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Vom Prekariat des Gutmenschentums

Bertolt Brecht. Der gute Mensch von Sezuan

Der gute Mensch von Sezuan entstand in den Jahren 1938 – 1940. Das Stück wurde als Parabel vorgestellt und 1943 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Die erste geschriebene Fassung erschien 1953. Die Daten von Entstehung, Aufführung und letztendlicher Publikation verdeutlichen die widrigen Umstände. Der II. Weltkrieg und das Dasein als Exilant erschwerten alles. Bertolt Brecht ließ sich dennoch nicht davon abbringen, ein bis heute virulentes Thema zu erörtern, sondern das in Jahrzehnten gereifte Konzept des epischen Theaters in seiner Komplexität auf die Bühne zu bringen.

Vom Verfremdungseffekt bis hin zu der immer wieder deutlich werdenden Botschaft, dass das ferne chinesische Sezuan stellvertretend stünde für alle Verhältnisse, in denen Ausbeutung und die dazu gehörenden Besitzverhältnisse menschliches Verhalten prädestinieren. Jeder Akt und jede Szene des Stückes stehen für sich selbst und die einzelnen Module sind Bestandteil eines Ganzen. Anhand von Regieanweisungen, Requisiten und schauspielerischen Gesten wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich um ein Lehrstück handelt, das das Thema diskursiv einkreisen soll und vor allem verhindert, die Zuschauer in das Reich der Illusion entfliehen zu lassen.

Der gute Mensch von Sezuan ist die Prostituierte Shen Te, die durch die unerwartete Gabe von Göttern, die hinunter ins Irdische gekommen sind, um nach einem guten Menschen zu suchen, zu einem kleinen Auskommen kommt. Sie verstrickt sich immer wieder in prekäre Situationen, solange sie als guter Mensch handelt. Ihr Mitgefühl, ihr Altruismus und ihre Solidarität lassen sie immer wieder an den harten Mechanismen der wirtschaftlichen Gesetze scheitern. Jede gute Tat rächt sich an der gänzlich anderen Logik des Kapitalismus. Indem Shen Te gut handelt, untergräbt sie die Wurzeln der eigenen Existenz.

Das alter ego Shen Tes ist Shui Ta, ihr den anderen handelnden Personen vorgespielter Vetter, der, sobald sie entschwindet, das wirtschaftliche Chaos, das sie angerichtet hat, mit der eisernen Logik des Geschäftsmannes wieder in Ordnung bringt. Während Shen Te bei den Bedürftigen zu einem Mythos wird, bringt Shui Ta diese gegen sich auf. Und sobald Shui Ta wieder verschwindet, erscheint der gute Mensch Shen Te.

Die Götter, die weiter auf der Erde herumirren und zusehends von dem Chaos ramponiert daher kommen, werden zusehends zu einem Zeugnis ihrer eigenen Überforderung. Sie verstehen die Welt, an deren Bonität sie glauben wollen, nicht mehr und sind mehr und mehr lädiert wie enerviert.

Der Widerspruch von Shen Te und Shui Ta wird zum Schluss des Stückes aufgelöst, indem sich herausstellt, dass es sich um ein und die selbe Person handelt. Diese Erkenntnis bezieht sich auf die agierenden Personen auf der Bühne, aber nicht auf das Publikum, weil dieses in die Doppelexistenz längst eingeweiht ist. Und die Götter, die von der Gravität der wirtschaftlichen Mechanismen überfordert sind, entfliehen, einen faulen Kompromiss suggerierend, überfordert in die himmlischen Sphären zurück.

Der gute Mensch von Sezuan ist, analog zur Heiligen Johanna der Schlachthöfe, eine dezidierte Religionskritik. Im letzteren Stück wird die Instrumentalisierung des Charity durch die Herrschenden thematisiert, im guten Menschen von Sezuan die Überforderung der Religion bei der Erklärung der kapitalistischen Produktionsweise. Letztere wird auch zum zentralen Thema bei der Erklärung der Dialektik von Gutmenschentum und Ruin. Der gute Mensch kann in den Verhältnissen, so wie sie sind, wirtschaftlich nicht existieren. Und folgt er der wirtschaftlichen Logik, so kann er nicht mehr gut sein. Der gute Mensch von Sezuan bringt diese Aporie auf den Punkt.

