Schlagwort-Archive: Blues

Traditionell und zeitgenössich

Mariza. Fado Tradicional

Marisa dos Reis Nunes, heute in ganz Portugal und vielen Teilen der Welt schlicht unter dem Namen Mariza bekannt, wurde 1973 in Mozambique geboren. Sie ist Tochter eines Portugiesen, ihre Mutter stammt aus Mozambique, insofern trägt sich die Geschichte des portugiesischen Kolonialismus in sich. Mit drei Jahren kam sie nach Portugal, wo sie aufwuchs wie die dortige Generation. Früh wurde sie entdeckt als passionierte Sängerin, ihre ersten Erfahrungen machte sie mit Jazz und Soul. Erst auf einem Konzert in Kanada entdeckte sie die Wirkung des Fado auf sich. Seitdem ist sie ihm verfallen.

Fado, abgeleitet aus dem Lateinischen Fatum, ist die künstlerische Entsprechung Portugals auf alles, was mit Schicksal bezeichnet wird. Zum Tragen kommen im Fado, der deutliche Zeichen arabischer Tonfolgen aufweist und in der typischen Besetzung, wie beim benachbarten spanischen Flamenco, aus Gitarre und Gesang besteht, die Gefühle um Saudade, d.h. alles, was den Weltschmerz betrifft. Daher wurde der Fado auch immer wieder mit dem Blues verglichen, was sicherlich aufgrund der thematischen Analogien wie der musikalischen Melancholie nicht von der Hand zu weisen ist.

Mariza eroberte Portugal im Sturm. Ihr gelang es, vor allem auch junges Publikum für diese Musikform zu begeistern, die zwar immer noch in den Bars und Kneipen von Lissabon und Coimbra lebt, aber nicht den Sprung in die neuen Distributions- und Konsumformen der Musikindustrie geschafft hat. Mit Fado Curvo, Transparente und Terra brachte sie im Laufe des letzten Jahrzehnts Alben heraus, die den Bogen von der alten Botschaft zur neuen Befindlichkeit vermochten zu spannen. Das Concerto Em Lisboa im Jahre 2006 verschaffte ihr endgültig den Durchbruch. Heute wird ihr Name bereits in gleichem Atemzug mit der historischen Ikone des Fado, Amalia Rodrigez, genannt. Mariza gilt als die heutige, zeitgenössische Stimme des Fado.

Ihr neuestes Album, Fado Tradicional, ist folglich das, was sie sich aufgrund ihrer Position leisten kann. Sie darf es wagen, die alten Weisen des Fado anzustimmen, ohne Blasphemie zu betreiben. Denn, ähnlich wie im Blues, es gelten strenge Gesetze, was die Inszenierung anbetrifft und das Publikum ist in großen Teilen wertkonservativ. So gehen die insgesamt 11 Titel durch das Kompendium des traditionellen Fado wie eine pädagogische Führung. Der Auftakt beginnt mit Fado Vianinha, einer Hommage an die Melancholie schlechthin. Promete, Jura, das zweite Stück, beschreibt den Lauf der Welt, der sich nicht von der Banalität des Individuums beeinflussen lässt. As Meninas Dos Meus Olhos verweist auf die Nonchalance, die dem Individuum zur Verfügung steht, um durch den Alltag zu kommen. Mais Uma Lua wiederum verweist auf den Gestus der Unausweichlichkeit des Schicksals. Die Stücke, die nicht nur unterschiedliche Themen des Fado aufgreifen, sind aus den verschiedenen Hochburgen des Fado entlehnt und geben somit eine beeindruckende Kartographie dieses Genres. Boa Noite Solidao zum Beispiel demonstriert, wie weit es der Fado gebracht hat, denn dieses Stück könnte nächtens an einem brasilianischen Strand spielen, und Desalma hat Qualitäten, den der benachbarte Flamenco bietet.

