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Die Zeit der Sensenmänner

Im Zeichen der Demoskopie stehen sie derweilen hoch im Kurs. Sie gelten als die, die ungeachtet des Zeitgeistes den Mut besitzen, unbequeme Wahrheiten zu sagen und kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie mahnen die eiserne Faust an, wo gestalterische Phantasie angebracht wäre. Sie schreien nach Ordnung, wo Flexibilität gefordert wäre und sie begünstigen Feindbilder, die keinem helfen werden. Aber das scheint alles unerheblich zu sein. Die medialen Kommunikationsorgane stilisieren sie zu Helden, dabei könnte ihre Botschaft dürftiger nicht sein. Egal, woher das Elend kommt, ordentlich den Knüppel raus, dann ist auch wieder Ruhe. Sollte das die Maxime sein, die in Deutschland wieder Mehrheiten zu gewinnen in der Lage ist, dann wäre es vergeudete Zeit, über mögliche Perspektiven für dieses Land überhaupt noch zu räsonieren.

Doch zurück zu den drei SSS. Seehofer, der reine Symbolkämpfe inszeniert, Schäuble, der die Ent-Solidarisierung Europas bis zur letzten Jacketkrone ausgefochten hat und nun auch Edi Stoiber, der im Kreise von Pommes & Pralinen seit Jahren zur Pilzkultur der Brüsseler Euro-Bürokratie gehört, die er eigentlich abschaffen sollte. Edi droht jetzt auch, und weil es so en vogue ist, fällt er in den Chor der anderen beiden, die es so lieben, Ultimaten zu stellen. Nicht, dass die Sympathien der Frau gölten, die sich seit Jahren um Entscheidungen drückt, aber die drei Schergen aus dem Süden der Republik, die verkörpern beileibe nicht die Alternative, derer es bedürfte, um aus Problemlagen Lösungskonzepte zu machen.

Jetzt, in einem Moment, in dem der Konservatismus auf einen Regimewechsel drängt, fallen die drei politisch längst desavouierten Schergen aus dem Gebüsch und klimpern auf der Tastatur der Staatsräson, um ihren Machtanspruch zu untermalen. Aber, Hand aufs Herz, wer von ihnen wäre denn in der Lage, die Macht und das Amt zu übernehmen? Sie selbst wohl kaum und alleine die Namensnennung möglicher Kandidatinnen und Kandidaten aus dem konservativen Lager verursacht Stockgeräusche in der Luftröhre. Zu sehr hat die Meisterschülerin des Pfälzer Bürgerkönigs an der Technik der Macht geleckt. Protestantisch bieder, wie sie ist, duftet das Fallbeil bei ihr nicht nach Hausmacher und Kraut, sondern bitter nach Metall. Aber spielt das eine Rolle? Weggeätzt hat sie alle, die aufgrund von Begabung oder Fleiß in Frage gekommen wären.

So bleibt die Drohung der drei Sensenmänner nichts anderes als eine wahltaktische Finte, mit der sie versuchen wollen, vor den bevorstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt den Wellenreitern des politischen Populismus Stimmen zu entreißen. Ihr Zubiss liegt längst des nächtens, wenn es Zeit zum Meucheln wäre, im Corega-Bad. Und so bekommen sie gar nicht mehr mit, wer im Schutze der Dunkelheit die Straßen des Landes beherrscht. Sähen sie es, mit ihren starigen Blicken, so stellten sie fest, dass es nicht Syrer und Mohren sind, die dieses Land bedrohen, sondern Neid und Missgunst, Zwist und Angst und eine bleierne Hoffnungslosigkeit.

Wenn die Bussarde kreisen, so heißt es in ländlichen Gebieten, dann ist die Zeit des Sensenmannes angebrochen. Dann taucht er auf, kommt aus den wabernden Nebeln und lässt seine scharfe Sense durch die milchige Luft surren, dabei ein Grinsen aufgesetzt, das gar keines mehr ist. Denn wo der Tod herrscht, da gibt’s auch nichts zu lachen. Nur die Persiflage schafft das noch. Und diese Sensenmänner, die sich nun wieder anbieten, die gehören in diese Kategorie.

