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Die würgende Zeit

Nein, ich will nicht in den Chor derer einfallen, die über die besondere, ambivalente Bedeutung  des 9. November auf die deutsche Geschichte reflektieren. Obwohl das viel hergibt. Dreimal in einem Jahrhundert hat ein ganz bestimmtes Datum große Relevanz: Der Sturz der Monarchie, die Pogromnacht 1933 und die Implosion der DDR 1989. Da kann schon so einiges in Beziehung gebracht werden. Und es kann spekuliert werden über den Nationalcharakter der Deutschen, mal rebellisch, mal bestialisch, mal human. Und dann stehen wir wieder da, wir armen Toren, und sind so klug als wie zuvor. Ohne die Reflexion über die deutsche Geschichte zurückweisen zu wollen, ganz und gar nicht, denn es geschieht viel zu wenig, aber mir geht es hier um etwas ganz anderes: welche Bedeutung hat die Reflexion von Geschichte überhaupt? Bringt sie das, was sich viele von denen, die aus den Katastrophen des XX. Jahrhunderts politische Schlussfolgerungen ziehen wollten, vorgestellt haben? 

Die Überlegung war, aus den historischen Ereignissen auf deutschem Boden Lehren zu ziehen. Diese sollten vor allem dahin gehend wirken, dass eine Demokratie immer nur so stark ist wie das Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger, dass die Menschenwürde unantastbar sei und die Ausgrenzung von Menschen innerhalb der Gesellschaft aufgrund von Religion, Geschlecht, Ethnie etc. nicht geduldet werden dürfe, dass Kriege auf fremden Territorien ein Tabu sein und dass die Gewalten im Staat geteilt sein sollten. Und die Vision der die Katastrophe Überlebenden bestand darin, diese Lehren in den Köpfen der nachfolgenden Generationen fortpflanzen zu können.

Ein finnischer Politologe, dessen Name in der Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung verloren ging, präsentierte kürzlich das Ergebnis einer von ihm durchgeführten Untersuchung, die sich damit befasste, inwieweit historische Ereignisse eine Wirkung auf nachfolgende Generationen tatsächlich noch haben. Und er kam zu dem Ergebnis, dass selbst die Schockwirkung historischer Katastrophen trotz ständiger Vergegenwärtigung in Schule und Kultur und im nationalen Narrativ ab der dritten Generation nicht mehr die gewünschte Wirkung haben. Die Erfahrung verliert mit den dahinscheidenden Zeitzeugen ihr Unmittelbares und sie wird nach und nach zu einer mittelbaren Erscheinung, die keine moralische Strahlkraft mehr besitzt. Was war, bewegt nicht mehr.

Der Begriff des Defätismus kommt in seiner deutschen Anwendung aus dem Französischen und beinhaltet das Stammwort Niederlage. Defätismus ist folglich die Überzeugung, dass alles, was geschieht, in einer Niederlage enden muss. Angesichts des paraphrasierten Versuchs des finnischen Politologen und angesichts des anwachsenden Nationalismus in Europa läge es einem Defätisten nahe, nun zum Besten zu geben, dass jede Form der Berufung auf die Vergangenheit auch nichts mehr bewerkstelligen könnte. 

Unabhängig von der möglichen Wirkung vermittelter Geschichte auf nachfolgende Generationen existiert noch eine Kategorie, die wesentlich entscheidender ist. Es ist die Unterscheidung von richtig und falsch. Und wer sich mit dieser Frage beschäftigt, wird sehr schnell zu dem Ergebnis kommen, dass es richtig ist, Zerstörern von Mensch, Moral und Ressource die Rote Karte zu zeigen. Wer sich dabei historischer Vergleiche bedienen kann, hat einen Vorteil. Wer sich nicht darauf berufen kann, kann dennoch urteilen. Insofern ist die Lage nicht so schlecht, wie sich dass der masochistische Defätist vielleicht wünschte. 

