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Cartesianische Logik & Systemische Empathie

Wir sollten uns davor hüten, der Hybris zu verfallen, das Phänomen der Globalisierung als ein Novum zu sehen. Historiker verweisen auf frühere Perioden der Weltgeschichte, in der analoge Entwicklungen zu verzeichnen und zu beobachten waren. Zwar existieren selbst bei den Historikern unterschiedliche Schulen, wobei die eine vor allem darauf verweist, das Phänomen sei so alt wie die Menschheit und die Hochphasen des Römischen Reiches umfassten viele Charakteristika, die auch heute zu beobachten seien, während andere wiederum Phasen verschiedener Globalisierungswellen in einem spezifisch modernen Sinne mit dem 15. Jahrhundert ausmachen, als die Expansion Europas in die Welt begann.

Es scheint immer nützlich zu sein, sich nicht in den Rausch der Erstmaligkeit zu begeben, weil die Rationalität in der Regel darunter leidet. Insofern ist es unerheblich, welcher Auffassung man sich anschließt. Interessant dagegen ist vor allem die Frage, was denn die Weltkulturen und ihren Zugang der jeweiligen Zivilisation ausmacht. Sind es Produktionsverhältnisse, Produktivkräfte, Technologien oder Wirtschaftsdaten, wie viele zeitgenössische und so abscheulich benannte Analysten zu suggerieren suchen? Oder ist es ein kultureller Denk- und Erklärungsansatz, der sowohl in den materiellen Lebensbedingungen als auch in dem spirituell erlebten Zivilisationsprozess erlebt worden ist?

Die ungeheure Warenansammlung, von der Karl Marx in den einleitenden Gedanken seines Kapitals sprach, bediente nach seiner zutreffenden Auffassung nur die Phänomenologie und half nicht, die Funktionsweise der Wertschöpfung zu entschlüsseln. Indem er den cartesianisch begründeten Leistungsbegriff in die Wertschöpfung einführte, konnte er die Wertschöpfung erklären und das Phänomen der Ware entzaubern. Und so wie der logisch-rationale Streich des Westlers den Kosmos des Messbaren zu erschließen hilft, genauso bedarf es eines Zugangs, der die spirituell-intuitiven Dimensionen der menschlichen Gesellschaften durchdringt.

Das aus Medizin und Psychologie entwickelte Modell der beiden Gehirnhälften, welches die unterschiedlichen kognitiven wie emotionalen Welten des Individuums zu erschließen hilft, ist längst in die Erklärungsmuster der Weltkulturen vorgedrungen und hat bereits entscheidend dazu beigetragen, die unterschiedlichen Prozesse im Weltverständnis und in der Strategieentwicklung geographisch positionierter Kulturen und Gesellschaften zu erschließen. Demnach stoßen wir zunehmend auf die Prototypen der cartesianischen Logik im Westen und der Systemischen Empathie im Osten.

Die große Chance für die Entwicklung aller Gesellschaften liegt in dem sich verstärkenden Zugang zu den jeweiligen Denkweisen des anderen Kulturkreises durch die zunehmende Durchmischung der Erfahrungswelten aufgrund von Migration, und zwar auch und vornehmlich der Eliten. Es ist von vordringlicher Bedeutung, den Diskurs von Ost und West hinsichtlich der unterschiedlichen Erlebbarkeit der Welt einem großen Publikum zugänglich zu machen, weil sonst ein weiteres, nicht mehr zu dimensionierendes Zerwürfnis droht.

Die Wahrheit liegt jenseits der cartesianischen Logik

Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran und Indonesien! Die großen islamischen Gesellschaften sind gehörig in Bewegung geraten. Aus Sicht einer quantitativen Betrachtung befinden sich diese Gesellschaften in großer Instabilität und werden erschüttert durch Terroranschläge und Exzesse staatlicher Gewalt. Verwunderlich, dass ausgerechnet die bevölkerungsreichsten Länder Indonesien, Pakistan und der Iran eine Dynamik der Auseinandersetzung offenbaren, die im sunnitischen Herzstück des Islams, den arabischen Staaten, scheinbar keine Resonanz finden. Ausgerechnet dort, wo das Dogma in seiner unbeschädigten Form zuhause ist und in einer archaischen Brutalität wirkt, regt sich kaum Widerstand.

