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Über die Notwendigkeit der Polemik

Einwürfe und Kritik sind die Mutter der Entwicklung. Zu sehr hat sich der Diskurs in der Konsensgesellschaft von den produktiven Kräften der Kritik entfernt. Es geht soweit, dass immer mehr Menschen den Dissens psychisch gar nicht mehr vertragen. Im Laufe von Jahrzehnten hat sich das so entwickelt. Wenn es Streit um gesellschaftspolitische Themen gibt, dann wird der in einer Art Stellvertretermentalität öffentlich in Talk Shows ausgetragen, aber selbst die Initiative zu ergreifen und selbst bei der Arbeit, in Vereinen, Initiativen oder Komitees das Schwert der flammenden Sapiens in die Hand zu nehmen, um etwas auszufechten, ist zu einer Rarität geworden.

Polemik, dieses Wort, mit dem nahezu 100 Jahre lang die notwendigen kritischen Auseinandersetzungen bezeichnet worden sind, ist zur Beschreibung eines schlechten Zustandes mutiert. Folglich hat sich der Sinn verändert, den es transportiert. Waren es in den Zeiten des blühenden Streits die Situationen, in denen sich Kontrahenten gegenseitig bei jedem ihrer Argumente packten, auch mal überzeichneten und richtig scharf zur Sache gingen, so ist Polemik heute eher eine Geschichte, die für ein sich kollektives Danebenbenehmen steht. Forderte man sich vor einigen Jahrzehnten gegenseitig noch zu einer Polemik auf, so wird heute davor gewarnt. Vor allem in der Politik, genau dort, wo Streitkultur gefragt ist, wird die Polemik gemieden wie eine Infektionskrankheit.

Neben dem Ausbleiben der politischen Bildung, die mit dem vermeintlichen Sieg über den Sozialismus im Jahre 1990 in der Republik komplett beerdigt wurde und deren Abschied bereits die ersten giftigen Früchte zeigt, ist die Diskreditierung der Polemik ein weiterer Grund für die massive Schwächung der Demokratie. Und bitte jetzt nicht den Dampfhammer, um Demokratie stünde es immer schlecht! Demokratie ist immer eine Illusion, ja, aber die Festigkeit, mit der dieser Illusion von gesellschaftlichen Kräften entgegengegangen wird, die ist unterschiedlich. Wesensmerkmal dabei ist das Wissen um das, wofür einzutreten man gewillt ist und die Fähigkeit, sich im Streit mit anderen Positionen zu messen und andere zu überzeugen.

AngesIchts der verheerenden Zustände um Wissen wie ausgebildeter Fähigkeiten, die sich manifestieren in der Hinnahme von Verhältnissen, die nicht im Einklang stehen mit den Interessen großer Bevölkerungsteile und die noch trauriger dokumentiert werden durch die zumindest zunächst schweigende Akzeptanz der Darstellung dieser ungerechten, egoistisch geprägten, die Folgeschäden nicht beachtenden Verhältnisse durch staatliche Medien, angesichts dieser Zustände sind strukturelle Interventionen erforderlich.

Die erste und wichtige ist die der erneuten Etablierung der politischen Bildung. Primär sollte das in Schulen passieren, beginnen wird es wahrscheinlich aber in anderen Bildungsinstitutionen und Stiftungen. Das Wissen um den Verlust und die Folgen dieses Verlusts der politischen Bildung geht, und das ist die gute Nachricht, bereits so weit, dass in Betrieben, auf Initiative von Betriebsräten wie Vorständen, derartige Angebote existieren.

Die andere Maßnahme, die nichts kostet und die durch die Verschärfung der Verhältnisse zunehmend aktiviert werden wird, ist die der Polemik. Die Auseinandersetzung führen, sich nicht auf die Konsumentenhaltung reduzieren lassen, das ist ein Postulat, dem sich niemand verwehren sollte, dem an der Veränderung des Zustands gelegen ist. Die Zeit ist reif für mehr Aggressivität, für eine mutigere Bereitschaft zur Enthüllung und Demaskierung derer, die sich so sehr daran gewöhnt haben, im schönen Schein der Friedhofsruhe ihre schäbigen, egoistischen Geschäfte abwickeln zu können. Nochmal, Einwürfe und Kritik sind die Mutter der Entwicklung!

