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Die Theorie des Chaos und das Auffanglager

Seit dem Siegeszug der Chaostheorie glauben sich viele der formalen Logik entbunden. Sie reden einer Erklärungsallmacht das Wort, die aus der kausalen Unordnung hervortritt und wie eine Befreiung für alle wirkt, die es mit der Geschichte nicht so haben. Alles, was ist, entstammt zwar der Logik von Schwarmbewegungen aber nicht unbedingt bestimmten, selbst zu verantwortenden Aktionen aus der Vergangenheit. Das kann so sein, sagen die Vertreter dieser Sichtweise, muss es aber nicht. Wie schön doch, könnten nun alle Monster der Geschichte sagen, denn die Verantwortung für das eigene Handeln ist dahin. Irgendwie führt die chaotische Ordnung zu den Grausamkeiten der Geschichte und die Subjekte, die darin die Hautrolle spielen, sind exkulpiert. Das, was da vor allem politisch ersonnen wird, ist die Theorie für den Prototypus der Amöbe. Der Mensch und seine Geschichte verkommen zu einem Einzeller und einem unerklärlichen Nebel.

Um es konkret zu machen. Momentan ziehen Politiker durchs Land, die sich, im Gegensatz zu den ganz schlechten ihre Genres, die gar nichts tun, in der Organisation der aktuellen Immigration sehr engagieren. Das spricht für sie. Im gleichen Atemzug werfen sie aber auch manchen, die die jüngere politische Geschichte z.B. der bundesrepublikanischen Außenpolitik in einen Zusammenhang mit der momentanen Entwicklung anstellen, vor, sie würden die Welt belehren wollen, ohne zu handeln. Das meinen sie wirklich. Und es ist festzustellen, dass die Belastungen derer, die vor allem in den Kommunen den Zuzug organisieren, bis an die Grenzen gehen und oft nicht klar ist, wie es weiter gehen soll. In einem solchen Kontext nur zu reflektieren nach den Ursachen, scheint ein Luxus zu sein, den nur wenige besitzen.

Auf der anderen Seite ist allerdings festzustellen, dass die jeweilige Agenda, denen die Beschriebenen folgen, immer den Charakter des „Gefahr-in-Verzug-Symptoms“ hat und es gar nicht gewollt ist, die Ursachen für die zu managende Situation zu analysieren. Denn die Erscheinungsebene ist eine andere als die Wesensebene. Letztere ist allerdings klar determiniert und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Und genau da beginnt das Problem. Die Länder, aus denen momentan Flüchtlinge in großem Ausmaß kommen, haben in den letzten zwei Jahrzehnten sehr konkrete Interventionen deutscher Außen- und Wirtschaftspolitik erfahren: Der Balkan, der Nahe Osten, Afghanistan, Nordafrika. Nicht mitgerechnet die Wirtschaftsflüchtlinge, denen das niemand abspricht, die aber aufgrund einer desaströsen nationalen Entwicklung aus ihren eigenen Ländern den Weg in die Bundesrepublik geschafft haben, aber in kein Auffanglager müssen: Es sind die Polen, Portugiesen, Rumänen, Bulgaren und Spanier. Nur, weil diese Länder zur EU gehören oder EU-affin sind, fallen sie nicht in die Wahrnehmungsmuster, in die Menschen aus Syrien oder Afghanistan fallen.

Dieser Kontext spielt bei den Krisenmanagern keine Rolle und es stellt sich die berechtigte Frage, ob es irgendeine Lehre aus der zu verzeichnenden Entwicklung gibt. Die Parteien, die in der Regierungsverantwortung stehen, hüten sich vor einer derartigen Analyse. Sie reden über das Management der Auswirkung einer Politik, die sie selbst betreiben, ohne über einen Wandel der Politik nahzudenken, die der Auswirkung, die alle beklagen, voraus ging. Das ist politisch ein Debakel. Es dokumentiert, dass entweder der Mut fehlt, Fehler zu nennen oder die Kraft, sich gegen die Interessen zu wehren, die von der vergangenen Außen- und Wirtschaftspolitik profitiert haben. Wahrscheinlich stimmen Entweder wie Oder, ironischerweise nicht die schlechtesten Kategorien, um das Wesen einer schlechten Politik zu zeichnen.

