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Clausewitz und der Fußball

In seiner berühmten Rede nach der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes beschrieb Karl Liebknecht die Möglichkeiten, die sich hinter Sieg und Niederlage verbergen. Es gibt Siege, so führte er aus, die sind verhängnisvoller als Niederlagen. Und Niederlagen, wertvoller als Siege. Was er damit meinte, und bei dieser Deutung könnte kaum jemand widersprechen, ist die übersteigerte Selbstgewissheit nach einem Sieg und andererseits die Fähigkeit, aus den Fehlern der Niederlage zu lernen. Wen dem so ist, dann ist auch bei der WM noch alles möglich. Aber mehr als eine konstruierte Hoffnung scheint es eben doch nicht zu sein.

Nun sind sie gelaufen, die ersten Spiele, in denen vor allem die vermeintlich Großen auf die Kleinen trafen. Bis auf das Duell zwischen Spanien und Portugal, das bis heute wie eine Operngala nachwirkt und wo sich zwei Große maßen, war alles andere relativ uninspiriertes Handwerk. Die so genannten Favoriten konnten nicht überzeugen. Frankreich dümpelte, Argentinien mühte sich, Brasilien wurstelte. Und Deutschland bot die schlechteste Vorstellung, wurde jedoch von einem temperamentvoll lodernden Mexiko vorgeführt. 

Da bleibt vieles offen und es stellt sich die Frage, ob die Großen aus den Remis und Niederlagen lernen. Beim deutschen Team ist das bereits zu einer Überlebensfrage geworden. Es liegt nicht an der Qualität der einzelnen Spieler, es liegt nicht an der taktischen Ausrichtung, es liegt am nicht vorhanden seienden Spirit. Jener Geist, der vor vier Jahren die Mannschaft getrieben hat und der zum Markenzeichen „Die Mannschaft“ wurde. 

Es ist noch zu früh, aber vielleicht zünden noch die kreativen Kräfte, vielleicht erleben wir auch noch Überraschungen von anderen Mannschaften, und sicher werden sich die Teams, die bis jetzt voll überzeugt haben, vor allem Spanien und Portugal und Mexiko, zu weiteren Steigerungen als fähig erweisen. 

Und es ist noch zu früh, den Fußball als Gradmesser für die sonstige gesellschaftliche Entwicklung zu nehmen und zu interpretieren. Dennoch war das, was bis jetzt gezeigt wurde, ein relativ gutes Abbild der Disparität auf der Welt, eher des Zerfalls alter Systeme, die nicht mehr richtig greifen. Was stattdessen als Strategie des Überlebens angeboten wird, ist noch nicht ausgemacht, wird vielleicht auch nicht auf diesem Turnier auszumachen sein. Bis jetzt deutet allerdings bereits alles darauf hin, dass deutlich werden wird, welche Paradigmen den Stürmen, die den Kämpfen um die Dominanz auf dem Planeten bevorstehen, nicht mehr standhalten werden. Damit verbunden ist die Frage, ob es überhaupt noch zivile Systeme sind, die in naher Zukunft eine Rolle spielen, oder ob es nur noch um Kriegszustände geht.

Darauf sei ein Auge riskiert. Wenn der Krieg, wie Clausewitz es formulierte, die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, welche Taktiken des Krieges lassen sich auf diesem Turnier bereits ausmachen? Die antiquierte Formation? Die immer noch erfolgreiche Taktik der Guerilla? Oder die der tödlichen Schläge durch Drohnen? 

Ob das Kulinarische noch eine große Rolle spielen wird, lässt sich noch nicht sagen. Aber, das die Prognose, vieles spricht dafür, dass die Transition von Frieden zu Krieg eine Rolle spielen wird. Sehen wir genau hin! 

