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Mensch, Maschine, Digitalisierung: Keine Technologie an sich

Die große Hürde, die von der Gesellschaft oraler Tradition hin zu einer mit festgeschriebenem mit kollektiven Wissen war der Erwerb dessen, was gerne als Kultur- oder Zivilisationstechniken bezeichnet wird. Lesen, Schreiben und Rechnen. Wer das beherrscht, vor allem Lesen und Schreiben, der kann sich in den materialisierten Archiven der menschlichen Geschichte und Erfahrung bedienen. In den Gesellschaften oraler Tradition, die übrigens viele Vorzüge mit sich bringen, da sie dazu neigen, außergewöhnliche Individuen hervorzubringen, die mit enzyklopädischen Wissen und biblischer Weisheit ausgestattet sind, in diesen Gesellschaften reicht es, wenn nur ein Teil der Glieder diese Qualität mitbringt. Der andere Teil bleibt in der Aufrechterhaltung der Tradition verhaftet und gehört zumeist auch zu den Beherrschten. Insofern sind die erwähnten Zivilisationstechniken auch der wesentliche Schlüssel zur politischen Beteiligung derer, denen andere Insignien der Macht fehlen.

Diese Zivilisationstechniken haben mit der Digitalisierung Herausforderungen zu bestehen, die nicht zu unterschätzen sind. Trends, die mit empirischen Daten unterlegt sind, belegen, dass die Fähigkeiten sowohl im Lesen wie im Schreiben sinken. Digital-affine Individuen verfügen hirnmäßig über gewaltige Vorteile gegenüber ihren analogen Pendants in der Reaktionsschnelle
wie in der simultanen Aufnahme von Informationen, sie lesen jedoch keine langen, komplexen Texte mehr und sie schreiben keine längeren Traktate, sondern Kurzmitteilungen. Eine große Kohorte der Nutzer bewegt sich bereits im digitalen Jargon, der in der Terminologie der Linguistik als restringierter Code bezeichnet würde. Die Quintessenz ist einfach: Alles, was an Zivilisationstechniken auf dem Selbermachen beruht, verkümmert. Die zivilisatorische Technik, ihrerseits Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, wird auf die Maschine delegiert.

Das, was mit der Einführung der digitalen Technologien an Ideologie transportiert wurde, nämlich die neue Dimension der politischen Partizipation, erschließt sich immer mehr als eine Schimäre. Wie kann der maximale und allgegenwärtige Zugang zu Information als Garantie für die Steigerung der Demokratie verkauft werden, wenn die individuellen Voraussetzungen dafür mit der kontinuierlichen Nutzung eben dieser Technologien eliminiert werden? Und wie korrespondieren die mentalen Degenerationen, die mit der Dauernutzung dieses Segens korrelieren, als eine zivilisatorische Steigerung bezeichnet werden?

Es geht nicht um die Dämonisierung von Technologien, das konnten die Maschinenstürmer besser. Es geht um die Frage, wie weit die Technologien genutzt werden, um den Menschen, das Individuum, weiter zu bringen in seiner Selbstbestimmtheit und seinem Urteilsvermögen, oder inwieweit diese Technologien ihn seiner Talente berauben und seiner psychischen Unabhängigkeit entledigen. Beide Fragen müssen zunehmend positiv beantwortet werden und es empfiehlt sich, die Ideologie der Digitalisierung entschlossener als solche zu enthüllen und ihr auch das zu bescheinigen, was sie, wie jedes andere Werkzeug auch, ist: ein Herrschaftsinstrument, das nicht frei von Interessen erhaben über den beschränkten menschlichen Bedürfnissen steht.

Die Digitalisierung ist ein Derivat aus Forschungen des amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes. Sie hat zunächst zu militärtechnischen, dann zu bürotechnischen Revolutionen geführt. Ihre Einführung wurde jeweils von staatlicher Seite sehr gesponsert. Sie wurde propagiert als die Möglichkeit der endgültigen Emanzipation. 70 Prozent der Milliarden zählenden, weltweiten Nutzer tummeln sich zwischen Porno und Bet and Win, die Schere zwischen Arm und Reich ist seit dem Durchbruch dieser Technologien weltweit dramatisch auseinandergegangen. Die Kultur- und Zivilisationstechniken sind seither auf dem absteigenden Ast. Daraus lässt sich nur ein Schluss ziehen: Es existiert keine Technologie an sich.

