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Eine Vertonung der Sehnsucht

Charlie Haden, Pat Metheny. Beyond The Missouri Sky (Short Stories)

Gemeinsamkeiten, die über ein analog entstandenes Gefühl entstehen, können zu einzigartigen Synergien führen. Charlie Haden wie Pat Metheny stammten beide aus dem amerikanischen Bundesstaat Missouri. Obwohl vom Alter her 15 Jahre zwischen ihnen lagen, hatten sie unabhängig von einander dort ihre Musikerkarrieren begonnen. Neben der lokalen Herkunft verband die beiden die analoge Herangehensweise an das musikalische Schaffen. Beide konzentrierten sich im Wesentlichen auf projektorientierte Musikproduktion. Weder Haden noch Metheny standen für eine an einer feststehenden Band orientierten Karriere. Was die beiden Musiker interessierte, war die Verwirklichung bestimmter Ideen in einem eigens dafür geschaffenen Kontext, fußend auf einer Vision, um die herum die Musiker ausgewählt wurden, um ihr Gestalt zu verleihen. Beyond The Missouri Sky war ein solches Projekt. Das Besondere an diesem Album war die Reduktion auf Haden und Metheny selbst. Wie vieles, das vor allem Haden in Angriff nahm, wurde es mit einem Grammy ausgezeichnet.

Insgesamt 13 Titel, die alle unter dem Untertitel Short Stories figurieren, entfalten sich allesamt unter einem nicht bezeichneten Thema. Quasi das Schulgeheimnis von Beyond The Missouri Sky ist die Sehnsucht. Das Gefühl, welches sprühende Geister in einem Provinzsetting erfahren, ist nur zu beschreiben mit dem unbändigen Bedürfnis nach dem Ausbrechen aus den beengten und beengenden Verhältnissen. Was den beiden Musikern auf diesem Album allerdings gelang, ist das semantische Kunststück, nicht nur gegen die Enge und die daraus resultierende Melancholie zu revoltieren, sondern der Tristesse selbst eine tiefe Referenz zu erweisen. Beiden Musikern gelang der Ausbruch, Hadens nächste Station war New York, Metheny zog es nach Miami, aber beide nährten sich und ihre Gefühlswelt aus der unendlichen Weite des missourischen Himmels, der mit seinem Wechselspiel der horizontalen Dimensionen die kreative Quelle beider ein Leben lang nährte.

Egal, um welche Kompositionen es ich handelt, es geht immer um die Frage, welche Inspirationen dieser Himmel vermittelt und um die nötigen Konsequenzen, die daraus gezogen werden können. Ob in Message To A Friend, Two For The Road, The Moon Is A Harsh Mistress oder He´s Gone Away, es sind die Gefühlswelten, die berührt werden, die aus der Einsamkeit entstehen und die die Sehnsucht nach Weite zum Ausdruck bringen. Vor allem bei He´s Gone Away wird die aus dem alles inspirierenden Himmel Konsequenz zu einer musikalisch einzigartigen Metamorphose. Das Thema wird von Metheny immer an den Rand der Melodielinien von Amazing Graze getrieben und bringt dadurch die emotionale Doppelbödigkeit zum Ausdruck: Das Weggehen verursacht nicht nur Abschied und Trauer, sondern auch die feierliche Befindlichkeit der Befreiung. In dem darauf folgenden Moon Song, in dem Metheny wie in keinem anderen auf diesem Album seine Inspiration durch den Gitarristen Wes Montgomery zum Ausdruck bringt, schafft es Charlie Haden, mit seinen Basslinien einerseits einen klassischen Jazzrhythmus zu unterlegen und andererseits das Somnambule eines Spaziergangs auf dem Mond zu simulieren.

Beyond The Missouri Sky wurde 1996 aufgenommen. Seine kreative Impulsivität und seine von Melancholie und Sehnsucht ausgehende Kraft ist bist heute ungebrochen. Es handelt sich nicht um ein schnödes Werk des Zeitgeists, sondern um die musikalische Bearbeitung eines Universalthemas. Beyond The Missouri Sky ist eine gelungene Vertonung der Sehnsucht.

