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USA. On. Fire.

Manchmal ist es der berühmte Funke. Auch diesmal hat er einen Flächenbrand verursacht. Minneapolis. Eine eher als Routine zu bezeichnende Polizeikontrolle war der Auslöser. Der zu Kontrollierende, aus welchem Grunde auch immer, George Floyd, wurde von drei Polizisten auf den Boden gezwungen, einer von ihnen kniete sich auf dessen Hals und trotz der Bitten des flach auf dem Boden Liegenden, er könne nicht atmen, wurde die brutale Unterwerfungsgeste beibehalten, bis der Mann tot war. Dass es sich um einen Afroamerikaner handelte, passte in eine Serie, die seit Jahren zu beobachten ist. Dennoch war das der erwähnte Funke, der überschlug.

Wer wissen möchte, was seitdem in den USA vonstatten geht, dem sei empfohlen, sich die ununterbrochenen Berichte auf CNN anzuschauen. Der Sender selbst ist in besonderer Weise betroffen, weil vor zwei Tagen auch vor seinem Gebäude in Atlanta gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten stattgefunden haben. In den großen Städten der USA ist ein Protest entbrannt, der in den hiesigen Medien zumeist als Aufschrei der schwarzen Communities charakterisiert wird, was nicht den Tatsachen entspricht. Seit fünf Nächten, in mehr als 30 Städten, und wir sprechen hier von Chicago, New York, Boston, Oakland, Los Angeles, Dallas, Houston, Tulsa, Minneapolis, St. Paul, Miami, Philadelphia, also Städte sehr unterschiedlicher Ethno- und Sozialstruktur, wird in allen Berichten von der großen Diversität der Protestierenden gesprochen. 

Große Teile der Gesellschaft schließen sich derzeit in einem Aufbegehren zusammen, das auf mehr zielt als auf auftretenden weißen Polizeiterror gegen Schwarze. Auch wenn eine Koinzidenz festzustellen ist: Das Zentrum des Impulses sind zumeist tatsächlich die schwarzen Communities. Und die Ursache wird in den CNN-Berichten auch offen benannt. Neben dem rassistischen Aspekt spielen die auch mit dem Sozialstatus der Afroamerikaner korrespondierenden Todesraten bei der Covid 19-Epidemie eine große Rolle. Vor allem Afroamerikaner sind aus wirtschaftlichen Gründen nicht in der Lage, sich in einer Weise zu versichern, dass eine adäquate Krankenhausbehandlung abgedeckt wäre. Wie ein Beschleuniger hat die Ausbreitung des Virus gezeigt, wo die Risse in der amerikanischen Gesellschaft zu suchen sind. Vor allem sind es soziale Risse, die zeitweise deckungsgleich mit denen der jeweiligen Ethnie sind.

Das Gemisch, das die wuchtige Protestbewegung derzeit ausmacht, hat Potenzial. Es handelt sich um eine bürgerrechtliche Auflehnung gegen rassistische Polizeigewalt, es handelt sich um eine anti-diskriminatorische Erhebung der Afroamerikaner und es handelt sich um eine soziale Erhebung gegen die ultrakapitalistischen Lebensbedingungen, die sich vor allem im Gesundheitssystem gezeigt haben und zeigen. Wer daran zweifelt, dem seien die Bilder von Hart Island zu New York empfohlen, wo derzeit die vielen mittellosen Toten in anonymen Massengräbern verscharrt werden. Letzteres hat übrigens dazu geführt, dass in New York der Protest als Folge des Todes von George Floyd an die Beschreibung einer Volksfront reicht. 

In diesem Gemisch vertraut der derzeitige Präsident exklusiv auf die Staatsgewalt. Der bisherige Einsatz der Nationalgarde hat bereits historische Ausmaße. Sollte das nicht ausreichen, so hatte der nicht nur mediale Maniak verlauten lassen, so sende er Militär hinzu, was mittlerweile geschehen ist. So, wie es aussieht, lässt sich die Flamme nicht mehr austreten. Der Protest, so wie er sich gegenwärtig generiert, dokumentiert auch das Dilemma, in dem sich das politische System der USA befindet. Eine Alternative zu allem, was Präsident Trump repräsentiert, ist in Joe Biden nicht zu sehen. Die Demokraten haben wieder einmal eine historische Chance verpasst. Sie scheinen sich nicht mehr gemäß der veränderten gesellschaftlichen Strukturen anpassen zu können, genauso wenig wie die Republikaner. Und in den Kommunen scheint sich eine neue Stimme herauszubilden. Auch das kann man sich in den Reportagen anhören. Da kommen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zu Wort, die über eine Qualität verfügen, die die Menschen zu erreichen vermögen. USA. On. Fire. Da tut sich was.   

