Aus heutiger Sicht ist es kaum zu glauben. Die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen hängen in starkem Maße von seiner erworbenen Fähigkeit ab, zu lernen. Das klingt zwar wie ein Widerspruch in sich, ist es aber nicht. Denn Lernen ist nichts Abstraktes, Theoretisches. Das ist es nur, wenn der Mensch bereits praktisch tätig war und Fehler gemacht hat. Aber eins nach dem anderen!
Grundlage unserer kognitiven Fähigkeiten sind entwicklungsgeschichtlich unsere Sinne. Nur was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, und zwar nicht einmal, sondern immer und immer wieder, kommt irgendwann als ein Begriff, d.h. als ein Abstraktum, das mit einem bestimmten Sinn hinterlegt und mit Zeichen ausgestattet ist, in unser Gehirn. Was wir vorher schon 1000mal mit unseren Sinnesorganen erfühlt haben, sagen wir einen Baum – wir sehen seine Formen und Farben mit unseren Augen, wir fühlen Blätter, Rinde und Äste mit unseren Händen und wir riechen ihn mit unserer Nase -, das wird dann unter der Chiffre B-a-u-m zu einer rational operierbaren Begrifflichkeit. Der sinnlichen Wahrnehmung folgt also die rationale Erkenntnis, die in die Welt der kognitiven Operationen führt.
Menschliches Verhalten verliert immer dann an Authentizität, wenn wir ihm ein Mangel an Praxis bzw. praktischer Erfahrung attestieren. Das kommt jeden Tag häufig vor und wir kritisieren ganze Berufsgruppen dafür, dass sie vom richtigen Leben nichts verstehen. Als Begriff für diejenigen Menschen, um in der hier eingeführten Denkweise und Terminologie zu bleiben, denen das Praktische abgesprochen wird, kennen wir den des Schreibtischtäters. Hinter der Kritik verbirgt sich instinktiv eine tiefe epistemologische Wahrheit: Wer Dinge nicht selber praktisch ausprobiert, der läuft Gefahr, ihr Wesen nicht richtig zu ergründen und dem Schein eher zu erliegen als dem wahren Sein.
Auch die Hirnforschung unserer Tage wartet mit der eher verblüffenden Erkenntnis auf, nämlich dass das Gehirn in manchen Funktionen eher an einen Muskel erinnert als an einen genialen und chaotischen chemischen Prozess. Bestimmte Gehirnoperationen müssen trainiert werden wie ein Muskel, um sich zur wahren Meisterschaft entwickeln zu können. Und wer seinerseits dazu verurteilt war, Vokabeln oder Versformen auswendig zu lernen, wird wissen, dass sich das Gehirn immer leichter damit tut, je mehr es geübt wird.
Das digitale Zeitalter wirbt mit der größten Transparenz in der Menschheitsgeschichte und beruft sich dabei auf den Zugang zu Informationen. Des Weiteren wird durch die Entwicklung von Servicemodulen, die unter dem Begriff App figurieren mit der Erleichterung menschlichen Handelns. Wer die entsprechende App auf sein Smartphone geladen hat, der verläuft sich nicht mehr, der sucht nicht mehr vergebens, der kann jede Vokabel nachschlagen und hat die Formulierungen für ein Vertragswerk immer a jour. Das wird als die große Erleichterung gepriesen.
Wäre dabei nicht eine Systematik identifizierbar, die eher an dunkles Mittelalter als Moderne und Selbstbestimmung erinnert. Die unmittelbare Erfahrung als Lernfeld wird nahezu systematisch eliminiert. Die Abhängigkeit des nicht mehr lernfähigen Individuums von der soufflierenden Maschine wird ins Gigantische gesteigert und zeugt eine neue, mentale Klasse von Untertanen, die schwerlich als gestaltende Subjekte in die Geschichte eingehen werden.
Die sinnliche Wahrnehmung geht der rationalen Erkenntnis nach wie vor voraus. Werden die Felder der ersteren zerstört, mutiert die zweite zu einer unbrauchbaren Ressource, die schwerlich kreativ und wertschöpfend sein kann. Die gesellschaftliche Erkenntnis darüber steht noch aus. Man könnte diesen, den politischen Aspekt der Erkenntnis, irrsinnig beschleunigen, wenn man schlicht den Strom abschaltete.