Die Harmonie von Wall Street und Charity

Bertolt Brecht. Die Heilige Johanna der Schlachthöfe

Kurz nach dem großen Börsencrash in der New Yorker Wall Street schrieb Bertolt Brecht 1929/30 Die Heiligen Johanna der Schlachthöfe. Auf die Bühne konnte das Werk in Deutschland nicht mehr gebracht werden. Die Uraufführung kam erst 1959 in Hamburg unter der Regie von Gustav Gründgens zustande. Bertolt Brecht wandte sich mit dem Stück den konkreten wirtschaftlichen Auswirkungen des internationalen Finanzkapitalismus zu. Dass er sich als Ort der Handlung die Fleischfabriken Chicagos aussuchte, hatte zweierlei Gründe. Zum einen entsprach der Ort seiner Konzeption von geographischer Ferne, um Verhältnisse, die ebenfalls sein eigenes Publikum betrafen, aus der direkten Hitze der örtlichen Auseinandersetzungen zu nehmen, um der kühlen Reflexion mehr Raum zu geben. Zum anderen standen die Schlachthöfe Chicagos für die schamloseste Variante kapitalistischer Ausbeutung. Bereits 1906 hatte der Amerikaner Upton Sinclair mit seinem Roman Der Dschungel weltweites Entsetzen über die dortigen Verhältnisse ausgelöst.

Die Heilige Johanna der Schlachthöfe geriet zu einem sehr komplexen Stück, das in der Folge und bis heute in mancherlei Hinsicht das Publikum überforderte. Ursache dafür war die Absicht, gleich zwei essenzielle Fragen in den Fokus zu stellen. Es ging Brecht um die börsengesteuerte Funktionsweise von Angebot und Nachfrage sowie um die Erörterung der Wirkung von religiös motivierter Wohltätigkeit. Beides wird von den beiden Protagonisten, der anfangs im Auftrag der Heilsarmee agierenden Johanna und dem Fleischspekulanten und Börsianer Mauler personifiziert. Ihre Interaktion ist das reflektierte Zentrum des Stücks. Während Johanna an Mauler herantritt und ihn um die Öffnung der Fabriken für die ausgesperrten Arbeiter bittet, versucht dieser, den Zeitpunkt seiner Entscheidungen mit den für ihn jeweils wirtschaftlich günstigsten Wirkungen zu koordinieren.

Die zunächst religiös motivierte Johanna gerät in der laufenden Handlung immer mehr in Zweifel, weil sie die Abhängigkeit ihrer eigenen Organisation von den agierenden Kapitalisten begreift und sie die Ausweglosigkeit der Streikenden und ausgesperrten Arbeiter immer mehr motivieren, sich mit ihnen zusammenzuschließen. Doch dort begegnet sie aufgrund ihrer Vergangenheit bei der Heilsarmee großer Skepsis. Mauler, der immer wieder Dossiers von seinen Freunden der New Yorker Börse erhält, spielt sein Spiel, das auf Monopolbildung und maximalen Gewinn ausgerichtet ist. In einem solchen Konstrukt ist für ein Happy End kein Platz. Johanna begibt sich zu den streikenden Arbeitern ins Schneetreiben, bekommt eine Lungenentzündung und stirbt. Mauler, der immer wieder das Gebaren eines Börsentickerjunkies an den Tag legt, spielt das Spiel zu Ende. Er kauft alle Fleischvorräte auf und cornert sie, wie der Terminus für die künstliche Verknappung lautet, um sie später für Wucherpreise an die Hungernden verkaufen zu können. Als sein Deal gelingt, spendet er reichlich an die Heilsarmee, die ihrerseits die an diesem Widerspruch gescheiterte Johanna zur Heiligen erklärt.

Die Heilige Johanna der Schlachthöfe beschreibt die Funktionsweise des Raubtierkapitalismus in drastischer, aber treffender Weise. Gleichzeitig macht das Stück deutlich, dass die organisierte Wohltätigkeit Bestandteil dieses Systems und nicht dazu geeignet ist, die Verelendung der Arbeiter aufzuhalten. Ganz im Gegenteil, sie hält davon ab, sich der politischen Konsequenzen bewusst zu werden, die vonnöten sind, um das System der spekulativen Inszenierung von Angebot und Nachfrage zu überwinden.

