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Mussolinis Besteck

Wohin treibt das Land? Diese Frage stelle ich mir täglich neu. Nicht, dass ich mich selbst als ängstlichen Menschen bezeichnen würde. Bestimmte Tendenzen sind jedoch so deutlich, dass nichts Gutes zu erwarten ist, wenn nicht eine radikale Kurskorrektur stattfindet. Gestern noch erlebte ich einen jungen Mann, der mir seine Befürchtung mitteilte, dass seine Familie zerrissen würde, sollten Rechtsradikale an die Macht kommen und mit ihrem Programm der Remigration ernst machen. Einige Tage vorher hatte ich von einer langjährigen Freundin, deren Vater vor Urzeiten aus Asien gekommen war, eine Mail bekommen, in der ähnliche Sorgen formuliert waren. Es ist anzunehmen, dass viele unter den Tausenden von Demonstranten der letzten Tage tatsächlich von nackter Angst getrieben sind. Einmal abgesehen davon, dass zeitgleich die europäischen Innenminister ganz konkret an Plänen arbeiten, wie schnell und konsequent Abschiebungen organisiert werden können und dieser Umstand auch die genannte Zielgruppe nicht interessiert, ist die angenommene Bedrohungslage beim besten Willen nicht mit dem Realitätsgehalt zu füllen, wie dieses jetzt politisch und medial insinuiert wird. Intendiert hingegen ist ein Klima der Angst zu erzeugen.

Wenn ich die Entwicklung der letzten Jahre in den Blick nehme, dann sind verschiedene Bausteine der öffentlichen Wahrnehmung installiert worden, die eine massenpsychologische Wirkung haben. Die erste Welle der Angsterzeugung war die während der Corona-Epidemie. Ein Horror-Szenario jagte das nächste. Anstatt auf die eigenen Fähigkeiten und Institutionen zu setzen, wurde die Angstpflanze gesetzt, wo es nur ging und ein Bild innerer Feinde erzeugt, die für die Misere verantwortlich hätten sein sollen. Dann kamen nach der russischen Invasion in die Ukraine die Schmiede von Feindbildern zu einem Auftritt nach dem anderen. Jeder historische Kontext wurde ausgeblendet und die Bilanzen verbündeter Völkermörder totgeschwiegen. Es muss schließlich Einigkeit herrschen, wenn man sich vorbehalten will, an kriegerischen Operationen direkt beteiligt zu sein.

Wer mit Feindbildern und Ängsten arbeitet, um seine eigenen Positionen zu halten, beteiligt sich an einem Spiel, das nicht gut ausgehen wird. Es wird immer wieder gerne behauptet, die Deutschen hätten aus ihrer schrecklichen Vergangenheit gelernt. Angesichts dieser Entwicklung halte ich das für die größte Schimäre, die gegenwärtig durch die Köpfe wabert. Einmal abgesehen von der Einschätzung in dieser Hinsicht, die gegenwärtig im Rest der Welt außer in den Teilen, die an Kriegen verdienen, über Deutschland herrscht, nämlich tatsächlich nichts gelernt zu haben, ist die Selbsteinschätzung natürlich eine andere. Feindbilder wie Angst bleiben jedoch im Raum stehen. Sie sind der Humus, auf dem Wahn und Terror gedeihen.

Es ist ratsam, sich einmal anzusehen, wie ein Benito Mussolini das Zustandekommen seiner Herrschaft beschrieben hat. Dort ging es nämlich um die Erzeugung von Feindbildern und die Verbreitung von Angst. Und Angst, so Mussolini, ist der Rohstoff, aus dem Hass erwächst. Und wenn dieser Prozess ausgelöst wird, dann gibt es kein Halten mehr. Und dann, so schätze er richtig ein, ist die Stunde der Faschisten gekommen. Wer also glaubt, er könne mit Feindbildern und Angst irgend etwas verteidigen, das verteidigenswert sei, der hat Mussolinis Besteck bereits in der Hand. Wer meint, er hätte damit etwas für die Demokratie getan, hat nichts, aber auch gar nichts begriffen. Die beste Referenz für die Demokratie ist gutes Gelingen.