Über den Mangel an positiven Strategien

Das Wort geht der Tat voraus, schrieb Heinrich Heine, so wie der Blitz dem Donner. In seiner bis heute immer wieder lesenswerten Abhandlung Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland brachte er das im Titel beschriebene nicht nur in seiner eigenen, unerreichten Weise auf den Punkt. Er versuchte zudem den Bürgerinnen und Bürgern im benachbarten Frankreich, das ihn als Exilanten aufgenommen hatte, zu erklären, wie die Deutschen vor allem denken und fühlen. Angesichts der von ihm rekonstruierten Ideengeschichte warnte er die Franzosen vor einem vulkanartigen Ausbruch im Nachbarland. Angesichts der Ereignisse, die von Deutschland aus im darauf folgenden Jahrhundert ausgehen sollten, eine nahezu prophetische Vorhersage.

Dabei ist der Grundgedanke einfach und in der Regel zielführend. Die formulierte Sprache dokumentiert tatsächlich in vielerlei Hinsicht Denkweise und Intention. Diejenigen, die sich aufgrund dieser Erkenntnis der Textkritik verschreiben, gelten als Menschen mit strategischen Kompetenzen. Das soll nicht herabgemindert werden, denn wäre es so leicht und offensichtlich, täten es sicherlich mehr. Denn wer will sich schon den Vorteil nehmen lassen, die Menschen, deren Welt und die zu prognostizierenden Entwicklungstendenzen einfach zu ignorieren.

Unser Alltag bietet die beste Gelegenheit, sich dem textkritischen Handwerk zu nähern. Und ist man einmal dabei, dann macht es regelrecht Spaß, auch wenn die Erkenntnisse manchmal gar nicht so spaßig sind. Kürzlich hörte ich zum Beispiel jemanden sagen, da sei ein großes Problem und es gebe noch keine Regelung, wie man damit umgehe. Aber man arbeite daran und wenn das Regelwerk vorliege, sei das Problem gelöst. Man müsste diesem Menschen dankbar sein, denn ihm gelang es, aus einer Allerweltskonversation einen Prototyp der Malaise unserer Zeit zu illustrieren.

Denn bei dieser Formulierung handelt es sich um eine weit verbreitete, sogar politisch zuweilen mehrheitsfähige Auffassung, dass Probleme nicht gelöst werden, sondern lediglich geregelt werden müssen. Dass ist eigentlich schon eine böse Form des Defätismus. Aber es kommt noch schlimmer, wenn man nämlich realisiert, dass die Welt als eine überwältigende Ansammlung von Problemen und nicht als ein unerschöpfliches Phänomen von Chancen begriffen wird. Das, was wir in unserem Leben antreffen, sind Herausforderungen, mit denen wir produktiv, kreativ, stark und geistreich umgehen müssen. Die Perzeption dieser Welt als riesiges Arsenal von Gefahren führt zu zweierlei: Zum einen zu einem Aufbau einer gigantischen Bürokratie, natürlich auch im übertragenen Sinne, die sich mit der Verwaltung der Probleme beschäftigt. Und der Atmosphäre der Angst. In ihr, selbst nur über die Regelung von Gefahren zu räsonieren, dient nicht dazu, positive Strategien zu entwickeln.

Wenn man so will, führt der erwähnte lapidare Satz in letzter Konsequenz dazu, dass ungeheure gesellschaftliche Energien unproduktiv dafür genutzt werden, schlechte Zustände zu verwalten. Die Art und Weise, wie dieses geschehen soll, wird durch eine alles überlagernde Angst bestimmt. Rückblickend auf die Geschichte der letzten Jahrzehnte scheint sich die Diagnose zudem zu bestätigen: Hinter uns liegt ein stetiges Ansteigen der Staatsquote und eine ganze Abfolge von Katastrophenszenarien, die allesamt das Ende der Menschheit bedeutet hätten, wären sie denn eingetroffen. Ob es die Kriegsszenarien des Kalten Krieges waren, das Waldsterben, die atomaren Katastrophen, die weltweiten Epidemien, die politischen Antworten auf die tatsächlichen Herausforderungen entstanden immer wieder aus Angst und Hysterie. Und man begegnete ihnen mit neuen Behörden. Positive Strategien lassen sich allerdings nur aus einer positiven Betrachtung der Welt und ihrer Erscheinungen ableiten. Auch, wenn es sich um Probleme handelt. Gerade dann.

