Nennen wir ihn Herrn B. Herr B. lebt in meinem Viertel. Seit Jahren. Er ist ein sehr umgänglicher Mensch, nicht auf den Mund gefallen und in der Lage, sich mit unterschiedlichen Sozialmilieus zu unterhalten. Mal im Dialekt, mal in ganz normaler Umgangssprache und mal in elaborierter Hochsprache. Nicht nur sprachlich, sondern auch sozial kann er sich sehr gut in unterschiedliche Welten einfühlen. Was er macht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, lässt sich nur vermuten. Er ist selbstständig und bei ihm verkehren viele und unterschiedliche Leute. Was sie genau bei ihm oder von ihm wollen, ist nicht so richtig zu entziffern. Es scheint, als würde er Bekanntschaften arrangieren. Aber lassen wir das. Es ist seine Privatsache.
Über seine eigene Biographie wird so manches im Viertel gemunkelt. Nicht, dass er dort schwarze Flecken hätte, aber sie ist dennoch von gewissen Gerüchten umgeben. Während er selbst immer ein Vorbild in Verhalten, Kleidung und Umgangsformen war und jederzeit hätte durchgehen können als der Prototyp eines Musterschwiegersohnes, sagt man ihm nach, seine Partnerinnen, von denen er im Laufe der Jahre nicht wenige hatte, seien genau das Gegenteil gewesen. Viele von ihnen, so eine ansonsten seriöse Nachbarin, seien wahrscheinlich Barschlampen gewesen, hätten bis mittags geschlafen und dann gleich, nach der ersten Zigarette, mit Sekt weiter gemacht. Wie dieser kultivierte Mann zu solchen Frauen kam, ist für viele ein Rätsel.
Herr B. lebt eher zurückgezogen. Man sieht ihn zwar ab und zu einkaufen gehen, aber ansonsten muss man schon auf Zeichen achten, um seinen Lebensstil zu entschlüsseln. Er ist ein ordentlicher Mensch, denn sowohl sein kleiner Vorgarten als auch das Trottoir vor seinem Ladenlokal, das als Büro dient, sind stets in einem Zustand, den man hier in der Region gerne als picobello bezeichnet. Er scheint ein Frühaufseher zu sein, weil bereits um kurz nach sechs seine Fenster geöffnet sind und er die Morgenluft in seine Wohnung lässt. Obwohl im Viertel zahlreiche gastronomische Angebote existieren, sieht man ihn selten dort einkehren, vielleicht einmal im Jahr.
Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass er ein sehr aufgeräumtes Leben führt und nichts mehr so ist, wie in seiner Jugend, als er mit seinen Barschlampen bis spät in die Nacht Würfelspiele veranstaltet hat, bei denen zum Zorn der Nachbarn viele Gäste anwesend, ziemlich berauscht und vor allem laut gewesen seien. Sieht man Herrn B. heute die Straße entlang gehen, dann kommt man auf viele Ideen, wie man diesen Passanten deuten könnte, aber nicht auf die, es mit einem Womanizer zu tun zu haben, der sich im Rotlichtmilieu bewegt. Ist er ja auch nicht mehr. Zumindest dem Anschein nach.
Immer, wenn ich ihm begegne, tauschen wir kleine, spaßhafte Gemütsverfassungen oder Beobachtungen aus. Wie das angefangen hat, weiß niemand von uns, nehme ich an. Aber irgendwann müssen wir beide gemerkt haben, dass wir einen durchaus vergleichbaren Humor haben. Und so ist es durchaus folgerichtig, dass wir uns gegenseitig immer etwas auf den Arm nehmen. Als Anspielung auf sein Geschäft frage ich ihn öfters, wie die Aktien der Lonely Hearts Club Band stehen, womit er durchaus umzugehen weiß. Und da er mich als einen politisch denkenden und handelnden Menschen kennt, versucht er immer ein bisschen, den Ernst aus diesem Metier zu nehmen, was gar nicht so einfach ist, in unserem Land.
So kann es vorkommen wie neulich. Ich wollte zur Arbeit und war auch für meine Verhältnisse früh. Da kam er mir bereits mit einer gefüllten Einkauftasche entgegen. Auf meine Frage hin, ob er Schlafstörungen habe oder warum er sich als Selbstständiger, der frei über seine Zeit verfüge, mitten in der Nacht im Supermarkt herumtreibe, blieb erstehen, kam näher, sah mich an und erklärte: Erstens halte ich es mit dem jüdischen Sprichwort: Wer früh aufsteht, dem gehört die Welt! Und zweitens: Wenn ich um diese Uhrzeit dort einkaufen gehe, dann liegt das Prekariat noch im Bett. So kann ich olfaktorisch unbehelligt in der Kassenschlange stehen und habe gleich alle Einkäufe für den Tag erledigt.
Nach solchen Sätzen suche ich immer sofort die Augenwinkel von Herrn B. Zu seinem großen Glück verraten diese dann immer ein verschmitztes Lachen. Letzteres rettet uns beide.
