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B.B. King und die Pausen

Eines der großen Stilmittel der Rhetorik wie der Musik ist die Pause. Sie bestimmt, wann eine Aussage dem Räsonnement freigegeben wird, wann der Sender dem Empfänger mitteilt, dass die Kommunikation nun beginnen kann. Eine Rede oder ein Musikstück ohne wohl überlegte Pausen hat keine Qualität, es wird ein Sammelsurium von Einzelsignalen, die kaum noch einen Sinn ergeben, geschweige denn ein ästhetisches Erlebnis erzeugen.

 
Ein Meister der Pause in dem beschriebenen Sinn war der Bluesmusiker und Gitarrist B.B. King. Seine Musik ist dadurch gekennzeichnet, dass er die Kompositionen so scharf akzentuiert wie kaum ein anderer des Genres. Dabei bedient er sich zweierlei technischer Mittel: Der Pause im klassischen Sinne wie des Staccato, der Blitzpause zwischen schnell aufeinander folgenden Tönen. So erzeugt B.B. King einen Mikrokosmos der Pausen, die es den Hörenden ermöglichen, auf das Gehörte in ihrer eigenen Weise zu reagieren. B.B. King nutzt die richtigen wie die nahezu virtuellen Pausen, um in eine Kommunikation mit seinem Publikum zu treten. Sehen Sie sich Filmaufnahmen von Auftritten an: Immer, wenn er den Ton unterbrach, schaute er fragend ins Publikum!

 
Um sich dem Gedanken nähern zu können, empfehle ich das Stück „Blues Boys Tune“. Es entstammt dem Album „Blues On The Bayou“ und lässt dieser Betrachtung großen Raum, weil es ohne Gesang ist. Für mich ist das Stück eine Hymne auf den Blues und ein Manifest für die Pause. Immer, wenn die Pause einsetzt, bleibt der Groove, der Rhythmus, der der Freiheit die Angst nimmt. Das ist große Kunst, und wer da keine Gänsehaut bekommt, der hat den Blues nicht. Ich ermutige Sie zu diesem Selbstversuch!

Der König geht, der König lebt

Ja, über ihn kann sehr viel geschrieben werden. Und ja, sein Leben gibt Geschichten her, die so schön die Klischees bedienen, dass sie umso lieber erzählt werden. Sein Name war ein Artefakt. B.B., der Blues Boy King, alles so falsch und nichtig wie die Identität der Sklavennachfahren im Delta des großen Mississippi. Da passte einfach alles. Der Underdog aus einer Sklaven- und Baumwollpflückerdynastie, der anfing, auf einer eher als Katastrophe denn als Gitarre durchgehenden Instrumentenkopie zu spielen. Der sich hoch kämpfte durch harte Arbeit und Disziplin, der verstand, wie das Geschäft funktionierte und der es mehr als ein halbes Jahrhundert beherrschte. Der Blues Boy, der den Blues neu erfand und spielte, war auch ein Geschäftsmann und Machtmensch. Kalt und knallhart. Das war ihm eigen wie allen, die von ganz unten kommen. Sie verzeihen weder sich selbst noch ihrem Umfeld Nachlässigkeiten.

Die meisten Nachrufe werden überschrieben sein mit den Titeln seiner großen Erfolge. Mehrheitlich mit The Thrill Is Gone und Lucille. Das reduziert einen Musiker, der unzählige Alben über die Jahrzehnte eingespielt hat. Aber es charakterisiert den Musiker B.B. King dennoch sehr gut. The Thrill Is Gone, ein Stück, das einer bestimmten Generation in den nicht löschbaren Gedächtnisspeicher eingebrannt ist, war der Ausdruck eines Lebensgefühls, das eintrat, als die große Periode der Illusionen seinem Ende zuging. Nein, es ging dem empathischen B.B. in diesem Song nicht nur um die Liebe, es ging um das Erwachsenwerden einer Generation, die zu lernen hatte, dass das Leben keine endlose Party war. Deshalb die Emotion, die sich Bahn bricht, sobald es ertönt.

Und dann Lucille! Der Name seiner Gitarre, die zum Weltlabel dank ihres mächtigsten Interpreten wurde. Der große, überschwere B.B. kokettierte mit der Vorstellung, dass er seine Gitarre behandelte wie eine Frau. Sie immer im Auge behaltend, mal streichelnd, mal hart anfassend, ihr immer wieder kleine Pausen gönnend und nur in den höchsten Tönen von ihr redend. Das war wahrscheinlich das Geheimnis des großen Statthalters des Blues. Seine Metaphern waren wie das echte Leben. Mit Lucille übertrug er die Botschaft, die sein ganzes Werk prägte: Was du nicht liebst, das kannst du nicht beherrschen und was du beherrschst, kannst du nicht lieben. Du musst es respektieren, dann lernst du es zu lieben. Das war seine zutiefst humane Metaphysik aus dem sumpfigen Delta.

