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Große Magie aus dem Bauch

John Coltrane. Olé Coltrane

Der große Erfolg für die Dimensionen des Genres war längst da. Nach den Bahn brechenden Aufnahmen mit Miles Davis war John Coltrane in kurzer Zeit zum Superstar des Jazz avanciert. Niemand zog mehr Publikum an, niemand genoss derartigen Kultstatus. Wegen John Coltrane erlebten die Musikschulen dieser Welt einen Ansturm von Saxophonschülern und sprengten damit alle Konzepte. Es sprach für den Virtuosen, dass ihn dieses Renommee nicht von seiner eigenwilligen Art, durch die Akkordfolgen zu jagen, abbrachte. John Coltrane erwachte erst aus dem Innovations- und Geschwindigkeitsrausch, als das relative Massenpublikum seinen extrem ausgedehnten Soloexkursen nicht mehr folgen konnte und wollte. Wie aus einem Traum gerissen, rieb er sich die Augen und nahm die Kritik ernst.

So kam es, dass John Coltrane, was anderes wäre undenkbar gewesen, mit den damals als creme de la creme geltenden Jazzmusikern am 25. Mai des Jahres 1961 in New York City ein Studio betrat um etwas einzuspielen, das Eingängigkeit und Exzentrik vereinte. Dabei wurde er begleitet von niemandem weniger als Eric Dolphy (flute & alto sax), Freddie Hubbard (trumpet), McCoy Tyner (piano), Reggie Workman (bass), Art Davis (bass) und Elvin Jones (drums). Mit dieser Band spielte Coltrane vier Titel ein.

Den Titel des Albums, Olé, gibt das erste Stück, bei dem eine vor allem von McCoy Tyner mit einer reduzierten Akkordfolge einen iberischen Rhythmus vorgibt, der Strenge und Temperament verbindet und durchaus an kompositorische Stilvorgaben Ravels erinnert, weil das Repetitive eine zentrale Rolle spielt. Dem Ensemble gelingt es, den Rhythmus über die gesamte Länge genau an der Grenze zwischen Ausbruch und Implosion zu halten. Sowohl Coltrane, der seine Exkurse mit dem Sopransaxophon bestreitet als auch Eric Dolphy und Freddie Hubbard bieten bei aller improvisatorischen Freiheit einen nachvollziehbaren Diskurs, der alles andere als ermüdend ist. Im Gegenteil, zusammen mit dem Rhythmus entsteht eine Magie, die ihres gleichen sucht. Die Rezeption des Albums in der ganzen Welt und in unterschiedlichen Kulturkreisen mögen nicht nur belegen, dass ein John Coltrane das Entree des Jazz zur Weltmusik beschaffte, sondern die ersten Stücke auch zu dem Gelungensten gehören, was je geleistet wurde.

Handelt es sich bei Olé sicherlich um das herausragendste Stück, das weltweit für schweißnasse Rücken sorgte, so sind Dahomey Dance, Aisha und To Her Ladyship allesamt Referenzstücke für den Coltrane, dem es gelang, sich trotz seiner nahezu kosmischen Improvisationsreisen wieder auf eine Verbindlichkeit festzulegen, die es andren erlaubte, noch mit ihm zu kommunizieren. Olé Coltrane ist eines der besten und wirkungsstärksten Alben der Jazzgeschichte. Und sitzt du in irgend einer Bar in den Tropen, von der Hitze niedergedrückt und fängst irgendwann an, dich rhythmisch zu bewegen, dann läuft bestimmt Olé!

Kongeniale Dialoge

thelonius monk quartet with john coltrane at carnegie hall

Als Thelonius Monk im Spätherbst 1957 den Saxophonisten John Coltrane zu einem gemeinsamen Konzert in der Carnegie Hall in New York City einlud, hatten beide bereits einen Namen. Monks Ensemble galt als routiniert, Musiker des Monk Quartetts wie Ahmed Abdul-Malik (bass) und Shadow Wilson (drums) hatten sich bereits durch alle Clubs in Harlem wie im Village gespielt und das Publikum erwartete nichts anderes als ein rauschendes Fest. Diese Erwartung wurde, wie sollte es anders sein, noch weit übertroffen. Wer auch beim Hören mit dem Wissen, wie die Entwicklung des Jazz weiterging, diese Aufnahmen heute genießt, wird sich doppelt freuen, weil nichts, aber auch gar nichts von dem zu verspüren ist, wie es in der epigonalen Folge der ersten Stunde des Bebop oft zu beklagen war, verspürten diese Giganten des Genres keine Notwendigkeit, ihre technische Brillanz und ihre Schnelligkeit zu demonstrieren, sondern sie konzentrierten sich auf das Wesentliche.

Thelonius Monk hatte als Gastgeber ausschließlich seine von ihm selbst komponierten Stücke auf die Playlist gesetzt. Der Revolutionär Monk, dem die eigenen kompositorischen Eskapaden zuweilen selbst ein Rätsel blieben, weil er die Größe hatte, seiner Intuition für das Verblüffende zu folgen. Die Herausforderung für den Virtuosen Coltrane bildete eine Improvisation, die nicht zentrifugal auf das Reflektorische von Monks Melodien wirkte, sondern sich als eine Art kontrapunktische Lyrik einfügte, ohne den eigenen Charakter zu verlieren.