Polarisierung der Positionen

Wie heißt es so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und tatsächlich ist die Hoffnung eine gute Sache, denn sie ist es, die die Lebensgeister wachhalten kann, auch wenn die Lage bedrohlich ist. Aber die Hoffnung ist, wie alles, eine zweischneidige Angelegenheit. Sie kann auch verzweifelten Mut mobilisieren, wenn es klüger wäre, nüchtern das Debakel, mit dem man konfrontiert ist, zu analysieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Auch dann kann gehofft werden, dass sich die Verhältnisse bessern. Ein Kompromiss wäre, zwar grundsätzlich hoffnungsvoll zu sein, bei der geplanten Realisierung des Gehofften jedoch von einer gewissen Skepsis geleitet zu werden, die verhindert, den Blick für die Gefahren zu verlieren.

Die Kommentare, zumindest die hiesigen,  zu den amerikanischen Mid-Term-Wahlen sind von einer Hoffnung getragen, die eher an das Blauäuigige erinnern. Der voraussichtliche Sieg der Demokraten für das Repräsentantenhaus ist zwar als eine Reaktion auf die Trump´sche Politik zu werten, die Verteidigung der republikanischen Mehrheit im Senat aber auch. Es ist keine Kehrtwende in der amerikanischen Politik, es handelt sich um eine Polarisierung der Positionen. Aufgrund der Politik Trumps konnten die Demokraten ihre Anhängerschaft besser mobilisieren, die Spaltung der Nation wurde jedoch offensichtlich.

Bei der näheren Betrachtung der Ergebnisse fällt auf, dass sich an der grundsätzlichen Polarität nichts geändert hat. Die urbanen Zentren wählen demokratisch, die Provinz republikanisch. Und diese Nachricht ist es, die nicht eine unbegründete Hoffnung nähren, sondern eine kühle Analyse beflügeln sollte. Nahe liegt der „demokratische“ Reflex, die vermeintlich in der Provinz lebenden Landeier als störrische Esel zu diffamieren, die mit dem Tempo der Globalisierung nicht mithalten können. 

Es ist die ungetrübt positive Sicht der urbanen Eliten auf die Segnungen der Globalisierung, die zur Revision ansteht, sonst wird der in der westlichen Hemisphäre vorherrschende Trend zum Neoliberalismus nicht gestoppt werden können. Die provinzielle Perspektive auf die Dynamik einer weltweiten Globalisierung birgt nämlich Wahrheiten, die in den Städten nicht mehr ankommen. In der Provinz wird sehr schnell sichtbar, dass nur noch Märkte und Verwertbarkeit darüber entscheiden, welche Beachtung einer Region geschenkt wird. Und in der Provinz wird ebenso deutlich, was es bedeutet, wenn dort etwas Verwertbares gesichtet wird. Nämlich die Zerstörung der gesamten Region unter der Regie derer, die das Verwertbare ausbeuten. Globalisierung ist auch Raubzug, und Globalisierung ist auch Verödung. Beides wird in der Provinz erlebt.

In den Städten werden die überall auf der Welt oder rund um die Welt in Ketten erstellten Produkte  in schicker Atmosphäre angeboten, in den Städten sind die Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten gegeben und in den Städten ist eine zumeist gute Versorgung gesichert. All das berechtigt nicht zu einer überheblichen Sicht. Letztere führt zu einer emotionalen Spaltung, die nachhaltig und politisch schädlich ist. Angesichts der Reduktion der Globalisierung auf die städtische Atmosphäre stellt sich die Frage, wo die Komplexität wesentlicher reduziert wird: in der Stadt oder auf dem Land? Dass die urbanen Eliten dazu neigen, die Kritiker der Globalisierung als Abgehängte und die Komplexität der Welt nicht Verstehende zu bezeichnen, offenbart ihre eigene Provinzialität.

Es ist tatsächlich komplexer als es vielen scheint. Eine Kritik, die sich dem widmet, wird voraussichtlich mehr bewirken, als irgendwelche Wahlergebnisse. 

