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Das Rennen mit dem Teufel und die dynamische Stabilität

Die Geschichte ist zu schön, als dass sie nicht erzählt werden sollte. Eine der Legenden um die Erfindung des Schachspiels erzählt, dass es ein armer Bauer war, der es erfand und es seinem Herrscher schenkte. Als dieser, begeistert, ihn fragte, welchen Wunsch er ihm dafür erfüllen könne, antwortete dieser scheinbar sehr bescheiden, er wolle, dass seine Familie nicht mehr hungern müsse. Und als der Herrscher ihn fragte, was er dafür benötige, antwortete er: Legt mir auf das erste Feld des Spiels ein Weizenkorn, auf das zweite die doppelte Menge etc. Es sei dir gewährt, antwortete da der Herrscher und machte den Bauern zu einem unermesslich reichen Mann. Der Herrscher hatte die Exponentialfunktion unterschätzt und war in hohem Maße aus dem Gleichgewicht geworfen, als ihm Tage später seine Rechenmeister eröffneten, sie hätten die Menge noch nicht zusammen, denn sie benötigten 18,45 Trillionen Weizenkörner.

Und so wie es dem Herrscher erging, scheint es auch den modernen Zivilisationen zu gehen bei der Betrachtung der Beschleunigung im Bereich der technischen Innovationen, die ihrerseits flankiert werden von einem ebenso akzelerierenden Welthandel und der ökologischen Reaktion, sprich dem Klimawandel. Es lässt sich nachzeichnen, dass seit dem Mittelalter eine grundlegende Innovation mehrere Hundert Jahre brauchte, um sich global durchzusetzen, zur Zeit der Aufklärung waren es relativ präzise Hundert Jahre, während und mit der Industrialisierung, inklusive bis zum II. Weltkrieg dauerte es eine Generation und nach dem II. Weltkrieg wurde es dramatisch schneller, bis zur Jahrtausendwende waren es dann 15 Jahre und nach dem revolutionären Jahr 2007 (Google, iPhone etc.) kann mit sieben Jahren gerechnet werden, die eine Innovation braucht, um bereits nicht mehr aktuell zu sein. Das heißt, sie ist global in ca. 2 Jahren adaptiert und verbreitet, sie beherrscht die Prozesse bis zum fünften Jahr und erhält dann bereits Konkurrenz von den Prototypen der bevorstehenden neuen Innovationswelle.

Damit nicht korrespondiert eine zweite Entwicklung, die die kulturelle und zivilisatorische Adaption der neuen technologischen Entwicklung genannt werden muss. Auch diese hat sich beschleunigt, aber längst nicht in dem Maße wie die technische. Und darin liegt ein gravierendes Problem. Es geht dabei darum, wie schnell die Menschen und ihre Gesellschaften es lernen, mit den neuen Technologien umzugehen, und zwar im Sinne ihrer technischen Beherrschung wie in ihrer gesellschaftlichen Handhabung. D.h. die Lernformen und die Lehrinstitutionen, über die wir verfügen, halten genauso wenig Schritt mit diesem Tempo wie die Legislative. Allein die Dauer betrachtet, wie lange ein Gesetz braucht, allein von der Initiative bis zur Gültigkeit, wird klar, dass manche Gesetze dann Geltung bekommen, wenn die neue Herausforderung durch eine grundlegend neue technologische Innovation vor der Tür steht. Es ist ein Rennen mit dem Teufel.

Die Schlussfolgerung, die daraus gezogen werden muss, ist die, alles dafür tun zu müssen, um die Lernformen wie die politische Handhabung dessen, was unter technischem Fortschritt im Simultanschritt mit der Verbreitung auf dem Weltmarkt und den Auswirkungen auf die Ökologie im Raum steht und sich entwickelt, ihrerseits zu beschleunigen. Das bedeutet, dass es so etwas wie Stabilität gar nicht mehr geben kann, sondern dass von einer Art dynamischen Stabilität gesprochen werden muss, die Prinzipien im Auge hat, die zuweilen auch in der Lage sind, der Beschleunigung zu trotzen. Aufzuhalten wird sie nicht sein. Und von der Dimension, die das menschliche Verhalten in diesem Spiel ausmacht, ist noch nicht einmal gesprochen.