Die Verbilligung von Produkten, um die Konkurrenz auszuschalten und dessen Cornern oder Horten, um den Preis nach Erreichung der Monopolstellung in die Höhe treiben zu können wie die Illusionserzeugung durch den Charity-Gedanken sind bis heute brandaktuell.

Lest die deutsche Literatur zum Thema Exil!

Als die Katastrophe hier in Deutschland ausbrach, in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, da gingen die Menschen sehr unterschiedlich damit um. Diejenigen, die an den Nationalsozialismus glaubten, waren voller Hoffnung und diejenigen, die nicht daran glaubten, gingen zunächst mehrheitlich davon aus, dass der Spuk sehr bald vorbei sei, angesichts des sehr jungen und zumeist unqualifizierten Personals, mit dem das III. Reich aufgebaut werden sollte. Wir wissen, dass alle falsch lagen bis auf diejenigen, die an diesem Spuk noch verdienten. Diejenigen, die nicht an das Reich der Rasse glaubten, duckten sich irgendwann ab, oder sie verschwanden in Lagern, wo sie irgendwann erschlagen, erschossen oder verbrannt wurden. Andere machten sich noch früh genug auf die Flucht. Wenn sie früh genug gingen, waren sie klug, andere, die erst später auf die Idee kamen, hatten es wesentlich schwerer. Auch wenn sie ihr Leben retteten, stand vor ihnen das beschwerliche Exil.

Das Exil war nichts, was in irgend einer Form romantisiert werden könnte. Die wenigen Stunden in dem berühmt gewordenen Sanary-sur-Mère, an der Code d´Azur, wo einst Thomas Mann eine Villa besass, bezeugen nicht das, was das Exil für viele bedeutete. Sie verloren zumeist alles, ihre bürgerliche Existenz, ihr Hab und Gut, ihre sozialen Beziehungen und, was immer unterschätzt wurde, ihren Beruf. Und es gab sehr unterschiedliche Wege, wohin man sich aufmachte. Die einen zog es nach Amerika, gerne nach Nord, aber auch nach Süd, andere, von denen nicht so gerne berichtet wird, auch nach Osten. Thomas, Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, Oskar Maria Graf etc. gingen über New York in die USA, und ihr Geld und Ruhm entschied, wie es weiter ging. Thomas Mann und Lion Feuchtwanger residierten in großen Villen an der kalifornischen Westküste, weil sie schon vor den Nazis weltbekannt und berühmt waren und einen Teil ihre Vermögens retten konnten. Stefan Zweig arbeitete zwischendurch als Tellerwäscher, Oskar Maria Graf wohnte in Manhattans Norden unter Latinos, die einwanderten. Und es gab Betriebsräte und Kommunisten aus Zechen und Stahlwerken, die in die Sowjetunion gingen, um gegen Hitler zu kämpfen. Ihr Exil war irgendwo an der chinesischen Grenze in einer Waffenfabrik.

Diejenigen, die nicht doch irgendwann geschnappt wurden, in der Vergessenheit den Rest ihres Daseins fristeten oder aus Verzweiflung und Schmach Hand an sich legten, die Zeugnis ablegen konnten vom Elend des Exils, von den vielen, verzweifelten, intelligenten wie dummen, extravaganten wie armseligen Versuchen, dem Tod durch die Schergen eines Tyrannen zu entgehen, sie und ihre Zeugnisse, die verfügbar sind, sie sind aktueller denn je. In einer Situation, in der Hunderttausende von Flüchtlingen in unser Land kommen und das historische Wissen um die eigene Vergangenheit dem Konsumrausch und einem Befindlichkeitsdiskurs gewichen sind, sollten diese Bücher schleunigst gelesen werden. Es gibt sehr viele davon und sie sind gut: Exil und der Teufel in Frankreich von Feuchtwanger zum Beispiel, oder Der Vulkan von Klaus Mann, oder Transit von Anna Seghers, oder Der Weg nach unten von Franz Jung, oder Wir müssen weiter von Franz Mehring, oder Die Flucht ins Mittelmäßige von Oskar Maria Graf, oder, oder, oder. Wer einen Eindruck vom Grauen von Flucht und dem Elend des Exils erhalten will, sollte sich dieser Literatur, die unter dem Stichwort Exil in den Regalen der Bibliotheken steht, intensiv widmen. Sie öffnet die Augen für das, was momentan in unserem Land geschieht!