Sorge und polarer Funkenschlag

In diesen Tagen wurde darüber berichtet, dass ein afrikanischer Geistlicher, dem die großherzige katholische Kirche die Gunst erwiesen hat, im Bayrischen praktizieren zu dürfen, sehr interessante Beobachtungen gemacht hat. Er war in dieses Land, das sich Deutschland nennt, mit diffusen Vorstellungen und Vorurteilen gekommen, hatte sich diesem Zerrbild allerdings nicht hingegeben, sondern sich die Mühe gemacht, seine Schäfchen eine Weile genau zu beobachten und das Land, in dem sie lebten, sorgsam zu studieren. Das verhalf diesem weisen Mann aus Afrika zu Erkenntnissen, die auch bei denen sehr hilfreich sein könnten, die eigentlich das Objekt der Studie waren.

Trotz aller Komplexität, mit der der Afrikaner konfrontiert war, hat er es vermocht, sich auf das aus seiner Sicht Wesentliche zu konzentrieren. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Deutschen in zweierlei Hinsicht getrieben sind von Stress erzeugenden Paradigmen. Das erste ist die über alles herrschende Sorge im Sinne Heideggers, der ein Doppelcharakter innewohnt, der leider zumeist nicht zusammen gedacht wird und daher besondere Unruhe erzeugt. Denn Sorge im begrifflichen Sinne beinhaltet zum einen die chronisch latente Angst, etwas Schlimmes könne passieren. Andererseits ist Sorge auch etwas sehr Strategisches, von dem die Deutschen auch einiges haben und das in der aktuellen Diskussion mit dem inflationären Begriff der Nachhaltigkeit ausgezeichnet wird. Diese Sorge bezieht sich auf den großen Raum der Perspektive und die notwendige Pflege, die damit verbunden ist.

Das zweite Phänomen, das der kluge Katholik von einem anderen Kontinent identifizierte, ist die Fähigkeit oder der Fluch der Deutschen, alles in der höchsten Form zu polarisieren oder polarisieren zu können. Doch wenn es nur Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse gibt, dann bringt auch das großen Stress mit sich. Denn die polarisierte Welt ist die der Konfrontation, der Auseinandersetzung und die des immer unbefriedigenden Konsenses. Wer vom puristisch definierten Pol der Erkenntnis ausgeht, der muss in jeder Form des Kompromisses eine Verwässerung der Wahrheit sehen. Das schmerzt und macht unzufrieden. Und auch dieses erzeugt wiederum seelisches und nervliches Ungleichgewicht.

Redlich betrachtet sollte man dem zitierten Beobachter Respekt zollen. Denn, ehrlich gesprochen, wer könnte sich der Erkenntnis, die dieser vorzüglichen Beobachtung entspricht, verweigern? Weder das Phänomen der omnipräsenten Sorge noch das der generellen Polarisierung beinhaltet einen konkreten Inhalt, eine politische Aussage oder einen zu diskutierenden Wert. Das macht die Beobachtung so wertvoll, weil ansonsten der Erkenntnis durch Positionierung sogleich eine Schranke gesetzt wäre. So aber, in der Beschreibung der Art und Weise, wie die Welt aus deutscher Sicht perzipiert, rezipiert und verarbeitet wird, lässt sich ein Weg finden, sich selbst zu erkennen oder eine andere Perspektive einzunehmen und andere Nationen und Völker, mit denen wir interagieren, besser zu verstehen.

Was aus der Negativanalyse, zu der wir als Deutsche wiederum sehr schnell neigen würden, sehr schnell als angstneurotisch und Schematisierung tituliert, etikettiert und unverarbeitet im kollektiven Gedächtnis abgelegt werden könnte, sollte vielmehr dazu führen, der Sache auf den Grund zu gehen und sich der  Perspektive einer Verbesserung zu verschreiben. Wenn wir Sorge mehr im Sinne der Pflege und strategischen Weitsicht sehen und auf der anderen Seite statt den polaren Funkenschlag zu präferieren bereit sind, die Welt das eine oder andere mal so zu akzeptieren, wie wir sie vorfinden, könnte es dazu kommen, dass nicht nur der neurotische Umgang im eigenen politischen Diskurs so etwas linderndes wie Heilung erfährt, es trüge auch dazu bei, dass wir in der Lage wären, andere Akteure dieser Welt besser zu verstehen.