Wer sich dem Fado nähern will, oder sich einmal der ganzen Gemütslage dieses Genres auszusetzen bereit ist, ohne sich wie in einem muffigen Archiv zu fühlen, der sollte sich in die Arme Marizas begeben, wenn sie den Fado Tradicional intoniert.

Die Leichtigkeit des Blues

Keb Mo. Bluesamericana

Der Blues in den USA war immer zeitgenössische Musik. Nie, wirklich nie eignete er sich zu einem musealen oder sakralen Genre. Dort, woher er kam, sollte er denen, die ihn spielten und denen, die ihn hörten, etwas Freude bereiten. Ihre schicksalhaften Hände waren vom Baumwollpflücken geschwollen und nicht mit Rosenöl behandelt. Meistens trafen sie sich zunächst heimlich, sangen von ihrem Alltag und dann, wenn die Stimmung etwas besser wurde, ließen sie es so richtig krachen. Der amerikanische Blues hat wahrscheinlich mehr Kinder gezeugt als alle anderen Musikrichtungen zusammen und wohl kaum eine Gattung hat zu derartig vielen Toten aufgrund ungesunder Lebensweise geführt wie der Blues. Das Bild, das in Europa über den Blues entstand, ist weniger lasterhaft und freudvoll. Aber das entspricht nicht der Sichtweise in seinem Mutterland.

Keb Mo ist so einer, der gar nicht in das Bild des Bluesers passt. Weder kommt er aus dem Mississippi-Delta oder Chicago, wohin die meisten zogen, wenn sie von der Landwirtschaft in die Industrie wollten. Ausgerechnet im leichten und ausgeflippten Kalifornien geboren, hat Kevin Moore, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, sich zwar immer zu der Blues-Ikone überhaupt, Robert Johnson, bekannt, aber dieses Bekenntnis immer mit einem Schuss Calypso und etwas Soul angereichert. Keb Mo, ein zweifelsohne guter Gitarrist und Sänger, wurde nie einer der großen Vertreter des amerikanischen Blues. Aber er ist ein großer Unterhalter, und zwar in der Tradition des Blues.

Daher ist es alles andere als verwegen, dass Keb Mo sein neues Album so ganz nonchalant Bluesamericana genannt hat. Denn es ist Unterhaltung auf hohem Niveau, es ist Blues pur, aber ohne die vielleicht in den weißen Kreisen so gerne eingeforderte Schwere. Alles ist leicht und tanzbar, alles geht von der Hand und versetzt die Hörerschaft in gute Stimmung. Genau das, was der Blues leisten sollte in Bezug auf Erholung und Lebensfreude ist auf den insgesamt 10 eingespielten Stücken zu hören. Und alles geschieht mit einem wissenden Augenzwinkern. Ob das der Einstiegstitel ist mit The Worst is yet to Come, I´m Gonna Be Your Man oder um For Better or Worse handelt. Das, was ansonsten textliche Botschaften enthält, um die Hörerschaft herunterzuziehen, kommt bei dem Kalifornier immer wie unerschütterliche gute Laune. Selbst bei Move, wo der Landlord die Besitzlosen wie so oft brutal auf die Straße wirft, antwortet Mo mit dem musikalischen Konzept eines beschwingten Reframing. Warum eigentlich nicht? Nimm das Leben, wie es kommt, es ist kurz, und sowohl das Lamento wie das Zögern kostet nur Zeit. Mach dein Ding!

Keb Mo ist ein zeitgenössischer Interpret des Blues, der ihn im wahren Sinne des Wortes bewahrt und weiterentwickelt. Er hat nicht das Charisma eines John Lee Hooker, der mit seinem Schuhabsatz ganze Stadtbezirke in Schwingung versetzen konnte. Aber er vertritt das Konzept eines Lebensgefühls, das sich nicht nur in den Armenvierteln des Mississippi-Deltas entwickelt hat, sondern in allen Zonen und Temperamenten des Landes beheimatet ist. Deshalb ist es echt. Und deshalb ist der Titel Bluesamericana auch keine Anmaßung. Er rückt das Bild auf den Blues in Europa etwas zurecht. Aber das war bestimmt nicht Keb Mos Absicht. Er wollte etwas gute Laune machen. Das ist ihm ohne Zweifel gelungen.