Ali

Es möge noch einmal erlaubt sein, in einer anderen Zeit, in der vieles von dem nicht mehr zu gelten scheint als in der, um die es geht. Es geht um die Zeit, als auf der Welt noch Vorstellungen herrschten, dass es gerechte wie ungerechte Kriege gebe, und dass es Rufe gab, die hießen Freiheit oder Tod. Heute nennen Historiker die Zeit, in der es das nicht mehr gibt, die post-heroische. Folglich muss der Abschnitt, um den es jetzt geht, ein heroischer gewesen und herausragende Persönlichkeiten noch Helden gewesen sein.

Ein Held meiner Kindheit und frühen Jugend war ein Boxer namens Cassius Clay aus Louisville, Kentucky. Später wurde er unter dem Namen Muhammad Ali weltberühmt. Er räumte von unten, im wahren Sinne des Wortes, sozial, rassisch und politisch den demaskierten amerikanischen Boxsport auf. Er flog von Kentucky direkt in den Himmel, wo er alle vorführte, die bereits einen Namen hatten. Ali war schnell der Größte, was er auch sagte.

Niemand beherrschte das Clausewitz´sche Diktum vom Kriege so perfekt wie er, niemand war so schnell, so unberechenbar, so elegant, so gnadenlos, so smart und so intellektuell. Ali erschuf die Rap-Batttle, bevor es Rap gab, er hinterließ eine Lyrik, die sich mit Sinn für Gutes zu zitieren lohnt, er miniaturisierte den großen Kosmos des Lebens in den Boxring. Und er schrieb Weltgeschichte. In New York, in Kinshasa und in Manila. Da bezwang er Giganten, die das Pech hatten, in einer Ära zu leben, in der neben den Irdischen noch ein Intergalaktischer wandelte: George Foreman und Joe Frazier.

Muhammad Ali verweigerte den Militärdienst und ging nicht in den ungerechten Krieg in Vietnam. Dafür durfte er in seinen besten Jahren nicht boxen. Er trat zum Islam über und gehörte damit zu denen in den USA, die den Islam politisierten. Er ließ sich von den daraus entstandenen Machtverhältnissen nur bedingt instrumentalisieren. Ali bereiste Afrika, um den Menschen dort die Verbundenheit der nordamerikanischen Schwarzen mit ihrer Herkunft zu demonstrieren und forderte sie auf, stolz zu sein und sich nicht zu beugen. Nicht alles, was Muhammad Ali in seinem Leben tat, war klug und bis zum Ende durchdacht. Aber Ali zahlte immer alle Rechnungen. Ohne zu murren. Heroisches Zeitalter.

Nachts um Zwei ging die Schlafzimmertür auf. Dann stand dort mein Vater und rief, es geht gleich los. Das war, wenn Ali an der Ostküste kämpfte. Dann wurde das live angesehen. Dann brannten alle Lichter in unserer Straße. Dann wurden wir Zeugen, wie es ist, wenn ein inspirierter Geist die alt organisierte Macht bricht. In unseren Herzen waren Alis Kämpfe Befreiungskriege. Alle diese Kämpfe sind noch im Kopf, jeder Zug, und dazu ein passendes Zitat, das die kalte Strategie und Taktik in große Lyrik taucht. Morgens, müde, in der Schule, wurde das alles immer und immer wieder analysiert, auch im Unterricht, mit den Lehrern. Wir wussten, wir erlebten Großes.

Was bleibt, die immer währende Frage, wenn ein Gigant sich aus unserem Dasein verabschiedet? Ali fehlt mir, ehrlich gesagt, schon lange. Nicht weil er fast dreißig Jahre lang unter einer unheilbaren Krankheit litt, mit der er für zu viele Kämpfe bezahlte. Nein, vielleicht weil der Rausch des Siegens längst verflogen ist. Aber zu wissen, dass es etwas gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt und daraus noch ein Kunstwerk machen zu können, das verdanken wir Ali!

