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Die Dechiffrierung des bayrischen Syndikats

Lion Feuchtwanger. Erfolg

 

Lion Feuchtwangers Roman, Erfolg, ist der erste Band einer Trilogie (Band 2: Die Geschwister Oppermann, Band 3: Exil), die unter dem Namen Der Wartesaal in die Literaturgeschichte einging. Es handelt sich dabei um eine nach heutigen Aspekten aufwendig inszenierte Erzählung über die Situation in der Provinzmetropole München im Zeitraum von 1920 bis 1923. Im Zentrum steht ein Justizskandal um einen Museumsdirektor, der sich durch die Ausstellung kritischer, aufwühlender Exponate bei den Vertretern des damaligen Mainstreams unbeliebt macht und der in einem schillernden Prozess zu einer Haftstrafe verurteilt wird, die mit seinem Tod endet. Es handelt sich um ein Sittengemälde einer Zeit, die durch Inflation und Wirrnisse gekennzeichnet ist und die ihren vorläufigen Abschluss mit dem Putsch Hitlers findet.

Feuchtwanger komponiert die Handlung sehr geschickt, indem er Figuren agieren lässt, die allesamt bestimmten historischen Vorlagen sehr nahe kommen, ihnen aber nicht gleichen. Die Position des Autors selbst wird durch den Schriftsteller Tüverlin beschrieben, der sich auch in der Erzählung, wie realiter, mit der Bertolt Brechts reibt, der seinerseits als der lederbejackte Automobilingenieur Pröckl in einem ständigen Diskurs mit Tüverlin steht.

Der Justizskandal ist die Vorlage, die die einzelnen Muster einer Gesellschaft zum Vorschein bringt, die sich auszeichnet durch einen derben Provinzialismus, durch ein anarchisches Laisser-faire, durch verborgene Netzwerke und Motive und durch eine weitgehend hedonistische Lebensweise. Das Sittengemälde Münchens erscheint bei der Lektüre auch aus heutiger Sicht sehr lebensnah. Es mutet nahezu kurios an, wie bestimmte Protagonisten, die längst nicht mehr unter den Lebenden weilen, denen ähneln, die heute noch im Zentrum der bayrischen Landeshauptstadt die Geschäfte lenken. Vieles scheint so zu funktionieren, wie es vor annähernd einhundert Jahren auch war.

Der Roman selbst hat in vielerlei Hinsicht ein ähnliches Schicksal erlebt wie andere Bücher, die in der Weimarer Republik entstanden. Erfolg erschien 1930, wurde von den radikalisierten Kräften der Gesellschaft ähnlich kritisch rezensiert, weil die ideologische Verblendung alles überstrahlte. Drei Jahre nach der Veröffentlichung wurde das Buch verboten, der Jude Feuchtwanger flüchtete über Frankreich in die USA, von wo er nicht mehr zurückkehrte. Die Neuauflage von Erfolg folgte in den 1950iger Jahren, in denen man mit der kritischen Sicht der Münchner Verhältnisse nicht mehr soviel anfangen konnte. So ging ein Stück großer Literatur dem öffentlichen Bewusstsein durch die historische Dynamik verloren. Umso wichtiger erscheint es, das Buch jetzt wieder hervorzuholen.

Die Lektüre des Buches ist unter zwei Aspekten ein großer Gewinn. Zum einen wird deutlich, dass ein Erzählwerk, das klug angelegt ist, mehr zum Vorschein bringen kann als die Handlung selbst. Denn in Erfolg wird, ohne dass es stören würde, darum gestritten, was Literatur leisten kann und wie sie sich aufgrund dessen vermitteln muss. Und zum anderen dokumentiert die Handlung die Grundmuster von Demokratie zerstörenden Verhaltens, die heute noch genauso wirken wie damals. Es wird deutlich, wie die Wirkung eines Syndikats von Mächtigen, die im Verborgenen an den Rädchen des Staatsapparates drehen, die politischen Wirkungen im allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstseinsprozess determinieren. Das war im Bayern der 1920iger Jahre so und das ist auch heute noch so. Feuchtwanger ist der Dechiffrierer des bayrischen Syndikats, das durch Vetternwirtschaft und Intransparenz das Spiel der Macht spielt. Mehr Aktualität kann man sich nicht wünschen.