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Augstein und das Tourette-Syndrom

Es existiert ein Phänomen, das sich aus einer emotionalen Überladung speist und eine eigenartige Wirkung erzielt. Es beschreibt die Situation, in der eine Person oder eine Gruppe von Personen die Auffassungen und Haltungen einer wiederum anderen mit exaltiert übertriebenen Begriffen attackiert, so dass letztere sich angegriffen fühlen müssen. Um es schlicht auszudrücken, handelt es sich dabei um eine sittenwidrige Übertreibung. Ziel einer solchen Aktion ist es, die attackierten Gruppen oder Personen entweder der Lächerlichkeit preisgeben zu wollen oder aber zu einem Hassobjekt machen zu wollen. Beides stammt aus dem Arsenal der Propaganda und führt nicht zur Klärung der Verhältnisse. Um mit Marshall McLuhan zu sprechen, lädt es die Verhältnisse nur auf.

Beispiele dafür kennen wir alle. Jemanden, der vielleicht ein- oder zweimal zu spät zu einem Arbeitstreffen erscheint, gleich als Saboteur zu beschreiben, gehört genauso dazu wie die Beschreibung eines Gelegenheitsdiebes mit einem Vokabular für das hoch organisierte Verbrechen. Im politischen Leben wird diese Methode gleich wesentlich dramatischer. Da ist das Phänomen weitaus bekannter, was die Situation allerdings nicht besser macht. Da wird aus einem, der mal einen Fehler bei der Reisekostenabrechnung gemacht hat, vielleicht sofort ein durch und durch korrupten Politiker oder jemand, der eine konsequente Position vertritt, sehr schnell ein Kriegstreiber.

Isoliert betrachtet fällt sehr schnell auf, wie absurd vieles, was da fabriziert wird, wirkt und wie fern der Realität es spielt. Umgekehrt funktioniert das Spiel natürlich genauso. Da kann aus einem Kriegstreiber sehr schnell ein Pazifist werden und aus einem Liquidator öffentlichen Eigentums ein Philosoph des freien Marktes. Die Terminologie, so ist zu sehen, liegt nicht nur im Auge des Beschauers, sondern auch deren Deutung. Und das Unseriöse, mit dem wir in sehr vielen Fällen zu kämpfen haben, entstammt den Zielvorstellungen derer, die die Emotionen erzeugen wollen.

Man kann, auch das sei eingestanden, die politische Diskussion durch die eine oder andere terminologische Bezeichnung würzen. Denn wenn Emotionen im Spiel sind, wächst der Mut, Dinge zu benennen, die ansonsten dem Tabu unterliegen. Insofern kann durchaus in dem einen oder anderen Fall ein Feuer frei! durchaus befreiende Wirkung haben.

Was allerdings momentan zu bemerken ist, ist ein kollektives Befremden über Ereignisse, die nicht in das eigene Kalkül passen und die aufgrund dessen mit Termini bedacht werden, die jenseits von Gut und Böse weilen und die den Verdacht erhärten, dass diese aus der Emotion entstandene Diffamierung sich in hohem Maße von den vorher geschilderten unterscheidet. Es handelt sich um eine Beschimpfung aus Frustration.

Da nimmt doch der Verlauf der Welt tatsächlich eine Wendung, die so weder gewünscht noch vorausgesagt war und schon verfallen die glühendsten Verfechter des Wandels und der Innovation in ein bitteres Gezeter, so ganz im Sinne der ansonsten gerne verhöhnten Stockkonservativen.  Das sollte nachdenklich stimmen und vielleicht dazu dienen, in aller Ruhe, ganz ohne Zwang, die eigenen Positionen zu überdenken. Und wenn es sich bei den besagten Klageweibern auch noch um renommierte Journalisten handelt, die sich als Avantgarde des Fortschritts wähnten und jetzt mit Kollabieren und bedenklich lange anhaltenden cholerischen Anfällen reagieren, dann handelt es sich vielleicht bereits um eine pathologische Dimension, die ihrerseits Rückschlüsse zulässt. So ein Inzident war Augsteins Spiegel-Kommentar über die US-Wahlen, die er als Geburtsstunde des Faschismus bezeichnete. Für große Teile des deutschen Journalismus war es eher die Einführung des Tourette-Syndroms in die tägliche Arbeitsroutine.