Ob momentan in Tunesien und Ägypten, ob in den USA oder im eigenen Betrieb: So genannte Change- oder Umgestaltungsprozesse hängen von vielen Faktoren ab und sie entspringen unterschiedlichen Quellen. In Ägypten und Tunesien entstand über Jahrzehnte ein Unmut gegen Rechtlosigkeit und Verarmung, in den USA entsprach der Wille zur Umgestaltung der Erkenntnis, die Machtkarte der alleinigen Hegemonie nicht mehr so spielen zu können wie in der Vergangenheit und in vielen Betrieben etabliert sich die Vision von etwas Neuem durch die Reflexion der eigenen Chancen im Vergleich zur Konkurrenz.
Gut und günstig verlaufen Change-Prozesse, wenn sie von Mehrheiten getragen werden. Länder, die sich im Aufbruch befinden, setzen ungeheure Produktivkräfte frei, es entsteht eine Atmosphäre der Liberalität und des Aufbruchs und für einen kurzen Moment glaubt eine Nation an die eigene wie die ewige Jugend. Eine etablierte Macht hingegen muss sich bei einem initiierten Wandel neu erfinden und das Neue muss gegenüber dem Alten wesentlich attraktiver sein. Diejenigen, die Macht verlieren und abgeben sollen, kämpfen verbissen für die alten Verhältnisse, wie es sich momentan exzellent an der innenpolitischen Auseinandersetzung in den USA illustrieren lässt.
In Unternehmen oder Organisationen ist es ähnlich. Eine Aufbruchsstimmung wie bei einer Revolte ist nahezu unmöglich. Da Change-Prozesse in Organisationen immer etwas Proaktives haben, d.h. sie sich für eine Veränderung aussprechen, obwohl vieles noch gut funktioniert, sind sie in hohem Maße erklärungsbedürftig. Es geht nicht nur um den Verlust von Macht und Prestige, es geht auch um Sinn. Letzterer ist letztendlich eine Wette auf die Zukunft. Die Initiatoren müssen erklären und beweisen, dass ihre Konzeption für die Zukunft besser geeignet ist als die jetzige, durchaus erfolgreiche Konstitution.
Sind bei Wirtschaftsbetrieben die Direktionsrechte noch sehr mit dem Zugriff auf die Ressourcen verbunden und dadurch das Gewicht eines Kommandowechsels gesichert, so entspringt der Öffentliche Dienst einem Milieu, der durch politische Interessen und öffentliche Diskussionen durchsetzt ist. Analog geht es Verbänden oder Vereinen, die in der Öffentlichkeit eine hohe Beachtung finden. Deren Wandlungsfähigkeit hängt in hohem Maße ab vom Klima einer Gesellschaft. Befindet sich letztere allgemein im Aufwind, so existiert eine reformfreundliche Atmosphäre. Sind hingegen die Verteilungskämpfe in vollem Gange und die Perspektiven für die Zukunft durch Partikularinteressen zugestellt, erleben alle veränderungswilligen Organisationen eine Art ritueller Hinrichtung mit inquisitorischem Charakter.
Betrachtet man die Bundesrepublik in ihrem gegenwärtigen Zustand, so sticht letzteres doch sehr ins Auge. Change-Prozesse, die versuchen, eine gute Option auf eine Zukunftswette zu bieten, werden mit einer emotionalen Vehemenz denunziert, die ihresgleichen sucht. Kein gutes Testat für den Zustand der Nation!