Soziale Wüste und Eldorado dekadenter Libertinage

George Packer. Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika

Ein wachsendes Unbehagen hat die Welt ereilt. Es betrifft die Entwicklung der USA seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Hatte ein Präsident Bill Clinton nach dem Crash der klassischen Ost-West-Konfrontation noch versucht, die übrig gebliebene Supermacht von ihrem Wertesystem her zu modernisieren, so waren aus der Gesellschaft heraus selbst eigenartige Reflexe erfolgt, die vielleicht als Antwort auf so manches überzogene Ansinnen aus der political correcness erschienen, mit der Wahl George W. Bushs zum Präsidenten allerdings ein Signal setzte, das Hilflosigkeit dokumentierte und den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben suchte. Es wurde eine Fraktion der amerikanischen Elite ermächtigt, eine Tendenz zu vollenden, die Millionen von US-Bürgerinnen und -Bürger desillusionierte und das Land in eine tiefe Depression versetzte. Auch der Versuch, dieser Entwicklung mit der Wahl Präsident Obamas ein Ende zu bereiten, stellte sich als zu spät heraus.

Der US-amerikanische Journalist George Packer hat nun eine Arbeit vorgelegt, die verschiedene Stränge der jüngsten Entwicklung anhand biographischer Verläufe nachverfolgt und so einem Bild Kontur verliehen, das ansonsten vielleicht nicht so hätte gelingen können. Unter dem deutschen Titel Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika legt Packer das Ergebnis seiner Recherchen vor. Es sind die Geschichten bestimmter Individuen und Orte, die zunächst harmlos beginnen und erst im Verlauf darauf deuten, was in den USA der letzten Jahrzehnte unwiederbringlich zerstört wurde. Es geht um einen Energieinnovativen in der Provinz namens Dean Price, es geht um den Konservativ-Ideologen der Republikaner Newt Gingrich, es geht um den im Glauben an die demokratischen Tugenden beginnenden Jungfunktionär, es geht um den WalMart-König Sam Walton und um die schwarze Fabrikarbeiterin Tammy und den Herrscher über die Institutionen Robert Rubin. Und es geht um die Region Tampa, in der die Immobilienblase platzte und das Mekka des unvorstellbaren Reichtums, Silicon Valley, und die aus ihm hervorgegangene Figur Peter Thiel.

Die Geschichten dieser Personen und Orte zeigen etwas, das den alten Traum Amerikas endgültig zerstört hat. Es geht um das Auseinanderklaffen der Gesellschaft in den Teil, der Existenz wie Hoffnung endgültig verloren hat und den Teil, der in der Entkoppelung der Wall Street von jeglicher nationaler Verantwortung ins Elysium astronomischen Reichtums geglitten ist. Die politischen Institutionen waren bereits derartig von den plutokratischen Lobbys unterwandert, dass es kein Halten mehr gab. Anhand der Geschichten des herzbrechenden Scheiterns auf der einen Seite und der von jeglicher Leistung abgekoppelten Bereicherung auf der anderen Seite wird deutlich, dass sich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu einer sozialen Wüste für die einen und einem Eldorado der dekadenten Libertinage für die anderen entwickelt hat. Alle Versuche, die vermeintlich einzig übrig gebliebene Hegemonialmacht von innen heraus zu reformieren, mussten aufgrund der Haltlosigkeit und grenzenlosen Verkommenheit der Gewinner dieser Abwicklung scheitern. Was Packer anhand der Geschichten gar nicht mehr erzählen musste, liegt auf der Hand. Eine Veränderung zum Guten ist ohne radikale soziale und politische Ansätze nicht mehr möglich, der einstige gesellschaftliche Konsens wurde geschreddert wie eine überflüssige Verpackung.

Die Lektüre dieses unter die Haut gehenden Buches ist unbedingt zu empfehlen. Und es reicht nicht, erleichtert den überheblichen Blick über den Atlantik zu schicken, ohne sich sehr sorgfältig darüber Gedanken zu machen, was von diesem Geist der Abwicklung einer Gesellschaft bereits in Europa angekommen ist. Ein nahe liegender schluß wäre, endlich einmal von Amerika zu lernen. Das heißt auch zu wissen, wie es auf keinen Fall kommen soll.