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Die Aura der Revolution zerfällt im Moment der Etablierung als Marke

Es ist ein altes Gesetz: Das, was als Protest gedacht ist und schockieren soll, muss im Kapitalismus den einzigartigen Augenblick genießen. Denn es dauert nicht lange, und das Verwertungssystem erkennt den Impuls. Würde er abgelehnt und als systemfeindlich bekämpft, gewönne er vielleicht sogar noch an Schärfe. Wird der Impuls jedoch als mögliches Produkt adaptiert, bekommt er schnell den Charakter einer ganz gewöhnlichen Ware und verliert die Kraft der Zersetzung. Der protestative Charakter geht verloren und aus dem einstigen Affront wird ein schickes Assecoire für den nächsten Prosecco-Konvent. Der Verwertungscharakter der Ware ist die diplomatischste Form, um den Widerstand gegen das bestehende Wirtschaftssystem zu neutralisieren.

Beispiele gefällig? Ja! Unzählige. Ché Guevara existiert ausschließlich noch als Poster oder T-Shirt, die bewaffnete Formation im südamerikanischen Dschungel wird hingegen selten gesichtet. Punk-Outfit wird gelegentlich noch in teuren Londoner Clubs erlebt, allerdings nicht mehr in den Hinterhöfen von Shepherds Bush. Die Insignien der Roten Armee sind bei jedem Trödler in Berlin Mitte zu erwerben, während die ruhmreichen Eroberer der einstigen Deutschen Hauptstadt kaum noch in die Geschichtsbücher finden. Und der Rock n Roll ist allenfalls noch etwas für eine Oldie-Party, auf der sich nicht einmal mehr die Teilnehmer an das Rebellische der ersten Rhythmen gegen die reaktionär-kleinbürgerliche Welt dieses Genres erinnern.

Jedes der erwähnten Beispiele hat seine eigene Geschichte. Der ideell-epochale Höhepunkt wie der Niedergang im kapitalistischen Warenkonsum. Interessant ist nur, dass der politische Gehalt immer parallel zur erfolgreichen Etablierung als Ware abnahm. Die Aura der Revolution zerfällt im Moment der Etablierung als Marke.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Wer berät eigentlich Greta Thunberg? Ich möchte nicht in den Kanon derer einfallen, die der jungen Frau ihren Autismus vorhalten oder sie anklagen, weil sie keine wissenschaftliche Debatte führen kann. Was ich jedoch nicht verstehe, ist, dass sie beziehungsweise ihre Berater alles mitmachen, was ihren Gedanken in kurzer Zeit jede Sprengkraft nehmen wird. Dazu gehört der nicht abgewiesene Status des Kultes, die Etablierung als Pop-Star sowie der Wahnwitz, sie in Talk Shows in die abgetakelte Moderatorenszene zu schicken, wo es von Polit-Profis wimmelt. Die Krönung ist dann noch die Annahme von Preisen wie den der Goldenen Kamera. Die Summe dessen, was alleine in den zwei letzten Wochen in Deutschland gelaufen ist, kann nur lauten, dass die Mobilisierung durch den Namen Thunberg bereits verblasst, weil man die Maskenbildner der Werbeabteilungen aller geübten Meinungsdiscounter an sie herangelassen hat. Greta perdue!

Wer der Prognose nicht glaubt, wird sich noch ein wenig gedulden müssen, um leider zu dem gleichen Fazit zu kommen. Es ist zwar traurig, die beschriebene Tendenz immer wieder bestätigt zu sehen, es ist jedoch auch ermutigend, festzustellen, dass durchaus Lerneffekte existieren. Nicht alle, die mit kritischen Ansätzen und Impulsen die desaströsen Wirkungen des wütenden Wirtschaftsliberalismus zum Ziel haben, begehen die gleichen Fehler. Sie operieren anonymer und schaffen es, auch ohne die Aufmerksamkeit einer monopolisierten medialen Aufmerksamkeit über längere Zeiträume auszukommen. Die französischen Gelbwesten sind ein extravagant gutes Beispiel dafür, wie es gelingen kann, nicht in die Falle der rasanten Vermarktung bei gleichzeitiger politischer Entschärfung zu geraten.

Behalten wir auch das im Blick!