In der Arena des gesellschaftlichen Diskurses

Nicht, dass alles entspannt wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Die Auflistung der Irrungen, Wirrungen und Verwerfungen ist lang. Das, was lange Zeit als geordnete Verhältnisse bezeichnet werden konnte, gehört längst der Vergangenheit an, obwohl auch das immer eine Frage des besonderen Blickwinkels ist. Der Blick auf die Welt hat immer etwas mit den eigenen Interessen und Befindlichkeiten zu tun. Manchmal wirken Geschehnisse aus anderen Teilen der Welt als nicht sonderlich interessant, manchmal erregen sie die Gemüter. Es fragt sich, wie das kommt. Vieles hängt damit zusammen, wie man es erfährt. Jetzt, zum Beispiel, im Falle Aleppos, tobt ein Sturm der Entrüstung, der verständlich ist, weil organisiert herbei geführtes menschliches Leid immer eine Tragödie ist. Aber, warum hinterlässt das Drama, das sich gleichzeitig im Jemen abspielt, eine Arktis der emotionalen Kälte? Ja, es sind immer die Interessen, die dabei eine Rolle spielen. Fragt sich nur, wessen Interessen es sind, die dazu aufrufen, im einen Fall medial zu mobilisieren und im anderen die Nachrichtensperre zu verhängen.

Die deutsche Gesellschaft befindet sich an einer Wegmarke. Vieles, was als geregelt galt, ist ins Wanken geraten. Das bestürzt viele, es beinhaltet auch Chancen. Manches spricht dafür, dass ein „Weiter so!“ in eine Katastrophe führen kann. Die Befindlichkeit in diesem Land orientiert sich sehr an dem Begriff der Stabilität. Sie ist es, die nicht mehr existiert. Sie existiert in den meisten Ländern dieser Welt schon lange nicht mehr. Überall, egal in welchem Winkel, macht sich die Beschleunigung breit. Die Beschleunigung durch Technik, die Beschleunigung von Verfahren und die Beschleunigung der Vergänglichkeit. Da ist es ratsam, sich gut zu überlegen, wie damit umgegangen werden soll, wenn nicht das Gefühl entstehen soll, getrieben zu sein.

In einer Zeit, in der sich der herrschende Geist als so weit entwickelt wie nie wähnt, ist es schon enthüllend, wenn plötzlich aus dem Fortschreiten der Weltbewegung so etwas wie Ratlosigkeit resultiert. Da kann etwas nicht stimmen. Und, diese These sei erlaubt, die Ratlosigkeit, die existiert, kommt aus dem Größenwahn, der im Rausch des Tempos entstanden ist. Er hat es zu einer bequemen Erscheinung gemacht, nicht mehr zu reflektieren, was eigentlich vor sich geht. Woher kommen die Impulse, was bezwecken sie und in welchem Verhältnis stehen diejenigen zu der erzeugten Energie, die davon betroffen sind? In einer Zeit, in der sich Feuilletonisten ohne Massenprotest selbst zu Philosophen erklären, ist es nicht verwunderlich, dass große Menschenmassen in der Orientierungslosigkeit versinken, ohne das die Hoffnung aus Abhilfe existierte.

Die in Stein gemeißelten Fragen einer jeden Philosophie, die sich drehen um so Schlichtes wie „wer sind wir?, wohin wollen wir?, was ist der Zweck unseres Handelns?, und welchen Werten folgen wir?“, sie sind kollektiv ausgeblendet, weil sie Elementares ans Tageslicht fördern. Ihre Erörterung würde dazu führen, vieles, das vor sich geht, in einem anderen Licht zu sehen und die Triebkräfte der Veränderung kritisch unter die Lupe zu nehmen. Letztendlich würde sich erweisen, dass wir uns in dem größten Prozess der Entmündigung befinden, der jemals stattgefunden hat. Und er nimmt seine Bahn, und das ist das Phänomen, ohne dass es denn meisten bewusst wäre, dass es so ist. Dieser Prozess kommt ohne Waffengewalt daher, und das kann er, weil kein kollektives Bewusstsein gegen ihn steht. Der klare Verstand, der sich selbst versichert, dass es in der Geschichte immer ein Subjekt und ein Objekt gibt, dieser klare Verstand ist es, der zurück geholt werden muss in die Arena des gesellschaftlichen Diskurses.

