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Johann Wolfgang von Goethe und Buddy Guy

Es existieren auch bei der Gattung Mensch Erkenntnisse, die, würden sie praktische Konsequenzen haben, vor vielem bewahren könnten. Bis hin zu dem immer häufiger gezeichneten Untergangsszenario. Wie so oft, stellt sich hier die Frage, wie es so weit kommen konnte, dass sich rationale Erkenntnis nicht durchsetzen kann. Gegen was? Gegen das, was vielleicht am neutralsten als die sinnliche Wahrnehmung bezeichnet werden könnte. Hinter ihr verbirgt sich der Futterneid, das Konkurrenzdenken und die Wollust an der Bereicherung. Nicht, dass das exklusiv gattungsspezifisch wäre. Was die Spezies Mensch allerdings hervorgebracht hat, ist eine Wirkungsmacht, die von einem ökonomischen Denken ausgeht, das der Befriedigung von Bedürfnissen im existenziellen Sinne widerspricht. Es ist und bleibt die Warenproduktion, entstanden in der Kleinen Eiszeit zwischen 1570 und 1700. Da wurden aus Nahrungsmitteln aufgrund der Missernten und folgenden Hungersnöte plötzlich an der Börse gehandelte Waren.

Die mächtige Natur hatten der Gattung Mensch einen Hinweis gegeben und für ihre Verhältnisse sanft angezeigt, wer am Regulator der Lebensbedingungen sitzt. Verstanden hatten das wenige, es ging ja auch zunächst ums Überleben. Das gemein Dialektische and der Sache war ein System, dass zu Überleben führte und dennoch dazu geeignet war, sich dauerhaft, chronisch mit der Natur anzulegen. Denn die Warenproduktion für den zunächst anonymen Markt isolierte die Prozesse von Produktion, Distribution und Konsumption voneinander und schuf damit eine mächtige Dynamik, die zivilisatorisch ungeheure Entwicklungen erlaubte und die die menschliche Gesellschaft revolutionierte, allerdings auch einen Trugschluss zur Folge hatte, der sich auf die Einbettung der menschlichen Existenz bezog. Die Natur, die sich mal wieder einen schnippischen Wink Richtung Homo sapiens erlaubt hatte, wurde als ein Ding betrachtet, genauer gesagt als eine Ware, mit einem Gebrauchs- und einem Tauschwert, und damit begann der kleine Krieg zwischen der sich selbst überschätzenden menschlichen Gesellschaft und der machtvoll in sich ruhenden Natur.

Nicht, dass seit dem Entstehen des Kapitalismus niemand da gewesen wäre, der es nicht erkannt hätte. Nein, es gab immer genügend kluge Köpfe, die ihre Weisheit aus der Gabe einer präzisen Beobachtung speisten. Aber sie setzten sich nie durch gegen das, was weltweit, bis auf die Enklaven, die spöttisch als unterentwickelt bezeichnet wurden, als die Ultima Ratio galt. Der Mensch, so auch das Diktum aus einer kulturellen Projektion, macht sich die Natur zum Untertanen. Die Natur als Instrument des Prothesengottes Mensch. Seither, seitdem das instrumentelle, technokratische Denken die Köpfe in den Hochzentren der Zivilisation erfasst hat, ist jede Schlacht zwischen dem großen ökonomischen Prinzip der Warenproduktion und der Natur zugunsten letzterer ausgegangen. Nur gemerkt hat es niemand. Der homo- sapiensische Zentrismus hat den Blick verstellt für das, was die existenzielle Grundlage per se ausmacht.

Wie schön, dass es immer wieder Stimmen gibt, die einen Eindruck davon vermitteln, wie ausgebildet die menschliche Fähigkeit zur Erkenntnis sein kann. Der prominente Johann Wolfgang von Goethe schrieb bereits im Jahr 1800 in einem Gedicht den folgenschweren Satz „nur das Gesetz kann uns die Freiheit geben“. So ganz nebenbei, ging es dabei um die Gesetze der Natur. Und Buddy Guy, der Blueser aus Chicago, formulierte es über 200 Jahre später in seiner eigenen Weise: „If You want to fuck nature, nature will fuck You!“ 

Besser kann man es nicht zusammenfassen.   