Eine dreiste Referenz an den Absolutismus

Der Krieg der Sterne war nahezu eine Romanze gegen das, was sich im Cyber-Kosmos bereits andeutet. Da werden von unsichtbaren Mächten Millionen von Menschen beeinflusst, ohne dass die es merken und damit sind dann Wahlen entschieden. Analog geht es in der Frage um Konsumentenverhalten. Da wird ein ganzes Gesundheitssystem gekidnappt und erpresst. Da werden Sicherheitssysteme am laufenden Meter geknackt. Der Cyber-War ist längst ausgebrochen und er ist anscheinend der Preis, den die Digitalisierung zur Zeit einfordert.

Kein System ist sicher, die Investition in entsprechende Sicherheitssysteme ist kaum einem Wirtschaftsunternehmen, geschweige denn dem Staat, aus wirtschaftlichen Erwägungen zuzumuten. Wahrscheinlich gäbe es einen Weg, hoch brisantes Wissen zu schützen, aber mit diesem Gedanken beschäftigen sich die Sklaven der Digitalisierung wiederum nicht. Es wäre so banal wie logisch und läge in der Herausnahme desselben aus den digitalen Banken und bestünde in physisch-analogem Vorgehen. Was allerdings bei aller Unruhe sicher zu sein scheint, ist die Identifizierung der Feinde, der Angreifer in diesem digitalen Krieg. Zumeist ist es Russland, ab und zu China, und wenn gar nichts mehr geht, ist es Nord-Korea. Der Cyber-Krieg wird propagandistisch genutzt, um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken und neue Feindbilder zu schaffen. Und das Kuriose dabei: Es sind die alten!

Es ist kein Wunder, dass in den USA, einem Land, in dem die Billionensummen, die in die Forschung des militärisch-industriellen Komplexes seit Jahrzehnten gehen, zu der Entwicklung massentauglicher Computer geführt hat und von wo aus die Digitalisierung ihren Siegeszug unternommen hat, vielleicht auch als erstes Land die Risiken der Digitalisierung zu spüren bekommen hat. Vermeintlich! Der Vorwurf, ausgerechnet das in Sachen Digitalisierung rückständige Russland – in der Sowjetunion war die Kybernetik lange Zeit als revisionistische Wissenschaft verboten – , dass aus diesem Russland der amerikanische Wahlkampf beeinflusst und entschieden sein soll. Bei der Frage, wie das geschehen sein soll, wird es meistens diffus, die den Frieden hassenden Geheimdienste behaupten zwar immer, ihnen lägen eindeutige Beweise vor, zeigen tun sie sie aber nicht. Wichtig ist die Aussage, dass es die Russen waren und dass sie die Massen heimlich beeinflusst und die dann Trump gewählt haben.

Wäre es nicht das Vorspiel für beabsichtigte militärische Konflikte, man müsste Tränen lachen. Aber das Zeitalter zeichnet sich dadurch aus, dass selbst der gröbste Unsinn millionenfach kopiert und verbreitet wird. Wie wäre es, wenn die amerikanischen Demokraten, und die Republikaner natürlich dazu, einmal analysierten, was in ihrem Land in den letzten Jahrzehnten schief gelaufen ist. Wenn sie sich daran machten, zu entziffern, wieviele Existenzen vernichtet und wie viele Landstriche im eigenen Land verwüstet wurden durch den Wall Street-Liberalismus und wie es denen geht, die dabei gestrandet sind, und die mit ansehen zu müssen, wie viele andere Länder durch die gleiche Politik und das Mantra des Regime Change vernichtet und dem Chaos überlassen wurden?

Doch die Analyse von drastischen Fehlentwicklungen schmerzt und so bleibt man bei der Version, hinter allem stecke der Russe. Und weil das so schön zu funktionieren scheint, hat die hiesige Bundesregierung und gleich auch noch der neue Bundespräsident die Russen davor gewarnt, sich in die bevorstehenden Bundestagswahlen einzumischen. Denn tun sie das nicht, die Russen, und geht alles mit rechten Dingen zu, dann muß die bestehende Regierung aufgrund ihrer hervorragenden Politik natürlich bestätigt werden. Was für eine dreiste Referenz an den Absolutismus.