Interesse versus Mystik, Tabu und Angst

Plötzlich erscheint vieles in einem anderen Licht. Selbst der Zaun zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten verliert für viele das Unfassbare. Jetzt sind hier, im Herzen Europas, plötzlich Verhältnisse, die sonst nur aus der Ferne bekannt waren und die dazu führten, dass sich die besser wissenden Seelchen darüber empören konnten, wie roh doch auf das eine oder andere reagiert wurde und wird. Die Erkenntnis, die sich jetzt Bahn bricht, ist eine andere, auch wenn sie immer noch nicht zum Umdenken führt: Die Welt ist roh, und sie wird es wohl auch bleiben. Dennoch bleiben diejenigen, die sich schon immer einen einwandfreien moralischen Standpunkt gesichert haben, auf der sicheren Seite und diejenigen, die mit einbetoniertem Kompass die Welt erklärten, weiterhin unangefochten im Recht. Mit kritischem Denken, mit einer Analyse, die den Namen verdient, hat das nichts zu tun. Aber das Lavieren zwischen Einsicht, Opportunität und Populismus wird zumindest hierzulande immer noch mit Wiederwahl belohnt.

Alle, die jetzt mit einfachen Erklärungen aufwarten, sollten sich über eines im Klaren sein. So einfach, wie vieles erscheint, ist es dann doch nicht. Eine wesentliche Ursache für die teils desolate, teils moderate, aber auf jeden Fall dramatisch ungleiche Situation auf dem Balkan war die Zerschlagung Jugoslawiens. Und die Staaten, die von der Bundesrepublik Deutschland besonders unterstützt wurden, haben die schlimmste Diskrepanz zwischen superreichen Minderheiten und total pauperisierten Massen. Dennoch existiert eine Wanderungsbewegung Richtung Zentraleuropa aus nahezu allen Staaten des heutigen Balkans.

Natürlich ist die Bundesrepublik ein reiches Land. Und natürlich sind die Zahlen von Flüchtlingen, die das Land erreichen, nichts im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Und dennoch waren weder die Bewohnerinnen und Bewohner noch die Behörden eine derartige akute Anreise nicht gewohnt. Die Verhältnisse polarisieren eine alternde Gesellschaft, die lieber den Besitzstand wahrt als ans Teilen zu denkt. Dabei wird vergessen, dass die Einwanderung ein positiver Impuls sein kann, wenn er als solches erkannt und genutzt wird. Momentan noch herrscht das Diktum des Ungewollten und der Bedrohung. Es ist damit zu rechnen, dass bei einer Justierung der Kapazitäten und der Etablierung der Routinen die Hysterie, die derweilen auf allen Seiten festzustellen ist, nachlassen wird.

Die entscheidende Frage, die darüber entscheidet, inwieweit irgendwann doch die Gesellschaft aufgrund der kommenden Herausforderungen emotional kollabiert, ist die Ausrichtung der Außenpolitik. Der Zusammenhang zwischen eigener Außenpolitik und den Herausforderungen, mit denen jetzt das Inland konfrontiert ist, wird noch nicht in dem Maße wahrgenommen, wie es das verdient hat. So klar es zu sein scheint, dass sowohl Großbritannien als auch Frankreich immer noch und immer wieder Reaktionswellen aus den ehemaligen Kolonien erhalten, so unklar ist, dass eine bestimmte Bündnispolitik, die Destabilisierung von ganzen Regionen und Staaten, der sukzessive Rückzug aus der Entwicklungspolitik und der massive, als Junktim verhandelte Standpunkt wirtschaftsliberalistischer „Reformen“ maßgeblich zu Zuständen geführt haben und führen werden, wie sie momentan als Migrationsbewegung erlebt wird. Jeder, auch Staaten, sind verantwortlich für das, was sie tun und für das, was sie nicht tun.

Es wird darauf ankommen, über eine Einwanderungsdiskussion, die den Namen verdient, Mystik, Tabus und Ängste aus dem Spiel zu nehmen und humorlos immer wieder die Frage zu stellen, was das Land in wessen Interesse international unternimmt und in wessen Interesse bei einer Einwanderungspolitik welche Position eingenommen wird. Das wird nicht lustig sein, aber vieles klären. Eine Nation, ein Staat, kann sich nicht Positionieren durch Andeutungen und dumpfe Gefühle.

