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Die ersten 100 Tage und die Schwerter der flammenden Sapienz

Manches, was sich aufgrund eines konkreten Anlasses in der Geschichte etabliert hat, macht durchaus Sinn. Eine Vereinbarung, die in diese Kategorie gehört, ist die Schonfrist von einhundert Tagen, die eine neue Regierung von der Presse zugesprochen bekommt. Zum ersten Mal geschah dieses auf die Bitte des frisch in einer Weltwirtschaftskrise gewählten amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt. Er bat seinerseits die Presse, ihm 100 Tage zu geben, um die innere Funktionsweise der Administration kennenzulernen und erste Schritte des Regierungshandelns in die Wege zu leiten. Letzteres geschah in sehr beeindruckender Weise. In den ersten 100 Tagen wurden insgesamt 15 Gesetze verabschiedet, die den Grundstein für eine neue Politik legten, die als New Deal in die Geschichtsbücher einging. Der andere Deal, nämlich der zwischen dem neugewählten Präsidenten und der Presse, wurde später übernommen und hat sich in vielen Ländern als ein inoffizielles Agreement durchgesetzt. 

Auch hierzulande wird immer wieder von den ersten hundert Tagen Schonfrist gesprochen. In Bezug auf das Regierungshandeln gewinnt man allerdings, vor allem rückblickend auf die letzten Jahre, den Eindruck, dass die Schonfrist nie beendet wurde. Was stattdessen stattfand und auch jetzt schon in Bezug auf die gerade erst gestern vereidigte Regierung praktiziert wird, ist die scheinbar wilde, aber eigentlich belanglose Diskussion um Formen, Gesten, Garderoben und sonstige Beigeräusche. Die Mutation eines Großteils ehemaliger seriöser Presse zu der Sparte Gesellschaftsklatsch hat zu der immer wieder zu beklagenden Ent-Politisierung eines beträchtlichen Teils der Gesellschaft beigetragen, weil die Belange von Politik nun einmal weiter reichen als bis zu Frisörsalons und Wartezimmern von Arztpraxen. 

Insofern ist es ein guter Tipp, sich in den nächsten 99 Tagen genau anzuschauen, was in den Leitmedien aus der Schonfrist für die neue Regierung gemacht wird. Wird sie eingehalten werden, oder wird das Gewicht der Politik bereits auf das Schlechtsitzen einer Krawatte oder der unpassenden Farbkombinationen eines Kostüms reduziert? Was für eine Schonfrist für eine neue Regierung gedacht ist, sollte als Bewährungsprobe für die Presse genutzt werden.

Wer Institutionen, zumal große und mächtige, einmal von innen kennengelernt hat, weiß, dass es einige Zeit braucht, um den Hauch eines Eindrucks von der inneren Dynamik zu bekommen. Denn diejenigen, die dort immer sitzen, unabhängig von der Person, die ihnen aus politischen Gründen vorsteht, wissen sehr genau, wie sie Dinge in Fluss zu bringen sind und wie man sie gegen die Wand fahren lässt. Insofern sind 100 Tage eine sehr sportliche Zeit, um abschätzen zu können, was da vor sich geht. Wenn man dann noch bedenkt, dass mit der neuen Regierung Novizen ohne jegliche Erfahrung in die Hütten, die Paläste sind, einziehen, sollte ein gewisses Maß an Fairness geboten sein.

Und all jenen, die daran gewöhnt sind, mit kritischem Auge das Tagesgeschehen zu verfolgen, sei geraten, sich für diese kurze Zeit einmal zurückzulehnen und sich dem Grundsätzlichen zuzuwenden. Manchmal ist es sinnvoll, sich von der Dauerkonzentration zu erholen und neue Horizonte auszuprobieren. Und natürlich ist es erforderlich, die Schwerter der flammenden Sapienz in der Stunde der Muße zu schärfen. Ihre Zeit wird wieder kommen, das ist sicher. 

Geben wir der neuen Regierung einhundert Tage, um die Kontur zu zeichnen. Nehmen wir ein Power Nap!