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New Yorks DNA

Bill de Blasio hat es geschafft. Der 52jährige Sohn deutscher und italienischer Einwanderer, seinerseits verheiratet mit einer Schwarzen, aufgewachsen in Brooklyn, wurde am ersten Januar 2014 kurz nach Mitternacht in seinem Haus in Brooklyn als neuer Bürgermeister New York Citys eingeschworen. Später dann, am Vormittag, fuhren er, seine Frau und die beiden Kinder mit der U-Bahn, dem berühmten A-Train, von Brooklyn nach Manhattan, um den Vorgang der Vereidigung vor der Öffentlichkeit zu wiederhohlen. Bill Clinton als Urgestein der Demokraten nahm ihm dort den Eid ab. Mit Bill de Blasio enden nahezu zwanzig Jahre republikanischer Stadtherrschaft. Nach Rudolph Guiliani und Michael Bloomberg, die die Weltmetropole in starkem Maße mit Ordnungs- und Stadtentwicklungskonzepten prägten, kehrt nun ein Demokrat in das höchste Amt der Stadt zurück, der den sozialen Aspekt metropolitaner Urbanität im Auge hat.

So war es kein Zufall, sondern eher gekonnte Inszenierung, dass ausgerechnet der alte, aber nicht zornige Mann der New Yorker, der amerikanischen und der frühen globalen Bürgerrechtsbewegung, Harry Belafonte, ans Rednerpult trat und gerade einen Gedanken aufgriff, den de Blasio in der jüngsten Vergangenheit wimmer wieder beleuchtet hatte. Belafonte sprach von New Yorks DNA, die als Beispiel für viel Städte auf dieser Welt weiter entwickelt werden müsse. Die Chance dazu sei jetzt da. Was er damit meinte, machte er auch gleich deutlich: Es gehe nicht mehr an, dass die Entwicklung der Metropole, die einst der ganzen Welt als Metapher des Schmelztiegels diente, auf Kosten derer betrieben werde, die Innovation und kulturelle Bereicherung ausmachten.

Das, was sich hinter diesen Redewendungen verbirgt, ist nichts anderes als eine radikale Aufrechnung der Law and Order-Politik Guilianis und der Menschenpark-Stadtentwicklung eines Bloomberg. New York City profitierte in den letzten zwanzig Jahren zunächst von der radikalen Bekämpfung der Straßenkriminalität, was allerdings aus heutiger Sicht als eine Einleitung zu einer Politik für die Reichen zu betrachten ist. Vor allem Manhattan ist heute für weniger Wohlhabende eine No Go Area geworden. Während auf der Bronx spätestens ab dem 20. eines jeden Monats die Hungerküchen Hochkonjunktur haben, sind die Immobilienpreise entlang des Hudson für normal Sterbliche kaum noch erschwinglich. Vom Central Park bis zur Wall Street hat sich genau das etabliert, was von vielen amerikanischen Stadtsoziologen als Creative Class bezeichnet wird. Die Folge sind Geldakkumulation, Statusreferenzen und eine Monotonie, die nicht für Kreativität und Innovation spricht. Genauso wenig haben sich diese neuen sozialen Schichten einen Namen durch aktive Toleranz gegenüber Underdogs jedweder Provenienz gemacht. Ganz im Gegenteil, sie haben sich abgeschottet.

De Blasios Programm ist die Wiederherstellung der sozialen Permissivität in der Stadt. Schon in seinem Studium hat sich de Blasio mit der Genese urbaner Innovation befasst und er vertritt im Gegensatz zu seinen Vorgängern die These, dass vor allem die urbanen informellen Sektoren der Hort einer solchen Entwicklung sind. Wahre Toleranz bedeutet, inwieweit ein Gemeinwesen so etwas aushält. Des weiteren hat er umfassende Kenntnisse über die Bedingungen einer positiven Entwicklung der arbeitenden Bevölkerung und ihrer Lebensbedingungen. Sein Programm ist ambitioniert, auch weil es in vielerlei Hinsicht die Machtfrage zwischen Arm und Reich neu stellt. Harry Belafonte hängte die Latte noch höher: Er will, dass sein New York erneut ein Stern wird, der sich absetzt von Bevormundung und Regulierung, sondern der für die Freiheit strahlt.

Die emotionalen Verwicklungen der Emigration

Colm Tóibín. Brooklyn

Der in der Nähe von Wexford aufgewachsene Ire Colm Tóibín ist sowohl von seiner eigenen Biographie als auch seiner Nationalität her geeignet wie kaum ein anderer, sich des Themas der Emigration anzunehmen. Er selbst verließ schon als junger Mann Irland, um für einige Jahre das Glück in Barcelona zu suchen, bevor er wieder zurückkehrte. Und Irland selbst gehört neben Italien zu den beiden großen katholischen Kulturnationen, die entscheidend zu dem Charakter der heutigen USA beigetragen haben, auch wenn dieser Aspekt bis heute allzu sehr von der anglikanisch-protestantischen Seite beleuchtet wird. Mit dem Roman Brooklyn erzählt Tóibín die Geschichte der jungen Eilis Stacy, die 1950 ihrer irischen Heimat den Rücken zuwendet und sich ins ferne Brooklyn aufmacht.

Das Besondere an dem Roman ist das Unspektakuläre. Eilis findet keine Arbeit, wohnt im Hause der Mutter zusammen mit der geachteten und erfolgreichen Schwester Rose, während der Vater bereits verstorben ist und die Brüder in England arbeiten. Rose arrangiert ein Treffen mit einem irischen Geistlichen aus der Brooklyner Gemeinde, der zu Besuch ist und Rose verspricht, für die Schwester Eilis sowohl Arbeit als auch ein berufliches Weiterkommen in der Neuen Welt arrangieren zu können. Dem stimmen Mutter wie die ältere Schwester zu, ohne dass Eilis besonders gefragt würde.

In Brooklyn angekommen, wird Eilis aktiver Teil einer Integrationsgeschichte: Sie bekommt Kost und Logis in einem Haus mit anderen Immigrantinnen, sie bekommt eine Anstellung in einem italienischen Modehaus, sie geht in einen Abendkurs mit anderen Immigranten aus unterschiedlichen Nationen. Sie behält ihren irischen Bezugspunkt in der Gemeinde, lernt jedoch auf einem Tanzabend einen jungen Mann kennen, der wie ein Amerikaner wirkt, sich aber als ein italienischer Einwanderer der zweiten Generation entpuppt.

Während Eilis sich zunehmend an den Lebensrhythmus und die Gepflogenheiten der neuen Heimat gewöhnt, stirbt unverhofft Schwester Rose. Auf einem Besuch bei der Mutter, die nun versucht, die Tochter zurück in die alte Welt zu ziehen, wird der emigrierten Eilis schmerzhaft bewusst, dass sie nicht mehr zurück kann. Ihre innere Entscheidung für das neue Leben ist gefällt und sie macht sich auf den Weg zurück nach Brooklyn, auch wenn es der Mutter das Herz bricht.

In einer dezent geschilderten Erzählung über eine irische Allerweltsgeschichte lässt Tóibín mit epischer Kompetenz die Erkenntnis Thomas Wolfe´s, You Can´t Go Home Again, in die Handlung einfließen, ohne dass er Klischees und emotionales Inflationsmaterial bemühen müsste. Er kommt gänzlich aus ohne das Drama, obwohl die Handlung dramatischer nicht sein könnte für die junge Eilis, deren Geschichte stellvertretend für Hunderttausende steht, die Nation und familiäre Bindungen hinter sich ließen, um in einer fremden Welt zu überleben.