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Die kränkelnde Blässe der Misanthropie

Die Zeiten, in denen der Dramaturg Heiner Müller zu Protokoll gab, zum Frühstück gebe es bei ihm ein Stück blutiges Fleisch und eine Tasse Benzin und ein Wolf Wondraschek verlauten ließ, der Tag beginne mit eine Schusswunde, ein Eric Burdon sang, er sei mit einer Pistole im Mund aufgewacht und Charles Bukowski der Menschheit bescheinigte, sie hätte einfach nicht das Zeug dazu, etwas Vernünftiges auf die Beine zu stellen und ein Gerhard Zwerenz brüllte, die Erde sei unbewohnbar wie der Mond, diese Zeiten liegen hinter uns. Was in den Ohren heutiger junger Mitbürger klingt wie ein universelles No Go, war damals der Ausdruck eines Lebensgefühls, das die Widrigkeiten der Verhältnisse anerkannte und gleichzeitig ein Trotzdem verlauten ließ. Es war eine lebensbetonte Kampfansage an Herrschaft par excellence, und es verriet eine Phantasie, die ihres gleichen suchte. Für Melancholie, Nostalgie, Lethargie und, nennen wir es beim Namen, blasierte Arroganz, war da kein Raum. Und die Zeiten, in denen diese Atmosphäre herrschte, waren besser. Nicht, weil die Verhältnisse besser waren, sondern weil die Bereitschaft da war, zu verändern und zu gestalten.

Heute sitzen diejenigen, die das kulturelle Schaffen für sich reklamieren, vor ihren sie steuernden Displays, sie folgen einem restringierten Code, der von den Herrschenden zertifiziert wurde und der nur noch suggerieren kann, man sei kreativ. Mental sind wir Zeugen einer pathologischen Passivität geworden, die zu keiner wirklichen, das heißt die Verhältnisse ändernden Vision passt. Die grümpfte Nase ist vielleicht der signifikanteste Gestus, den diese Spezies der Misanthropie noch hervorbringt. Misanthropie deshalb, weil sie ein ungeheures Wissen darüber akkumuliert hat, was Menschen alles falsch, aber nichts darüber verlauten lassen, was sie richtig machen können und müssen, wenn sie die Verhältnisse ändern wollen. Die vielen Fehler lassen nur den Rat zu, alles so zu lassen, wie es ist, oder alles noch schlimmer machen zu sollen, als es sein könnte. Die weit verbreitete Aura unserer Tage, die sich als ein Vorabend erweisen werden, ist die kränkelnde Blässe der Misanthropie.

Was an diesem Vorabend, der Ausdruck einer bevorstehenden neuen Zeit ist, fehlt, was aber kommen muss und kommen wird, dass ist die Ansage mit offenem Visier, das Frühstück mit blutigem Fleisch und Benzin, die Schusswunde im Morgengrauen und die Bereitschaft, das zu sagen, was ist. 

Die kränkelnde Blässe der Misanthropie

Die lakonische Note des Undergrounds

John Fante, Ask The Dusk

John Fante, geboren 1903 in Denver, Colorado und gestorben 1983 in Woodland Hills, Los Angeles, wäre wahrscheinlich heute nicht mehr in den Buchhandlungen zu finden, gäbe es nicht einen vor allem in Deutschland gefeierten Autor des amerikanischen Undergrounds, der immer wieder auf die Bedeutung Fantes für sein eigenes Schreiben hingewiesen hätte: Charles Bukowski. Er erzählte nicht nur immer wieder, wie vor allem der Roman Ask The Dusk von Fante ihn erschüttert und inspiriert hatte, sondern er widmete ihm auch das Gedicht Tod eines Vorbilds. Die Hommage Bukowski sorgt bis heute dafür, dass viele Leserinnen und Leser seiner Empfehlung folgen und vor allem Ask the Dusk lesen.

Der Italo-Amerikaner John Fante kam aus so genannten kleinen Verhältnissen und wollte sich durch Mobilität aus den Fängen des familiären Katholizismus wie der Armut befreien. Als junger Mann setzt er sich in den Bus und fährt in die Metropole Los Angeles, um sich dort als Schriftsteller durchzusetzen. An diesem Punkt endet die erzählte Geschichte des Romans Wait Until Spring, Bandini, dem 1938 erschienenen Vorläufer von Ask The Dusk (1939). Beide Romane sind übrigens Teile der Bandini-Tetralogie, in der Fante autobiographisch über sein Leben schreibt. Ask The Dusk gilt als das gelungenste Werk, so früh Fantes Stern aufzugehen schien, so schnell sank er auch wieder.

Der Roman selbst ist allerdings lesenswert, weil er verschiedene Qualitätsmerkmale aufweist, die darauf hinweisen, dass Fante in gewisser Hinsicht als ein Pionier des amerikanischen Undergrounds und, mit einem zwinkernden Auge, auch als moderne Spätfolge des europäischen Schelmenromans durchaus betrachtet werden kann. Vor allem die Schreibweise weist in die amerikanische Moderne: kurze, knappe und präzise Sätze, immer mit einer lakonischen Schwingung, eine permanente Enttabuisierung der Konvention und die absolute Fokussierung auf das Profane. Fante kommt in seinem gesamten Roman, der im Los Angeles der Dreißiger Jahre spielt, das ein Brennpunkt sozialer und rassischer Gegensätze geworden ist, in der eine Parallelgesellschaft nur so über die andere stolpert, ohne auch nur einen expliziten Hinweis auf das politische Setting aus.

Sein Material ist das Leben des jungen Schriftstellers Arturo Bandini, der in einem Billighotel lebt und mehr oder weniger erfolgreich Erzählungen produziert, mal Geld hat und mal keines, zusammen mit dem Strandgut, das die Flut aus der Provinz in die Großstadt gespült hat, versucht er seinen Alltag zu bewältigen und verliebt sich in eine junge Frau mexikanischer Herkunft. Das Aufeinandertreffen mit dieser jungen Frau thematisiert den auch in ihm schlummernden Rassismus, dessen Opfer er als Italo-Amerikaner wiederum selbst ist, ohne dass der pädagogische Zeigefinger oder ein Erklärungsglossar notwendig wäre. Fante gelingt es, das ganze Spektrum der Westküstenmetropole mit ihren sozialen, rassischen und lebenskulturellen Widersprüchen in den einfachen menschlichen Beziehungen des Romans zum Leben zu bringen. Der Roman überzeugt durch seine Authentizität und die Fähigkeit, das Getriebene des Erzählers bis ins Syntaktische zu verarbeiten.

Ask The Dusk ist sicherlich ein Vorbild für Charles Bukowskis Ham On Rye, in dem dieser wiederum seine Jugend im Los Angeles der Vierziger Jahre in vergleichbarer literarischer Qualität beschreibt. Was an John Fante fasziniert und ihn sicherlich zu einem Pionier der lakonischen Note des Undergrounds macht, ist die Fähigkeit, den immensen Anteil der Freiheit selbst in einem verhängnisvollen Leben zu verdeutlichen.