Altes in besonders gelungener Form

The Robert Cray Band. In My Soul

Mit Nothin But Love meldete er sich nach langen Jahren der relativen Stille im Jahr 2012 zurück. Das Album war eine Referenz an die Wurzeln und eine Hommage an den Süden. Dort scheint Robert Cray nun wirklich angekommen zu sein. Der Mann aus Georgia, 2011 in die Hall of Fame des Blues aufgenommen, hat zur Sprache zurück gefunden und intoniert den Blues nicht wie in alten Zeiten, sondern er hat ihn angereichert mit den Silben des Soul, der Stimme des alten amerikanischen Südens schlechthin. In My Soul heißt das neue Album daher wohl nicht umsonst. Nach Nothin But Love eine zweite CD in kurzer Zeit. Und, um es gleich zu sagen, beide haben hohe Qualität und bilden keine Redundanz, wenn man sie besitzt.

You Move Me, der erste Song, kommt nah an das heran, was an Robert Crays Schaffenszeit in den achtziger und neunziger Jahren erinnert, eine melodiöse Form des Blues mit Gitarrenriffs, die bei jedem anderen markige Zäsuren wären, während sie bei Cray irgendwie sanft und hübsch anzuhören sind. Nobody´s Fault But Mine, der nachfolgende Titel, ist eingespielt mit einem Bläsersatz, der in nostalgischen Intonationsmustern an die gute alte Zeit auf dem Chitlin´ Circus erinnern, als die Bands noch mit warmem Bier und Soulfood bezahlt wurden. I Guess I´ll Never Know ist dann Soul pur, textlich wie musikalisch, eine Liebeserklärung an die Ungewissheit, eine Hommage an die melancholische Lebensweise, ein Flirren in den Mangrovenwäldern. What Would You Say erinnert mehr an Otis Redding als an die Jetzt-Zeit, wer Authentizität liebt und nicht alles dem Preis des Neuen zu opfern bereit ist, der wird dieses Stück lieben. Und der Titel Hip Tight Onions ist ebenso wenig ein Zufall, erinnert er doch an die schwerelose Profanität eines Booker T.. You´re Everything hingegen ist der von einer schwirrenden Gitarre getragene Blues, wie er nur im Süden zu hören ist. Und auch Deep in My Soul ist eher Retro, eine Reminiszenz an die Musik, die Cray wohl hörte, als er nach Norden aufbrach, um mit seiner Gitarre die urbanen Zentren zu erobern.

Robert Cray hat mit In My Soul ein Album aufgenommen, das in noch stärkerem Maße als Nothin But Love auf die Rückkehr zu den Wurzeln verweist. In My Soul ist eine Rückschau auf die Elemente des Blues und Soul, die Cray selbst mitnahm auf seine Reise in den Norden und die im Süden die Zeit überdauert haben. Lebensweise wie Seele kommen in diesen insgesamt 11 Songs zum Ausdruck und Robert Cray verleiht ihnen durch seine Stimme, die tropisch weich daher kommt, einen nahezu heimatlichen Ton. Dazu kommt seine nie herausgestellte Virtuosität auf der Gitarre, die elektrisch flirrt, Gewitter ahnen lässt, aber immer ohne Verzerrungen die Melodie zum Vorschein bringt. Das hört sich alles ganz leicht und spielerisch an, ist aber ohne Können, Seele und Empathie nicht machbar. In My Soul ist nichts Neues, aber Altes in besonders gelungener Form. Und was gut klingt und die Seele anspricht, das musst du nicht ändern. Es sei denn, du hast den Sinn des Lebens nicht verstanden.