Basslinien aus dem Jenseits

Charlie Haden. Land of the Sun

Der Tod ist für die, die weiter das hiesige Dasein vor Augen haben, ein Anlass zu Trauer, Besinnung und Melancholie. Diejenigen, die die Schwelle überschritten haben und um die es bei dem Akt des Nachdenkens geht, haben damit nichts mehr zu tun. Charles Edward, genannt Charlie Haden, der kürzlich im Alter von 77 Jahren starb, zeichnete sich dadurch aus, dass er sich mit seinem musikalischen Schaffen seit Jahrzehnten in Sphären bewegte, die weit über die profanen, irdischen Aspekte hinauswiesen. Was sind da Titulierungen wie ein markanter Vertreter des Free Jazz? Sie führen zu nichts, wenn sie nicht dazu dienten, seine Werke zu hören und sich Inspirationen daraus zu holen, die in die Richtung weisen, in der der Akteur seit langem gewirkt hat.

In einer Jahreszeit, in der sich die Sonne in vielen Teilen des Globus in ihrer energetisch ausgelassensten Form zeigt, drängt sich ein Album auf, das Charlie Haden bereits vor einem Jahrzehnt aufgenommen hat und das wie alle seine Alben aus der Reihe fällt. Gerade das war sein Markenzeichen, die Abnormität vom Profanen, das Überschreiten, das Experimentelle ohne die betonte Vermarktung des Außergewöhnlichen. Im Jahre 2003 nahm Charlie Haden, zusammen mit Ausnahmekünstlern wie Gonzalo Rubalcaba (piano), Joe Lovano (tenor sax), Ignacio Berroa (drums) und Michael Rodriguez (trumpet) das Album Land of the Sun auf. Natürlich, so müsste gesagt werden, bekam es einen Grammy für das damals beste Album des Latin Jazz, aber das waren m Leben Hadens Margen, auf die es ihm nicht ankam.

Was in Land of the Sun gelang, war das Hinübergleiten in die Dimension der Zeitlosigkeit. Das Genre für derartige Unterfangen ist immer der Jazz, wenn er einher geht mit dem Diktum des Experimentellen, ohne sich letzterem als Axiom zu unterwerfen. Das Außergewöhnliche des Ausnahmebassisten Charlie Haden kommt in diesem Werk in vielen Aspekten zum Ausdruck. Da ist keine Referenz an die Eskapade, sondern die minutiöse Verpflichtung auf die eigene, einfache Figur, die schlichte Aussage, die sich steigert in gekonnten Selbstzitaten, die eine Variation des Existenziellen erlaubt und anmahnt. Das, was revolutionär ist und war, verliert bei Hadens Spielweise das Hysterische, es wirkt profan, obwohl es in einem Orkus der spirituellen Maßlosigkeit stattfindet. Die Kombattanten bei dieser Revolution haben die Instruktionen des mentalen Kopfes nicht nur gut, sondern spielerisch verstanden. Rubalcabas Einwürfe auf dem Klavier beziehen sich auf Hadens Figuren, Rodriguez Trompete und Flügelhorn entschwirren in die Transzendenz und Lovanos Tenor durchdringt den Sonnenrhythmus mit den tonalen Folgen des Jazz.

Land of the Sun ist das Entree zu einer ruhigen, inspirierten Reflexion des Daseins und seiner leuchtenden Seiten im Jenseits. Es bedarf des Lichtes, um die Wege jenseits des Sichtbaren zu erahnen. Da hilft kein Interpretationsbesteck irgend eines Genres, weil es Haden gelungen ist, eine Partitur des Transzendenten zu entwerfen, auf der sich die Akteure bewegen, ohne diese selbst lesen zu müssen. Zumindest wirkt es so. Charlie Haden war dafür bekannt, dass er nichts dem Zufall überließ, ein akribischer Mensch, der die Reisen in das andere Dasein minutiös plante, wie eine Expedition, als ginge es darum, die Akteure vor einer Havarie zu bewahren. Das ist die Meisterschaft, die hinter der Leichtigkeit aufleuchtet. Wer den Sommer nutzen will, um diese existenzielle Reise zu unternehmen, dem sei Land of the Sun in den höchsten Temperaturen empfohlen.