Und dann, ja, und dann die Pausen. B.B. erkannte man daran, wie er die kleinen Pausen setzte, um seine Töne wirken zu lassen. Niemand außer ihm hat das so vermocht und niemand außer ihm hat dem Blues diese Note gegeben. Seine Pausen waren allesamt Blue Notes, er kreierte ganze Symphonien im Ruhezustand. Wenn die Leute sagen, sie erkennten den großen B.B. an der Art und Weise, wie er Gitarre spiele, dann trifft das nur die halbe Wahrheit. B.B. erkennt man vor allem daran, wie er die Pausen setzt. Das Sein und das Nichts. Wieder so eine metaphysische Botschaft aus dem Delta.

B.B., der großartige Bluesmusiker, der Geschäftsmann und Machtmensch, der alles so sanft in sich vereinte, die Muße, die Muse und die Disziplin, die Weisheit und die Berechnung, der Koloss, der immer wie ein lieber Junge daher kam, der unsere Biographien so sehr begleitet hat, der ist nun von uns gegangen. The Thrill Is Gone. Aber das wussten wir schon lange, dank B.B.!

Satter Blues aus dem Old Absinth House

Bryan Lee. Play One For Me

1943 in Two Rivers, Wisconsin geboren, verlor er bereits mit acht Jahren komplett sein Augenlicht. Dann griff er zur Gitarre und ließ sie nicht mehr los. Nachts lauschte er den Sendungen von WLAC-AM aus Nashville, die viele seiner Generation prägten. Dort hörte er zum ersten Mal Elmore James, Albert King und Albert Collins. Seine erste Band coverte Songs von Elvis Presley, Little Richard und Chuck Berry. Da war er noch Teenager. Und dann entdeckte er den Chicago Blues, dem er bis heute treu blieb. Mit seiner ersten Blues Band nahm er das Album Beauty Is not Always Visual auf, ein Hinweis auf sein eigenes Erleben. Und ab 1982 folgte etwas, was von der typischen Blueser Karriere des modernen Amerika abweicht, aber gerade das geformt hat, was ihn ausmacht. Er wechselte nach New Orleans und erhielt ab 1982 ein Engagement im Old Absinth House in der Bourbon Street, wo er in den folgenden 14 Jahren fünfmal in der Woche auftrat. Das prägt, das ist eine richtig harte Schule, jede Nacht die Wünsche von besoffenen Touristen zugerufen zu bekommen, sie und die wenigen Kenner bei Laune zu halten und gegen das Geklimper von Flaschen und Geschirr, das Geschrei der Überhitzten und das Anmachen der vom Gingrößenwahn Befallenen anzuspielen.

Bryan Lee hat das alles mit Bravour überstanden und die Musik, die er mit seinem neuen Album Play One For Me ist eine gelungene, wunderbare und herzliche Referenz an all die Jahre On-Stage, in denen der wahre Musiker seine Kunst entwickelt. Lee fährt alles auf, was ihm zur Verfügung steht und er beginnt mit einer Hommage an Aretha Franklin unter dem schlichten Titel Aretha, bei dem nicht nur seine siebenköpfige Band, sondern auch noch sieben Bläser und drei Streicher mitwirken. Satter geht es nicht und es hört sich nicht nur an wie eine Liebeserklärung an Aretha Franklin, sondern auch wie ein Treueschwur auf B.B. King, denn Bryan Lee greift die Riffs und akzentuiert die Gitarre wie die große Ikone des Blues. Die folgenden Songs sind das, was von einem im Blues Sozialisierten zu erwarten ist: Lebensweisheiten, die niemand widerlegen kann, Gefühle, die jedes enttäuschte Herz kennt und Erkenntnisse, die die Härte des Lebens unterstreichen. When Love Begins (Friendship Ends) oder You Was My Baby (But You Ain´t My Baby No More) unterstreichen das in nahezu zu deutlicher Form, aber da spricht wohl der Bühnenpädagoge aus dem Old Absinth House.

Das Phänomenale an der mit insgesamt zehn Titeln eingespielten CD ist die Atmosphäre, die sie herüber bringt, obwohl sie im Studio aufgenommen wurde. Bryan Lee und seinen Mitstreitern gelingt es, Idee wie Atmosphäre eines Blues House zu entfachen. Und das, was dort gelingt, spiegelt eben das pralle, durchsichtige, etwas oberflächliche Leben der Bourbon Street. Die eher besinnliche, selbst reflektive Version des Blues ist auf dieser CD nicht zu erwarten. Aber wer das satte, raue, und auch politisch renitente des Blues mag, der hat mit Bryan Lees Play One For Me einen guten Griff gemacht. Da fließt die berühmt berüchtigte gute Zeit und man kommt nicht in Versuchung, sich über das Morgen den Kopf zu zerbrechen.