Euphorie ist ebensowenig angebracht. Vielleicht ist die Formulierung, die Alfred Döblin in seinem großartigen, immer wieder lesenswerten Roman „November 1918. Eine deutsche Revolution“ benutzte, durchaus treffend für das, was wir zur Zeit erleben:

„Die Zeit würgte aus sich heraus, was sie in sich hatte. Blieb abzuwarten, ob sie davon gesund wurde.“

Rezepte aus der Küche des Infernos

Es hilft alles nichts. Die Wirren werden größer. Egal, welches Feld der Betrachtung unterzogen wird, alles hat den Anschein, als brächen die alten Gewissheiten weg wie die Illusion von einem Sommer, der nicht mehr zu kommen scheint. Wie zur tropischen Regenzeit beginnt die Psyche an dem alles überdeckenden Gefühl des Versinkens zu verzweifeln. Nichts hält mehr. Alles ist durchtränkt von der zersetzenden Kraft der Auflösung. Da wird es schwer, etwas zu finden, an das sich die Hoffnung noch Klammern kann.

Das, was als die Sicherheit des Lagers bezeichnet werden kann, die letzte Bastion der Ruhe, geht den Gang genauso wie alles andere auch. Es scheint eine weltweite Symmetrie des Niedergangs zu existieren. Freiheiten, die als sicher galten, werden zermalmt von Maniaks, die vom Rausch der Gewalt getrieben werden, die wie die Berserker durch die Weltgeschichte rasen und ihre Brandspuren hinterlassen. Gleich wo, in Orlando oder Kiew, in Marseille oder Lille. Plötzlich sind es nicht mehr die, die im Auftrag einer wie auch immer definierten Ideologie mit stumpfen Schwertern Köpfe abschlagen oder mit kalten Drohnen Familienfeste in ein heißes Bad des Untergangs verwandeln. Plötzlich sind es Barbaren, die ihre privaten Untergänge Ihrer Umgebung überstülpen wollen. Da gibt es kaum noch Halt, da helfen staatliche Institutionen nur noch wenig, da herrschen Messer und Mord, wohin das traurige Auge blickt.

Und wenn die gesellschaftlichen Sicherheiten zu erodieren drohen, dann kommt die böse Variante des irreversiblen Trugs. Da glauben viele, die sich nicht mehr zu helfen wissen, dass die Auferstehung der Feindbilder noch etwas hergeben, das Gemeinschaft verheißen könnte. Da wird jede Gelegenheit ergriffen, um die alten Klischees, die tausendmal schon das Verderben vorbereitet haben, wieder zu bedienen. Was das bringt, ist jeden Tag von Neuem zu betrachten. Es wird schlimmer, es wird immer irrationaler und vor allem, es hilft nicht. Der Logik der Zerstörung die Gegenzerstörung entgegenzusetzen, das ist ein Rezept aus der Küche des Infernos. Und trotzdem ist diese Rezeptur allgegenwärtig, in der Politik, im Sport, im großen Rauschen der Kommunikationskanäle.

Die Geschichte bietet verschiedene Varianten des Verlaufs. Entweder alles strebt auf die noch größere, finale Katastrophe zu, oder es regt sich etwas, das aus den Köpfen derer kommen wird, die das Verhängnis in seiner Kontur zu erkennen in der Lage sind. Wenn alles, was sich institutionell formiert hat, den Verstand zu verlieren beginnt, dann ist die Stunde derer gekommen, die das Spiel des Profanen beherrschen. Sie sind jetzt am Zug. Wer, wenn nicht sie, können mit ihrer konkreten Lebenspraxis Zeichen setzen. Wer jetzt wartet, oder noch schlimmer, abwartet, der kann nicht mehr für sich reklamieren, etwas anderes zu wollen.

Die Muster sind bekannt. Es existiert kein Unterschied mehr zwischen der großen Politik und dem kleinen privaten Terrain, auf dem das Individuum schreitet. Das Individuum, das noch weiß, was richtig und falsch, gut oder böse ist, hat nun die Aufgabe, sich zu erheben und deutlich Position zu beziehen. Ja, der Zweifel an dieser These ist wie immer laut, aber wer sich nicht im Defätismus baden will, der muss sich jetzt zu Wort melden. Die Erosion eines gesellschaftlichen Sinns schreitet nur voran, wenn keine Gegenwehr mehr existiert. Wer dazu nicht mehr bereit ist, wird verloren sein, wie alle, die glauben, Zuzuschauen und den Kopf zu schütteln würde irgend etwas ändern.