Pogrom in Paris

Es ist komplizierter als es scheint. Nicht, dass es keine Marksteine gäbe, die auszumachen wären, wann die Art und Weise, sich kriegerisch auseinanderzusetzen, weg von einem vermeintlich gerechten Gemetzel hin zu einer zumindest moralisch begründeten Schieflage entwickelt hätte. In Europa und vor allem in Deutschland beruft man sich in dieser Frage gerne auf Clausewitz, der als preußischer Offizier in der russischen Armee gegen die napoleonische Invasion gedient und genügend Anschauung darüber hatte gewinnen können, wie Zeit, Raum und Energie für eine wohl temperierte Attacke genutzt werden können. Sein Werk Vom Kriege wurde zu so etwas wie der Geburtsstunde der Guerilla-Taktik und damit zu dem, was in den neunziger Jahren plötzlich von westlichen Historikern, Politologen und Militärexperten so ungestüm als asymmetrische Kriegsführung beklagt wurde. Neu war es auch zu Clausewitz` Zeiten nicht, der Erfolg der Hunnenfeldzüge, die auch das weite Russland mit ihren pfeilschnellen Pferdeschwärmen untergepflügt hatten, hatte mit der europäischen Schachbrettsymmetrie ebenfalls nichts gemein.

Ausgerechnet dort, wo der Westen und die alten Kolonialmächte England und Frankreich sowie die Weltmacht USA im letzten Jahrhundert am willkürlichsten gewirkt hatten, im hier so genannten Nahen Osten, tauchte das Phänomen der asymmetrischen Kriegsführung wieder auf. Diesmal, so die westliche Sichtweise, waren es islamistische Terroristen, die sich ihrer bedienten. Und natürlich entspricht es den Realitäten, das so zu sehen, denn was hat ein Selbstmordattentäter mit einem Soldaten gemein, der sich dem Kampf stellt? Und was hat ein Bombenattentat mit Verbänden gemein, die gegeneinander antreten? Oder was hat eine Geiselnahme mit einem Straßenkampf gemein, wo um jedes Haus gekämpft wird und auf beiden Seiten Krieger ihr Leben aushauchen?

Nur, leider, müssen andere Fragen hinsichtlich der Symmetrie auch gestellt werden. Was haben reine Operationen aus der Luft gegen zivile wie militärische Ziele mit einem symmetrischen Krieg gemein? Oder, schlimmer, und wahrscheinlich das größte Trauma für die andere Seite, was haben Drohnenangriffe auf Märkte oder Hochzeitsgesellschaften mit hunderten von Toten mit dem gemein, was als die gute alte Zeit des symmetrischen Krieges gepriesen wird? Vor allem letzteres ist Terror im klassischen Sinne, es verbreitet Angst, Schrecken und Tod und ist Ausgeburt von Asymmetrie.

Wer fände sich, der das, was in der letzten Nacht in Paris geschah, nicht mit Entsetzen verfolgt hätte! Da dringen zielstrebig Bewaffnete in das freitagabendliche, nächtliche Leben einer westlichen Metropole ein und veranstalten Anschläge, die unzählige Opfer fordern. Das ist grausam, und bei genauer Betrachtung ist kein besserer Begriff als der des Pogroms gefunden. Es ist kein Pogrom gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, nein, schlimmer, es ist ein Pogrom gegen die in dieser Metropole gepflegten Lebensweise. Insofern sind wir als europäische Betrachter alle Opfer.

Frankreich hat sich, entsprechend der erwähnten alten Kolonialachse, zusammen mit dem Mentor USA dazu entschlossen, bei den Bombardements gegen den IS aktiv teilzunehmen. Russland macht dies seit kurzer Zeit aus andren Motiven auch, übrigens sehr erfolgreich. Der Absturz des russischen Urlaubsfliegers auf der Sinai-Halbinsel wurde ebenso als Akt des Terrors identifiziert. Ein Flugzeug auf dem Weg nach Stankt Petersburg und ein Arrondissement in Paris sind bis dato die Antwort des IS gegen die Luftschläge in Syrien. Der asymmetrische Krieg hat alle Grenzen überwunden. Der Westen führt ihn munter mit und leugnet immer noch den Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln gegen zivile Ziele und den Anschlägen gegen ebensolche auf dem eigenen Territorium. Wer den asymmetrischen Krieg verurteilt, darf ihn selbst nicht führen.