 

 

Der große Hass und die schlichten Regeln

Wer sich dem kommunikativen Grundrauschen dieser Tage aussetzt, der bekommt zwei Begriffe immer wieder zu hören. Es sind Wut und Hass. Etwas abgesetzt in der Rangliste, aber nicht weit davon entfernt ist es die Lüge. Sowohl Wut als auch Hass sind Begriffe, die einer extrem negativen Emotion zugesprochen werden müssen, die sich in der Regel negativ entlädt. Von denen, die sich zum Teil selbst mit einer der beiden Begrifflichkeiten charakterisieren, wird oft die Lüge in einen kausalen Zusammenhang zu ihrem jetzigen Gemütszustand gebracht. Interessant bei dem Bekenntnis zu den die hohe Emotion beschreibenden Begriffe ist die Tatsache, dass die Wut dem Bürgertum vorbehalten zu sein scheint, während der Hass, dem etwas Primitiveres anhaftet, folglich für die Unterschichten reserviert ist. Es könnte gefolgert werden, dass selbst in den Zeiten der Rage die Klassengesellschaft vor den armen Menschenkindern nicht halt macht.

Nur die Lüge, wo sie auch immer zu verorten ist, für Massenzustände bestimmter Bevölkerungsteile verantwortlich machen zu wollen, greift dann doch etwas kurz. Trotz vieler Dissonanzen sei hier auf das längst verblichene Buch Sloterdijks Zorn und Zeit verwiesen, in dem er treffend darauf verwies, dass sich Gesellschaften mit einem Elefantengedächtnis regelrechte Depots anlegten, in denen der Zorn über jede Schmähung akkumuliert werde. Dieser These folgend, ist der immense Hass und die große Wut, die momentan die Gesellschaft prägt, nicht das Ergebnis irrationaler Kurzschlüsse von ungebildeten Proletariern oder wohlstandsverwahrloster Bürger, sondern eine logische Folge einer langen, komplizierten historischen Entwicklung.

Es wäre anmaßend, diese historische Kausalität hier, in wenigen Worten auch noch erklären zu wollen. Aber es wäre ein Versuch, aus der täglichen, grausigen und zu nichts führenden Konfrontation über die aktuellen Gemütszustände etwas machen zu können, das dieser Gesellschaft weiterhilft. Eine Prämisse dafür ist die Feststellung, dass wir es weder im einen wie im anderen Fall, und hier soll weder der Wutbürger noch der johlende Mob in seiner destruktiven Wirkung unterschätzt werden, mit einer rein personifizierten Erscheinung des Irrsinns zu tun haben. Und auch, dass die Lüge, auch hier einmal ein aktuelles Wort Sloterdijks, deren Äther nie so dicht war wie heute, nur den Versuch darstellt, aus einem bereits existierenden ein noch größeres Dilemma zu machen. Und es ist hilfreich, dass in anderen europäischen Gesellschaften Ähnliches geschieht. Die Angst geht um auf diesem Kontinent, und es sind nicht nur die aktuellen Tagesereignisse, die sie speisen. Es liegt tiefer, und auf diese Gründe muss der gesellschaftliche Diskurs stoßen.

Und, by the way, es gibt historische Ursachen für die vollen Zorndepots, daran herrscht kein Zweifel, aber es gibt keinen Grund für die Verrohung der Sitten, für die ständigen Attacken gegen die Zivilisation. Da spricht vieles dafür, die Dinge persönlich zu nehmen und ihnen auf den Grund zu gehen. Der Respekt vor dem Individuum wie vor den Gütern der Gesellschaft darf bei aller Schmach über das eigene Schicksal nie zur Disposition stehen. Wer das als Nichtigkeit in den Wind schlägt, muss sich darüber bewusst sein, Bestandteil des Problems und nicht der Lösung zu sein. Die Regeln für die Kommunikation stehen, so wie sie immer gestanden haben. Sie sind schlicht, sehr schlicht. Respekt vor dem Gegenüber, Zuhören, auf die Argumente eingehen. Es ist die Grundlage nicht der heutigen, sondern menschlicher Kommunikation generell. Wut und Hass sind die Säure, die sich in ihr Fundament frisst.