Das Design einer auf dem islamistischen Terror basierenden Expansionspolitik ist aber gerade in Saudi-Arabien entworfen worden, dort wurden und werden die leitenden Kader rekrutiert und von dort aus fließen die Petrodollars, die die sunnitisch-panislamischen Angriffe finanzieren. Saudi-Arabien und seine benachbarten Satelliten sind bevölkerungsarm, haben trotz der gewaltigen Kapitalakkumulation feudalistische Strukturen und werden von Dynastien beherrscht, die auf Ressourcenverkauf und einer neuzeitlichen Variante der Sklavenarbeit basieren. Diese Dynastien wissen, dass die religiöse Legitimation ihrer Hierarchien sich nicht auf eine Massenbasis stützen kann, um in der islamischen Weltgemeinschaft die Herrschaft zu sichern. Deshalb haben sie sich angesichts des drohenden Ressourcenverlusts bereits vor Jahrzehnten entschlossen, über das Instrument des Terrors die islamischen Massengesellschaften zu verunsichern und ins eigene Lager zu zerren. Und so wie es aussieht, sind die Aussichten schlecht.

Handelt es sich aufgrund der Bevölkerungszahl und der Stammesheterogenität in Afghanistan um einen Sonderfall eher geostrategischer Bedeutung, bei dem die islamistische Strategie nur im Dauerkriegszustand reüssieren kann, so sieht der durchweg sunnitische Islam in Pakistan schon günstiger aus, wäre dort nicht der Wunsch eigener Hegemonie übergroß, der immer einen Riss gegenüber der arabischen Welt darstellen wird. In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten islamischen Land der Erde mit über 200 Millionen Gläubigen hat sich gerade eben mit der erneuten Wahl Susilo Bambang Yudhohonos zum Präsidenten ein politischer Kurs stabilisiert, der auf Demokratisierung und Rechtstaatlichkeit setzt. Die gestrigen Anschläge der aus der arabischen Welt gesteuerten Jemaah Islamiya auf Hotels in Jakarta, in denen exklusiv ausländische Geschäftsleute verkehren, setzt auf den ökonomischen Niedergang des Landes, auf den man spekuliert, um durch die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten offene Ohren für die eigene Ideologie zu gewinnen. Neben der Tatsache, dass die Jemaah Islamiya ganz oben auf den Fahndungslisten der indonesischen Sicherheitskräfte steht, ist sie im Meinungsbild der Bevölkerung in der Defensive, weil man ihnen akribisch vorrechnet, dass die muslimischen Opfer des Terrors in weit größerer Zahl sind als die vermeintlich verhassten Westler. Der Anschlag in in Jakartas Finanzdistrikt Kuningan sollte etwas anderes zeigen, was aber auch nicht gelang.

Und im Iran hat die schiitische Revolution Khomeinis vor dreißig Jahren bereits den arabisch sunnitischen globalen Machtanspruch relativiert. Und auch dort ist das Modell einer klerikalen Diktatur durch die jüngsten Ereignisse gewaltig desavouiert. So wie es aussieht, nähert sich die islamische Welt einer Phase der Aufklärung, die einen vollständig eigenen Charakter haben wird und mit den Mitteln der westlichen Erfahrungen kaum zu erklären sein wird. Aber sie richtet sich gegen ein autoritär repetititves Weltbild und rüstet sich mit dem Instrument der kritischen Reflexion. Ein guter Grund, den Kräften des neuen Lichtes mit Sympathie zu begegnen!