Sencha-Tee-Broker und Bellizisten

Der Kredit muss jetzt bedient werden. Und es ist viel schlimmer als alles, was im Zusammenhang mit der Weltfinanzkrise und der Verschuldung einzelner Länder in den Medien diskutiert wird. Es geht gar nicht ums Geld. Es geht um das Verständnis von internationaler Politik und die Todsünde. Letztere wurde begangen von den Kindern einer unter extremer Autorität sozialisierter Eltern. Letztere waren einer Großmachtphantasie gefolgt und landeten in Ruinen. Ihr nackter Überlebenswille ließ sie alles ausblenden, um wieder auf die Beine zu kommen. Das gelang ihnen, ihre Geschichte blieb aber unter Verschluss. Das empfanden die Kinder als Affront. Obwohl sie sich im Frieden befanden und obwohl es ihnen an nichts fehlte, stellten sie die Eltern an der Pranger: Als Verdränger und als Dogmatiker.

Die Generation derer, die rebellierte, appellierte an Vernunft und Humanismus. Als das nichts half, orientierte sie sich an der realen Macht der sozialistischen Staaten. Und als diese untergingen, entdeckte sie die bürgerliche Empfindsamkeit für sich. Aber da waren viele sozial saturiert. Ihr Revolutionsprogramm reduzierte sich bereits auf Essgewohnheiten und Landschaftszustände. Und ihre Lehre aus der doch so verzwickten und verzwackten Vergangenheit war die Einsicht, dass die Werte, mit denen sie sich seitdem zu Tisch setzten, die einzig wahren seien, die es zu verteidigen gälte.

Mit der Einführung ihrer Werte, die, einmal ganz kalt formuliert, als eine sozialromantische Variante eines saturierten bildungsbürgerlichen Mittelstandes im verendenden 20. Jahrhunderts benannt werden müssen, torpedierten sie die Realpolitik als Grundlage internationaler Beziehungen. Alles, was ihrem Wertekanon entsprach, wurde zu den Guten auf dieser Welt gezählt, und alles, was dem nicht entsprach, fand sich bei den Schlechten wieder. Gegen die Schlechten durfte man auch mit dem Militär vorgehen. Das ist seitdem gesetzt. Insofern sind die Schöngeister der einstigen Rebellengeneration dann doch zur kalten Machtpolitik gereift.

Der berühmte Satz von Clausewitz, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, ist in seiner ganzen Bedeutung nie so transparent geworden wie bei der postmodernen Reformhausbewegung. Wer, auch im Inneren, nicht mit ihren Wertvorstellungen korrespondiert, der wird gemobbt, ausgegrenzt und letztendlich terrorisiert. Fleischfresser, Raucher, Autofahrer, Kampfsportler, Historiker, Hedonisten und Liebhaber oder wie sie alle heißen, die Schattierungen einer heterogenen, offenen Gesellschaft, sie werden diffamiert und demontiert. Nur wer sich beugt, hat eine Chance auf eine einigermaßen unbelästigte Biographie.

Wie, so können wir fragen, perpetuiert sich ein solches Bild in der Außenpolitik? Genau! Genauso! Und das erleben wir momentan in verschiedenen Dimensionen. Wer sich nicht dem zur Doktrin gemauserten Wertekanon unterwirft, dem wird unverhohlen gedroht. Sollte das gar in einen Krieg münden, na wenn schon. Wobei die Vorstellung spannend wäre, wie sich wohl die nach dem Desaster von Fukushima als Sencha-Tee-Broker mit Vorkatastrophendatum auf brennenden Straßen in der Ost-Ukraine machten, so zwischen zwei Söldnerheeren, auf die kaum jemand noch Einfluss hat. Das Schicksal wäre ein lehrhaftes, wie so oft in der Geschichte. Wer Böses propagiert, sollte es selbst in die Tat umsetzen müssen, dann wäre Heilung wahrscheinlich.

Aber, wir wissen, so funktioniert das alles nicht. Um reale Politik und ein Verständnis dafür zurückzuholen, müssen die ethischen Kreuzritter unserer Tage aus dem Verkehr gezogen werden. Ob das geschieht, entscheidet der Souverän, wobei bezweifelt werden muss, ob er das tatsächlich noch ist.