ermöglichte eine Prognose. Allerdings: Etwas ständisch, etwas bräsig und ein gewisses Phlegma, das ist eine Konfiguration des Stillstandes.