Und genau diese Kombination, die als ein kongenialer Dialog noch lange nach dem Hören im Gedächtnis bleibt, ist den Musikern gelungen. Da wirken Stücke wie Monks Mood, tausendfach interpretiert und variiert, wie die einzige Version, die den Tiefsinn so inszeniert, dass man glaubt, die einzige Form der Interpretation gefunden zu haben. Bei Evidence, einem Stück, das immer den Eindruck erweckt, als sei es alles, nur nicht offensichtlich, wirkt der Diskurs zwischen der Monkschen Melodieführung und Coltranes Akkordfolgen nicht anders. In Crepuscule With Nelly, Monks Hymne auf seine Frau, in der die ganze Dankbarkeit des exzentrischen, von den profanen Lebensumständen irritierten Geistes zum Ausdruck kommt, reminisziert Coltrane nur die Melodie mit einem Zartgefühl ohne improvisatorisches Beiwerk, weil er eine wohlverstandene Auffassung von der innigen Botschaft hatte. Bei Nutty hingegen wird die große Stärke des Bebop, wie sie auch von Charlie Parker so meisterhaft beherrscht wurde, evident. Aus einer einfachen Melodieführung, die alles mitbringt, um als Kinderlied zu bestehen, entwickelt Coltrane einen atemberaubenden Improvisationsteil, den Monk anfänglich mit markigen Akkorden eskortiert, ehe er ihn einfach fortfliegen lässt, bevor er ihn wieder einfängt, um aus einem Schwindelgefühl zurück zum Thema zu führen. Blue Monk wiederum wird strikt enthymnisiert und zu einem schwungvollen, aber nüchternen Blues, den Coltrane in die Umlaufbahn des Bebop schleudert.

Kurz, in insgesamt neun Stücken erleben wir eine Sternstunde des Jazz, beherzt, genial, einfühlsam, kurzweilig, und, ganz im Sinne des göttlichen Mönches, jenseits der Gravitationskräfte des Alltags!

Das Großartig-Infantile des Bebop

Joe Lovano, Us Five. Bird Songs

Charlie Parker, Bird, hat es in seiner kurzen Karriere vermocht, vielleicht nur ähnlich dem Blueser Robert Johnson, fast genauso viele Standards resp. Songs von klassischem Rang zu hinterlassen, wie er insgesamt komponiert hat. Nicht ein Stück fiel bei der nun Jahrzehnte wähnenden Kritik des Bebop durch, millionenfach werden die Parker-Themen täglich rund um den ganzen Globus von ambitionierten Saxophonisten gedudelt. Das Unbeschreibliche an Charlie Parkers Stücken ist ihre Eingängigkeit. Gleich Kinderliedern muten die Melodien an und folglich sind sie auch spielbar. Die Hürde für den, der sie covert, beginnt allerdings sofort, sobald es in den Improvisationsteil geht, den dann beginnt der Schwindel, verursacht sowohl durch das Spieltempo als auch der damit verbundenen Akkordwechsel.

Seit je her ist es ein hoch riskantes Unterfangen, auch als längst etablierter Musiker, sich an das Covern von Stücken zu machen, deren Solisten längst in der Hall of Fame ruhen. Zu groß ist die Gefolgschaft, die gleich Katecheten darüber wacht, ob nicht auch jeder Ton und jede Phrasierung des Originals des Halbgottes reproduziert wird. Umso mutiger ist die nun vorgelegte Sammlung von Parker-Stücken durch Joe Lovano, der zusammen mit der Band Us Five insgesamt 11 der All Time Favorites des Bebop-Giganten ausgewählt hat.

Die Interpretation der Parker-Tunes beginnt mit Passport und gleich dort wird deutlich, dass man es mit sehr intelligenten, gekonnten und gelungenen Interpretation Parkers zu tun hat. Lovano, im Gegensatz zu Parker Tenorist, intoniert mit dem Kinderlied gleichenden Thema, und zwar so lange, bis auch der unerfahren Hörende das Ganze reminiszieren kann, bevor die Band, deren Eigenart und Wesen durch das Vorhandensein von zwei Schlagzeugern erklärt werden kann, die folgenden Interpretationslinien Lovanos untermalt. Die Rhythmik ist grandios leicht und der Groove spritzig und beschwingt. Die Todesschleifen der Parkerschen Interpretationsmuster erscheinen wie ein Kinderspiel. Sowohl bei Donna Lee, Barbados, Dexterity und der sakralen Yardbird Suite bleiben sich Interpret und Band dieser Linie treu und es gelingt ihnen etwas, das den Kern des großen Parkers trifft: Die Vereinigung von Infantilität und Artistik, die eine hohe Professionalität erfordert, aber dennoch in ihrer Wirkung verspielt bleibt.

Die Interpretation der Ballade Lover Man hingegen wird zu einem echten Lovano. Er nimmt die Tragik, die in ihrer melancholischen Schwere alle Herzen bricht, in starkem Maße heraus und interpretiert das Thema mit der Distanz des Wissenden, der das Scheitern zum Lauf der Welt gehörig akzeptiert hat. Das Stück wird dadurch anders, aber ebenso interessant wie das Original.

Die Bird Songs von Lovano und Us Five sind eine gelungene Referenz an den großen Bird und eine wirkliche Bereicherung für das Arsenal des Bebop.