Der digitale Krieg

So ist das mit dem menschlichen Bewusstsein. Langsam, ganz langsam keimen Erkenntnisse auf, die sich auf neue Phänomene beziehen. Und es dauert oft lange, sehr lange, bis Gesellschaften auf eine Entwicklung reagieren können. So war es mit vielen Technologien, die die Gewohnheiten geändert haben, aber es hat lange gedauert. Die ersten Industriearbeiter lebten noch wie die Bauern, die sie einmal waren, und die späteren Angestellten ernährten sich noch wie die Industriearbeiter, von denen sie abstammten. Es mussten erst Generationen durch bestimmte Arbeitsvorgänge gesundheitlich ruiniert werden, bevor die Produktion geändert wurde oder Schutzmaßnahmen zum Standard wurden. Teils wurden derartige Erkenntnisse durch die Skrupellosigkeit des Gewinnstrebens verhindert, teils war es auch kollektive Naivität.

Als kollektive Naivität könnte auch das bezeichnet werden, womit wir es in Bezug auf die Digitalisierung der Arbeit wie aller Lebenswelten zu tun haben. Hinweise auf das Nervensystem des Individuums, auf die Entwicklung von Suchtverhalten, auf die Einschränkung der Lernfähigkeit etc. werden in großem Maße von der Digitalindustrie massiv bekämpft. Und diejenigen, die sich mit kritischer Stimme in puncto Digitalisierung zu Wort melden, sind als historische Hinterwäldler blitzschnell ausgegrenzt. Aber es existieren Erkenntnisse, die sich bereits auf erste Ansätze der Erziehung auswirken und den Umgang mit digitalen Geräten zeitlich limitieren, um den Anteil unmittelbarer Erfahrung bei der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen wieder zu erhöhen.

Nahezu gänzlich unbemerkt vom öffentlichen Bewusstsein ist die totale Abhängigkeit der gesamten Zivilisation von der digitalen Infrastruktur. Erste Anzeichen von destruktiven Möglichkeiten fanden bereits Erwähnung in den unterstellten Aktivitäten des russischen Geheimdienstes bei der Meinungsbildung im Allgemeinen und bei Wahlkämpfen im Besonderen. Das mögen viele noch als eine Propagandafinte abgetan haben, aber hinter dem Vorwurf verbirgt sich immerhin noch die Information, das so etwas möglich ist.

Die Beeinflussung durch Kommunikationsmedien sind außer Zweifel und nichts verunsichert mittlerweile die Gesellschaft mehr als die Debatte um Fake News. Alle Kontrahenten werfen sich gegenseitig vor, Fake News zu produzieren und es macht sich das klamme Gefühl breit, nicht mehr wissen zu können, was wahr und was gelogen ist. Eine solche Orientierungslosigkeit ist existenziell. Sollte sie um sich greifen, sind die Gewissheiten, die zu einem gesellschaftlichen Konsens gehören, endgültig dahin. Daher sind diejenigen, die in öffentlichem Auftrag kommunizieren und sich der Produktion von Fake News schuldig machen, mit besonderer Vehemenz zu traktieren.

Die eigentliche Katastrophe wurde in den Meldungen der letzten Tage offensichtlich. Wie jede Technologie, so kann auch die digitale in ihr destruktives Gegenteil gewendet werden. Die unzähligen, maschinisierten Hilfsdienste in Unterhaltung, Koordination und Logistik können durch so genannte Cyber Angriffe in großem Ausmaß zerstört und lebenswichtige Institutionen schlagartig in die Handlungsunfähigkeit manövriert werden. Das geschieht nicht akzidentiell, also aus Versehen, sondern in kriegerischer Absicht. Der moderne Krieg wird ein digitaler sein, bei dem weder Panzer auf ein fremdes Territorium rollen oder Raketen auf ein bestimmtes geographisches Ziel abgefeuert werden, sondern er kann von überall geführt und ohne Schusswaffen eröffnet werden. Da brechen die institutionellen Grundpfeiler einer Zivilisation zusammen und alles mündet ins Chaos. Die Fähigkeit zur krisenbedingten Selbstorganisation ohne digitale Hilfe ist zumindest in unserer Gesellschaft nicht mehr sonderlich präsent. Der digitale Krieg klopft an die berühmte Tür. Um ihn führen zu können, bedarf es nicht einmal großer Technologiekenntnisse. Ganz archaisch gedacht reicht es auch, die Stromversorgung auszuschalten.