Joe Lovano. Cross Culture
Auch wenn es zuweilen so erscheint, als habe er mit dem New Yorker Village Vanguard einen Stronghold, mit dem er sich begnüge, sollte der innovative Impuls des Joe Lovano nicht unterschätzt werden. Seine teilweise herausragenden Alben der letzten fünfzehn Jahre zeugen nicht nur von einer großen Reife seiner Spielweise, sondern auch von einer beeindruckenden Offenheit. Genau dieses ansonsten beobachtete Manko ist es, woran sich die Kritik des zeitgenössischen Jazz immer wieder reibt. Entweder, so der nicht ganz unberechtigte Vorwurf, übt sich ein zwar exzellent spielender, aber ideenmäßig nicht sonderlich kreativer Nachwuchs an den großen Partituren der Standards, oder es agieren die Akademiker des Jazz, die technisch perfekt auch kompositorisch neue Welten erschließen, die ihrerseits an Abstraktion nicht mehr zu überbieten sind und deren soziale Dimension unter den Notenständer fiel.
Joe Lovano, der Italo-Immigrant aus Ohio, passt aufgrund seiner Biographie ebenso wenig ins Klischee wie sein Zugang zum Jazz. Ohne Zweifel geprägt vom Bebop, zählt er heute wohl zu den renommiertesten Vertretern des Modern Post-Bebop. Zu verdanken hat er dieses seiner unglaublichen Offenheit gegenüber Tradition und Experiment. Machte er bereits Ende des letzten Jahrtausends durch sein erstaunliches Album Celebrating Sinatra (1997) auf sich aufmerksam, so sind die letzten drei Alben eine logische konsistente Aussage zur Programmatik des Modern Post-Bebop. Mit Folk Art (2009) erwies er seine Referenz den melodischen Fragmenten des Folk und des Infantilen, mit denen der Bebop immer wieder spielte und die zum Zentrum der ihm eigenen improvisatorischen Akrobatik wurden. Mit Bird Songs (2011) griff Lovano den Gedanken wieder auf und transkribierte die Virtuosität Charlie Parkers in die zeitgenössische Welt des Hörens. Nun, mit seinem neuen Album Cross Culture (2013) zeigt uns Lovano, worin das Mysterium zwischen Innovation und Tradition besteht.
Cross Culture ist nicht nur folgerichtig, sondern auch zukunftsweisend. Mit seiner Band UsFive changiert Lovano die beiden Pole des gestaltenden Seins. Phänomenale Phasen des Albums, das insgesamt 11 Titel umfasst, sind unter anderem Myths and Legends, eine chromatische Lyrik mit dissonanten Schlusspunkten. Gefolgt von dem Titelsong Cross Culture, der seinerseits durch die Koexistenz harmonischer Akkordfolgen und experimentaler Improvisationspassagen besticht. Oder Drum Chant, eine zweifelsohne gewollte Refrenz an den in den Metropolen immer wieder präsenten Tribalismus, der mit seiner archetypischen Rhythmik durchaus Aufschlüsse über die Mysterien der Postmoderne zu liefern imstande ist. Modern Man wiederum ist eine ebenso getriebene wie unterbrochene Hommage an die Perfektion des Augenblicks und die Hilflosigkeit mit Blick auf das Gesamtkonzept. Und PM setzt den Schlusspunkt unter diesen Dialog von multi-kontinentaler Tradition und metropolitaner Moderne. Die Stärke dieses Arrangements besteht aus der treibenden, subkutanen Perkussion und der fragmentarischen Geschwindigkeitsaphoristik von Lovanos Saxophon. Es wird deutlich, dass die Triade Folk Art, Bird Songs und Cross Culture noch nicht den Schlusspunkt gefunden hat, sondern dass die gedanklichen Assoziationen über die Weiterentwicklung des Genres bereits in vollem Gange sind.
Das bisherige Projekt Lovanos, den Bebop von den Wurzeln bis in die Postmoderne zu illustrieren, ist mit Cross Culture erst richtig deutlich geworden. Für alle, die die Überzeugung teilen, dass dieses Genre immer noch der Impulsgeber für jegliche Innovation des Jazz ausmacht, ist es ein Muss. Das ist umso billigender in Kauf zu nehmen unter Berücksichtigung von Lovanos Brillanz und der Empathie von UsFive.
