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Überlebensstrategie: ein Leben ohne Staat und Medien?

In Ländern, in denen Autokraten herrschten, die durchdrungen waren von Korruption oder die schlicht in ihrer Fähigkeit, Gesellschaft zu organisieren, überfordert wirkten, fiel mir auf, dass es keinen politischen Diskurs mehr gab. Fragte ich die Leute, was sie von dieser oder jener politisch relevanten Frage hielten, winkten sie nur gelangweilt ab und sagten, es sei müßig, darüber zu diskutieren, weil jede Form der tatsächlichen Teilhabe eine Illusion sei. Und hörte ich mir die Radiosendungen an oder schaltete im Hotel das Fernsehen ein, dann schlug mir ein unterirdisches, von Werbung durchdrungenes Programm entgegen, das an Trivialität nicht zu überbieten war. Und wenn ich die Menschen darauf ansprach, winkten sie ebenso ab.

Das zunächst und zumindest für mich Erstaunliche war immer, dass die meisten Menschen, auf die ich traf, einen qualifizierten Beruf hatten und ihrerseits das Beste gaben, dass sie trotz widriger Umstände aktiv und kreativ waren. Sie hatten zu allen Fragen des Lebens zumeist eine qualifizierte Meinung und sie bewegten sich in Zusammenhängen, die außerhalb der staatlichen Reichweite waren und in denen so gelebt und kommuniziert wurde, dass man nicht auf die Idee hätte kommen können, sich in einem autoritären, korrupten oder überforderten Staat zu befinden. Vieles funktionierte, hatte Qualität und war durchaus attraktiv, nur ohne Staat. 

Natürlich existierten rote Linien. Sowohl für die einzelnen Individuen wie die nicht staatlichen Sub-Systeme. Wenn sie sich gegen die große Kontrolle des Staates richteten, dann schlug der unerbittlich zurück und wenn es um Krieg und Frieden ging, dann waren alle in der Pflicht. Ansonsten jedoch lebte der Großteil der Gesellschaft ein Leben, das sich der staatlichen Kontrolle und Aufsicht entzog.

Wir haben hier, in unserem Land,  Zeiten hinter uns, in denen es einen durchaus intensiven öffentlichen Diskurs um die politischen Belange der Gesellschaft gab. Und in denen eben dieser Diskurs zumindest in einem Teil der Presse, in Funk und Fernsehen reproduziert wurde und zu einer größeren Durchdringung der Gesellschaft mit den Pros und Contras beitrug. Diese kommunikative Kultur ist seit dem Ende des Kalten Krieges mehr und mehr verschwunden. Mit dem Ende der Systemkonkurrenz verschied der Anspruch auf eine gelebte Demokratie. Und mit den folgenden Jahren des Wirtschaftsliberalismus und Neokonservatismus blieb alles auf der Strecke, was als institutioneller Widerspruch gegen die uneingeschränkte Herrschaft von immer mächtiger werdenden Finanzmonopolen stand. Beschleunigt wurde dieser Prozess der Zerstörung eines öffentlichen Diskurses, in dem zumindest die unterschiedlichen Positionen gehört wurden, durch das gouvernementale Verhalten bei der Corona-Krise und, noch einmal gesteigert, seit dem Krieg in der Ukraine.

Nicht an manchen, sondern an vielen Tagen fühle ich mich in eine Zeitmaschine versetzt und ich reise wieder in eines der vielen Länder, in denen Autokraten herrschen, die unter weit verbreiteter Korruption leiden oder die schlicht überfordert sind und die das Publikum mit miserabler Qualität beschallt und in denen der Großteil der Gesellschaft den Staat und die Reklame-Micky-Mouse-Sender ausblendet und sein Ding macht. Nur muss ich mich physisch nicht wegbewegen. Eine von mir immer als weit entfernt eingeschätzte Realität ist zunehmend zu meiner eigenen geworden. Sie vermittelt allerdings den Trost, dass vieles ohne Staat und Medien sehr gut geht. Ein Leben ohne Staat und Medien als Überlebensstrategie. Das scheinen viele Menschen zur Zeit zu begreifen. Nur ist auch diese Nische verödetet, wenn es zum Krieg kommt.