Von armen Mäusen und fetten Katzen

Die Prediger des Juvenilen schlechthin haben eine schnelle Erklärung für die mal zynische, mal depressive, mal defätistische und mal suizidale Stimmung, die aus vielen Kommentaren zum Zeitgeschehen spricht. Sie werden es mit der demographischen Kurve erklären und sagen, die vielen Alten, die jetzt die besten Plätze wegnehmen, die sind dafür verantwortlich, dass die Szenarien in puncto Zukunft eher düster ausfallen. Denn wer das Ende vor Augen hat, der bekommt den Zug des Bitteren. Das ist zwar ein plausibles Argument, aber so ganz zu stimmen scheint es nicht, zumindest exklusiv nicht, weil die jungen Generationen nicht gerade den Eindruck vermitteln, als wollten sie den Himmel stürmen. Zukunftseuphorie sieht anders aus.

Andere wiederum, die sich nicht auf den demographischen Hokuspokus verlassen, argumentieren mit der Dekadenz. Manche bewegen sich sogar selbst am Rand des Zynismus, wenn sie darauf verweisen, dass es nach 70 Jahren ohne Krieg und allgemeinem Wohlstand völlig normal sei, dass der Trieb zur Optimierung einschlafe und nur der schläfrige Konsum als allgemeiner Zustand verstanden werden könne. Da fällt es schon schwerer, sich dieser Logik zu erwehren, auch wenn genug Menschen unterhalb des saturierten Spektrums ihr Dasein fristen müssen, aber eine Bewegung Richtung Revolte und Neugestaltung ist auch dort nicht zu spüren.

Das sprichwörtliche Dilemma in deutschen Landen ist die Attitüde des Ihr da oben und Wir da unten. Die da, das sind immer die, die für alles verantwortlich sind und wir, das sind die armen Mäuse, mit denen die fetten Katzen nach Lust und Laune spielen. Wer so argumentiert, der ist immer sehr schnell fein heraus und kann sich das Schauspiel des politischen Prozesses vom Sofa aus mit Bier und Frikadelle zu Gemüte führen und bei Bedarf mit dem Daumen nach unten zeigen.

Wenn schon über die Zukunft geredet werden soll, was nicht nur dringend erforderlich, sondern gar lebenswichtig ist, dann muss, neben aller Kritik an dem großen Rahmen, auch diese Haltung vernichtet werden, die im Keim die Wollust auf das Tyrannentum in sich trägt. Wer eh immer verliert, dem kann es auch richtig besorgt werden und trotzdem behält er am Ende immer Recht, weil er es ja von vorneherein immer gewusst hat. Das ist die Krönung des Defätismus und steht ganz in der Aura eines Romans von Heinrich Mann, der die Seele dieser Nation wie kaum ein anderes Buch getroffen hat: Der Untertan.

Tief im Inneren scheint so etwas wie die reine Form der Misanthropie zu schlummern, eine Form des Menschenhasses, der aus der Verachtung seiner Schwäche resultiert und daraus den falschen Schluss zieht. Denn die Schwäche ist die Voraussetzung des Prozesses der Stärkung, des Lernens und letztendlich des Meisterns. Wer das Leben liebt, der kann nicht im Zustand dieser Misanthropie verharren, sondern der muss sich selbst ändern, um zu einer positiven Einstellung im Leben insgesamt zu finden. Nur wer die positiven Möglichkeiten sieht, ist in der Lage, eine Strategie zu entwickeln, mit der das Leben geändert werden kann. Und das beginnt mit Artikulation und Einmischung.

Auch wenn es schwer fällt zu glauben: Im Reich der Hoffnung geht die Sonne nicht unter. Der Ausweg aus der tiefen Depression der eigenen Unzulänglichkeit beginnt in der Regel mit dem Humor und er endet in der Vision von einer besseren Welt.