Beschleunigung bei gleichzeitiger Amnesie

Die Beschleunigung und die damit verbundene Kurzatmigkeit der kapitalistischen Produktion hat Folgen. Langfristig ändert sich das Verhältnis zu Werten generell, wenn diese in der materiellen Welt immer schneller vergehen. Ebenso schwindet die Achtung vor Bestand und Tradition. Alles, was längere Perioden übersteht, geht mit dem Stigma der Langeweile und des Ermüdeten daher. Kein Wunder, dass einer der Slogans, der mit dem Hochstadium der Verwertungsgesellschaft verpaart ist, der des Forever Young ist. Nicht, dass frühere Gesellschaften nicht von der Ewigen Jugend geträumt hätten, die massenhafte und maskenhafte Vermarktung gelang jedoch nur in der Jetztzeit. Die im globalen Vergleich gravierendste Folge der kapitalistischen Akzeleration hat auch etwas mit der Zeit zu tun. Es ist die Beschleunigung des geschichtlichen Denkens bei gleichzeitiger Amnesie.

Die Vorstellung, alles, was im Hier und Jetzt passiert, sei aus sich selbst heraus zu erklären und es sei nicht notwendig, die Entwicklung über längere historische Phasen zu ende zu denken, kann als das Symptom der, nennen wir es, historischen Malaise des gegenwärtigen Abendlandes gelten. Um dieses zu illustrieren und in seiner Dramatik deutlich zu machen, sei noch einmal die Anekdote erzählt, die keine ist: Henry Kissinger fragte bei der Annäherung Chinas und der USA beim ersten Besuch Nixons in China den damaligen Außenminister Tschou En-lai bei einem Bankett, was von der Französischen Revolution und dem mit ihr dahergehenden Sieg des Individualismus halte. Tschou En-lai reagierte schockiert auf diese Frage mit dem Hinweis, das zu bewerten sei noch viel zu früh, das Ereignis liege gerade einmal 200 Jahre zurück.

Im Kontext der heutigen Diplomatie und der mit ihr aufkommenden Fragen ist das von dem chinesischen Außenminister dieser Zeit formulierte historische Bewusstsein eines, das in der westlichen Tagespolitik keine Rolle spielt. Wer einen Einblick in die Planung längerer historischer Zeiträume aus westlicher Perspektive bekommen will, muss sich schon in die Labore der amerikanischen Think Tanks begeben. Das, was dort allerdings zu sehen ist, ist imperial und nicht für europäische Augen bestimmt. Ansonsten ist es mit dem Visionären, dem das Stigma des Unseriösen anhaftet, nicht gut bestellt. Dabei täte allem, was zum Beispiel innerhalb der EU geschieht, ein Verhältnis zu einer weitergemachten Zukunft mehr als gut.

Mit dieser Geschichtslosigkeit korrespondiert die unaufhaltsame Auflösung des historischen Bewusstseins bei jenen, die durch Wahlen ein politisches Mandat in die Hände derer geben, die gerne wegen allem Möglichen kritisiert werden, ohne die notwendige Wechselwirkung mit den Auftraggebern zu reflektieren. So, wie die demoskopischen Institute es immer wieder dokumentieren, besteht gar kein Wunsch nach historischer Dimension. Das liegt unter anderem daran, dass das Fach Geschichte in den Schulen kaum noch eine Rolle spielt und innerhalb der Familien das Narrativ des Erlebten faktisch nicht mehr existiert. Vorbei die Zeiten, als Großeltern oder Eltern am gemeinsamen Tisch noch erzählten, wie ihnen die Weltgeschichte konkret widerfahren ist oder unter welchen Produktionsbedingungen sie ihr Dasein fristen mussten. Die Einen können nicht mehr erzählen, die Anderen wollen nicht mehr hören.

Doch wer glaubt, dass der Zustand der kollektiven Amnesie ein weltweites Phänomen ist, der wird gerade in diesen Tagen eines Besseren belehrt. Nicht nur in China, in vielen anderen Regionen der Welt sind die Erlebnisse von mindestens einem halben Jahrtausend im kollektiven Gedächtnis festgebrannt. Es sind die Erfahrungen mit dem Kolonialismus, der das Handeln vieler Länder treibt, die seit gerade einmal fünfzig bis siebzig Jahren unabhängig sind. Weil der Westen sich nicht mehr erinnert, scheint er nicht zu verstehen.