Blues aus zwei Welten

Buddy Guy. Born To Play Guitar

Er ist einer der letzten Saurier des Blues. Unten, in Louisiana, wo er sich selbst beibrachte, Gitarre zu spielen, machte er das auf die ersten Hits von John Lee Hooker. Dann, mit 21 Jahren war er soweit, vielen seiner Brüder nach Chicago zu folgen, um es dort mit dem Blues zu versuchen. Früh spielte er mit Größen wie Willie Dixon, später dann, mit 28 traf er auf Muddy Waters, mit dem er viele Jahre tingelte. Alle Genannten sind nicht nur in der Hall of Fame, sondern auch längst tot. Nur Buddy Guy wandelt noch auf diesem Planeten, immer noch in Chicago und er betreibt mit seinen 79 Jahren nach wie vor den Blues Club Legends und steht dort das eine oder andere mal auf der Bühne.

Dass Buddy Guy zu einer andren Welt gehörte, wurde vor einigen Jahren einem Millionenpublikum bewusst, als er zu einem einzigen Song von den Rolling Stones bei deren Konzert im New Yorker Beacon Theatre auf die Bühne geholt wurde. Es handelte sich um das Muddy Waters Stück The Reefer, die Stones begannen zu spielen, Mick Jagger sang die erste Strophe und dann passierte es: Buddy Guy tauchte aus dem Off auf und spielte zunächst nur einen Ton. Der hatte aber die Macht über das ganze Theater ergriffen und Keith Richards spie seine Zigarette auf die Bühne wie ein ertappter Schüler, der vom Großmeister persönlich beim Dilettieren gestraft wurde.

Nun, passend zu seinem 79. Geburtstag, präsentiert sich Buddy Guy mit einer neuen CD, die dem Titel Born To Play Guitar. Die CD umfasst insgesamt 14 Titel, die unter anderem zusammen mit Billy Gibbons, Kim Wilson, Joss Stone und Van Morrison angenommen wurden, übrigens einer Rezeptur, die bei vielen alternden Blues-Stars nicht unüblich ist und einigen von ihnen wieder auf die Beine geholfen hat. Das wäre bei dem vorliegenden Material nicht nötig gewesen, denn die Stücke, die von Buddy Guy allein vorgetragen werden, zählen mit Abstand zu den bemerkenswertesten.

Es sind dieses Born To Play Guitar, der Titelsong, sowie Backup Mama. In beiden Stücken sind die essenziellen Phrasierungen des Electric Blues ebenso zu hören wie die schöne, nach wie vor kräftige Erzählstimme Buddy Guys. Dass Guy und Van Morrison im Duett Flesh & Bone eine Hommage an den soeben verstorbenen B.B. King zum besten geben gehört neben den unterschiedlichen Stilisierungen in den einzelnen Stücken zu einem weiteren Höhepunkt. Das letzte Stück auf der CD, Muddy Come Back, hat allerdings alles, was erforderlich ist, um die menschliche Seele zerrinnen zu lassen.

Da erinnert sich Buddy Guy an die Zeit mit Muddy Waters, als sie in dessen Cadillac in Chicago um die Blöcke gecruised sind, im Handschuhfach eine Tüte und eine Flasche Whiskey im Sack, wie sie auf der Bühne standen und dem Blues das Leben eingehaucht haben. Das ist Wehmut und Nähe zugleich, das ist Sehnsucht und Freude. Wenn Blues eine Form hat, dann hier, und wenn Blues etwas bewirkt, dann mit diesem Song. Da steht jemand auf der Schwelle, der die eine Welt kennt wie seine Westentasche und die andere bereits erahnt und in beiden dieser Welten herrscht der Blues. Grandios!