Mussolini als Blaupause

Antonio Scurati, M. Der Sohn des Jahrhunderts

In der Werbung wurde davon gesprochen, dass Antonio Scuratis Roman „M. Der Sohn des Jahrhunderts“ das Buch sei, auf das Italien lange gewartet habe. Das mag so sein, aufgrund der historischen Brisanz und der brennenden Aktualität durch aktuelle politische Ereignisse in vielen Ländern dieser Welt hat die Periode von 1921 -1924, der Zeit der Machtergreifung durch Benito Mussolini und den Faschismus in Italien, auch woanders diese Wertigkeit verdient. Denn die Zeit, die Scurati in seinem Buch der Leserschaft noch einmal vor Augen führt, weist viele Deckungsmengen zu den aktuellen Verhältnissen auf.

Geschichte wiederholt sich nicht. Aber in der Geschichte existieren immer wiederkehrende Muster, aus denen man sehr gut für die Gegenwart und Zukunft lesen kann. Da ist zum einen eine Instabilität des existierenden politischen Systems, das den Anforderungen der Zeit nicht mehr gerecht wird. Da herrschen Unzufriedenheit und Existenzängste, da werden große Ansprüche formuliert, denen niemand mehr gerecht wird und da tauchen Figuren auf, die die fragile Situation wittern und selbst durch Charisma, Rhetorik und taktische Finesse ihren eigenen Wunsch nach der Erringung der absoluten Macht in greifbarer Nähe sehen.

Benito Mussolini war eine solche Figur, die sich weder um Traditionen noch einen zivilisatorischen Ethos scherten, sondern, geleitet von Allmachtsphantasien, sich mit den skrupellosesten und abgehängtetsten Elementen der Gesellschaft zusammentat, um seinem Ziel näher zu kommen. Stereotype, die sich historisch ebenfalls immer wiederholten, wie die Spaltung der Demokraten und die Finanzierung von Kriminellen durch die wirtschaftlich Mächtigsten, begünstigten nicht nur den Aufstieg dieses Maniaks, sondern sie ermöglichten ihn erst. Auch dazu liefert das Buch tiefe Einblicke. Während der Name Mussolini in den historischen Annalen seine Brandmarkung bereits erfahren hat, sind die der Pirelli, Agnelli und Conti nach wie vor in der Geschäftswelt als einflußreiche Kräfte präsent. 

Scurati erzählt die Geschichte dieser bedeutsamen Jahre multiperspektivisch. Die Leserschaft sieht verschiedene Blickwinkel. Selbstverständlich den Mussolinis, aber auch den so bedeutsamer Politiker wie Turati und Matteotti, er lernt etwas über die Denkwiese der letzten Repräsentanten des untergehenden Staates wie des fatal agierenden Königs und der letzten Staatspräsidenten. Unterbrochen wird die vielschichtige Erzählung durch Sequenzen aus der zeitgenössischen Berichterstattung, von den Organen des Faschismus, heute noch existierender bürgerlicher Zeitungen wie der sozialistischen und kommunistischen Presse. 

Psychosozial setzte Mussolini auf den Hebel, Angst in Hass zu verwandeln. Der markante Satz aus Scuratis Roman bringt es exakt auf den Punkt: „An der Wertpapierbörse der Habenichts wird jetzt das Schwermetall Angst gegen die hoch im Kurs stehende Währung tödlicher Hass getauscht.“ Eine Feststellung, die bei der Analyse gegenwärtiger Verhältnisse ein durchaus erschreckender wie wertvoller Hinweis ist.

Die Figur des Mussolini wird durchleuchtet und anhand seiner Handlungsweisen und sie unterlegenden Räsonnements entsteht das Psychogramm eines auf die absolute Macht fokussierten Verbrechers, dem kein Mittel, und natürlich auch nicht der massenhafte Mord, zuwider ist und der sich lustig macht über die Loyalität der politischen Konkurrenz zu dem bestehenden politischen System. So mutiert Mussolini in diesem Werk zu einer Blaupause für den faschistischen Rigorismus, der auch ohne das Emblem des Faschismus bis in die heutigen Tage fortlebt. Weder Ethos, noch Rationaliät oder Loyalität gegenüber Prinzipien sind solchen Figuren gewachsen. Die Conclusio ist ohrenbetäubend!

  • Herausgeber : Klett-Cotta; 3. Druckaufl. 2020 Edition (9. März 2020)
  • Sprache : Deutsch
  • Gebundene Ausgabe : 830 Seiten
  • ISBN-10 : 3608985670
  • ISBN-13 : 978-3608985672
  • Originaltitel : M. Il figlio del secolo