Das Krisenmanagement beerdigt die Vision

Geert Mak. Was, wenn Europa scheitert

Es wäre schon eigenartig gewesen, wenn ausgerechnet derjenige, der eines der besten Bücher über Europa der letzten Jahrzehnte geschrieben hat, während der Eurokrise des Schweigen wählen sollte. Der niederländische Journalist Geert Mak, der mit seinem 2004 erschienenen Buch In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert den Kontinent auf seine eigene Weise ausgemessen hatte und seine kulturelle und politischen Kraftfelder mit einem Gespür für das Entscheidende beschrieben hatte, meldete sich bereits 2012 in einem kleinen Buch, das er in einem halben Jahr während eines Berlinaufenthalts geschrieben hat, zur Krise des Euro und zur Krise Europas zu Wort. Unter dem Titel Was, wenn Europa scheitert, ohne Fragezeichen (!), geht Geert Mak auf die entscheidenden Fragestellungen ein.

Obwohl das Buch vom Datum nicht brandaktuell ist, trifft es mit seinen Thesen immer noch das Wesen dessen, was die meisten Europäer besorgt. Thematisch lässt sich vieles auf den Punkt bringen: Die 2008 ausgebrochene Euro-Krise ist eine wirtschaftliche, die vordergründig mit wenig seriösen Kreditnehmern wie Kreditgebern zu tun hat. Es existiert eine kulturelle Kluft in Europa, die sich im ökonomischen Denken widerspiegelt. Die protestantische Achse der Vernunft, ihrer Vernunft, sind nach Mak die Länder Deutschland, die Niederlande und Finnland, die im Hinter- wie im Vordergrund von der Philosophie von Schuld und Bestrafung die Finanzkrise zu meistern suchen und damit den südeuropäischen Ländern auf Jahrzehnte jede Perspektive der Gestaltung nehmen wollen.

Das wesentliche Problem nach Mak ist jedoch die Dominanz der wirtschaftlichen Interessen bei der Entwicklung Europas. Sehr früh wurde die politische Vision des gemeinsamen Hauses, in dem ein Verständnis über die Diversität herrscht, aber gemeinsam und demokratisch eine Zukunft gestaltet wird, abgelöst durch ein Krisenmanagement, das sich mit Verweis auf die Dringlichkeit der zu lösenden Probleme aus der politischen Transparenz verabschiedet hat. Eines der großen Dilemmata sind nach Mak die in Hinterzimmern agierenden, mächtigen Figuren einer Bürokratie, deren Besetzung das Ergebnis von Geschacher ist. Die Abkoppelung der EU von einer politischen Vision und die zunehmende Zentralisierung durch eine Bürokratie haben Europa in eine lebensgefährliche Krise getrieben, die, und das ist nach Mak das Schlimmste, zu einer mentalen Depression geführt hat.

Es gehört zu den Qualitäten des Autors, dass er zudem einen Blick auf den Globus riskiert, um die Rolle Europas im Verhältnis zu entstehenden neuen Machzentren zu beleuchten. Akteure wie die USA, China, Russland, Indien und auch Brasilien denken in diesem Mobile, während Europa politisch keine Vorstellung über die eigene Rolle in der Welt der Globalisierung erzielen konnte. Die Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners scheitert nicht nur in der Binnenstruktur, sie verhindert auch eine akzeptable Perspektive im globalen Kontext. Die Rolle Deutschlands, welches aufgrund seiner ökonomischen Stärke eine Führungsrolle übernehmen müsste, wird laut Mak nicht oder falsch ausgefüllt.

Es ist nicht von ungefähr und für manche Europäerinnen oder Europäer schmerzhaft, dass Mak zuguterletzt auf Roosevelts New Deal verweist, einer Konzeption, die nicht das Land kaputt gespart, sondern investiert hat, die den Beteiligten ein Gefühl vermitteln konnte, auf sie komme es an und die Zeichen setzte, die gemeinsame Emotionen mobilisierte. Gerade daran mangelt es beim gegenwärtigen Management in Europa komplett. Dazu reicht die Phantasie der Protagonisten einfach nicht aus. Das vom Autor angeführte europäische Netzwerk, das wir heute schon in unseren Notizbüchern haben, nimmt uns zwar keiner mehr. Aber es ist ein schwacher Trost.