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Die Entstehung Hong Kongs und der Clash of Civilizations

James Clavell. Tai Pan

Der 1924 in Australien als Sohn eines britischen Offiziers geborene James Clavell durchlief in seiner vor allem militärischen Biographie Stationen, die ihn mit dem asiatischen Kontinent in vielerlei Hinsicht schmerzhaft in Verbindung brachte. Während des II. Weltkrieges wurde er im Kampf gegen die japanische Armee gefangen genommen, zunächst auf der Insel Java festgesetzt und landete später in dem berüchtigten Changi Gefängnis in Singapur. Als einer der wenigen Überlebenden und nach einem Motorradunfall, der ihn dienstuntauglich machte, ging er nach England, studierte an der Universität Birmingham und schrieb in Folge zahlreiche Romane über Asien. Kings Rat, Shogun, Whirlwind und Noble House erreichten immense Auflagen, genau wie der 1986 erschienene Roman Tai Pan.

Tai Pan spielt in der Mitte des 19. Jahrhunderts und behandelt die Errichtung der britischen Kolonie Hong Kong. Das Unterfangen stand im Kontext mit den imperialen und immer komplizierten Handelsbeziehungen zu China, bei denen der Austausch von Opium gegen Tee im Zentrum stand. Die historische Folie des Romans dreht sich um die Bereicherung des British Empire an China und dem Versuch, sich langfristig als Weltmacht zur See zu stabilisieren.

Im Zentrum des Werks steht Dirk Struan, der als Vorsitzender der Handelskompanie Noble House trotz des Konkurrenten Brock den Handel dominiert. Struan fungiert als einer der Initiatoren des Hong Kong Deals, mit dem Ziel, einen sicheren Hafen vor den Toren Chinas zu etablieren. Das Buch ist ein Kompendium an Informationen über die verschiedenen Interessengruppen, die in der im entstehen begriffenen Metropole aufeinandertreffen. Es geht um direkte wirtschaftliche Interessen, die verbunden sind mit dem Versuch, Weltpolitik in starkem Maße zu beeinflussen. Neben den britischen Interessen tauchen dort die konkurrierenden russischen Weltmachtpläne auf. Während Großbritannien auf die Herrschaft zur See setzt, setzt die großrussische Philosophie auf die Beherrschung des bis heute virulenten Hinterlands auf die Landherrschaft.

Es geht spannend zu in dem Roman, neben den nationalen Playern tauchen dort auch die verschiedenen chinesischen Akteure auf. Da sind neben der Regierung in Peking auch noch einzelne Mandarine aus dem Süden Chinas und die Triaden, die zunehmend eine Rolle als mächtige Netzwerke spielen. Mord, Totschlag, Piraterie, Wirtschaftsspionage, Schmuggel und letztendlich der aufkommende wissenschaftlich-technische Fortschritt spielen eine wichtige Rolle in dem Kraftfeld, in dem der Tai Pan Struan zu navigieren hat.

Neben der großpolitischen Gemengelage liefert der Roman wunderbare Studien über die kulturellen Unterschiede in der Denkweise der beiden mächtigen Kulturblöcke, die in Hong Kong aufeinanderprallten. Der Terminus des Clash of Civilizations scheint mehr als angebracht. Clavell gelingt es, die wesentlichen Züge des Unterschiedes in dem Verhältnis zwischen dem Protagonisten Struan und seiner chinesischen Geliebten May May zu beschreiben. Die Dialoge allein sind ein Argument dafür, das Buch zu lesen. Sie belegen die These, dass mehrere Wahrheiten auf dieser existieren. Eine Erkenntnis, die bis in die heutigen Tage immer wieder in den Hintergrund gerät und zu desaströsen Verwicklungen der Weltpolitik führt. Struan, selbst ein Haudegen und burschikoser Vertreter seiner westlichen Werte, lernt in dem Prozess mehr und mehr, China als kulturell eigenständiger Macht besser zu verstehen. Ihm selbst wird mit seiner langjährigen Erfahrung mit China bei jeder Ankunft neuer, frisch aus Großbritannien anreisender Akteure deutlich, wie naiv diese ihr Weltbild auf die konkreten Bedingungen vor Ort anwenden wollen. Darüber ist er längst hinaus, ihm schwebt mehr und mehr der Weg einer Konkordanz vor.

Obwohl das Buch als historisch-politische Kriminalgeschichte seine Jahre auf dem Buckel hat, der Clash of Civilizations eröffnet eine neue, bereichernde Lesart.

Nicht drin was draufsteht

Joana Breidenbach, Pal Nyiri, maXiKULTi

Irgendwie tappen die Deutschen gerne in die Mystikfalle. Bei dem vorliegenden Buch, das mit einem ganz anderen Anspruch daherkommt, ist dieses leider auch der Fall. Da steht im Untertitel „Der Kampf der Kulturen ist das Problem“ und dabei wird, wie sollte es anders sein, Bezug auf Samuel Huntington genommen, der in seinem Buch „Clash of Civilizations“ nicht nur richtig übersetzt von einem Zusammenprall oder Aufeinanderstoßen von Kulturen gesprochen hatte. Wie bei Dostojewskis Schuld und Sühne, das in alle Weltsprachen korrekt in Verbrechen und Strafe übersetzt wurde, so ist es auch ein deutsches Phänomen mit dem Kampf der Kulturen.

Richtig hingegen liegen die Autoren mit ihrer Analyse, dass man weder eine geostrategische Konzeption (Huntington) noch eine positivistisch konzipierte Skala (Hofstede) nehmen kann, um für bestimmte Kulturen typisches Verhalten darzustellen und, noch schlimmer, zu trainieren, wie man am Besten mit den Vertretern der fremden Kultur umgeht. Dass dieses in einem ziemlich anrüchigen Beratungs- und Trainingsgeschäft in deutschen Unternehmen zuweilen so zugeht ist beklagenswert, und dass Politikberatung sich teilweise auf kulturelle Verkürzungen verlässt ist verhängnisvoll. Bei beidem handelt es sich aber nicht um Neuigkeiten, die auf 130 Seiten eines 175 Seiten umfassenden Buches ausgebreitet werden müssen, zumal im Untertitel noch die Frage formuliert wird „zeigt die Wirtschaft die Lösung?“

Leider sind auch die Kapitel, die sich auf die Fragestellung beziehen nicht informativ. Es werden Beispiele genannt, die dann auch der Kritik der Verkürzung unterzogen werden. Unterm Strich bekommt die verehrte Leserschaft den Hinweis, man dürfe eben nicht mit einem reduktionistischen Ansatz auf fremde Kulturen zugehen, solle offen sein und sich die Wechselwirkungen bewusst machen, wenn man es mit Migranten zu tun habe, die mit ihren eigenen kulturellen Dispositionen und der neuen, in die sie hineinkommen, wechselseitigen Beeinflussungen unterlägen. Auch das nicht falsch und beachtenswert, aber weit entfernt von den angekündigten Enthüllungen über lösungsorientierte Wege der Wirtschaft, die es tatsächlich gibt. Diese Informationen und Analysen werden geopfert dem Reflex der Traumaaufarbeitung, Huntington und kein Ende, wobei die Differenzierung zwischen Autor und Epigonen nicht einmal vorgenommen wird.

Es ist nicht drin was draufsteht!