Es ist ein altes Phänomen, das in einer wunderbaren sprachlichen Umschreibung zum Ausdruck gebracht wird: da sind die Augen größer als der Magen. Schöner als mit dieser Metapher kann die Gier nicht beschrieben werden. Da existiert der Wunsch, etwas zu besitzen, zu haben, oder sich einzuverleiben, und die eigenen Ressourcen reichen gar nicht aus, um den neuen Besitz angemessen zu verwerten. Wenn die Augen gierig sind, der Magen jedoch die Dosis der Beute gar nicht verarbeiten kann, dann erwartet den Organismus des Besitzergreifenden ein gehöriges Desaster. Ihm wird schlecht, er muss speien, oder was auch sonst. So einfach diese Wirkungskette auch beschrieben ist, so bekannt das Ausmaß der Verheerung, dennoch schützt diese Kenntnis anscheinend nicht davor, in die Falle zu tappen und sich mehr zu wünschen, als man verkraften kann.
Nun lässt sich sehr darüber spekulieren, welche Mechanismen wirken, sodass das Gehirn samt Ratio ausgeschaltet wird, bevor sich der Schlund öffnet und die Beute versucht wird zu verinnerlichen. Vielleicht ist es natürlich, dass ganz normaler Hunger überbewertet wird. Wenn jedoch der Hunger bei dem eigentlichen Prozess keine Rolle spielt, weil die wichtigsten Bedürfnisse bereits befriedigt sind, dann stellt sich wirklich die Frage, was es ist, das nach immer mehr, immer größer und immer schneller schreit?
Vielleicht liegt die Antwort in einem Konsens, der der Art und Weise des Wirtschaftens entspringt und davon ausgeht, dass Rentabilität, Auskommen und Bedürfnisbefriedigung nur durch das Prinzip des stetigen Wachstums zu gewährleisten sind. Wachstum schafft Waren, Waren bringen Geld, Geld wird investiert zur Herstellung neuer Waren. Gleichzeitig werden Bedürfnisse befriedigt, neue geweckt. Letztendlich, wenn das ganze System an seine Grenzen stößt, d.h. wenn die Produktion immens ist, aber niemand mehr etwas kauft, dann setzt das Ganze zu seiner Selbsterhaltung zu einem Vernichtungsfeldzug an, der alles dem Erdboden gleich macht. Warum? Damit die Spirale des Wachstums erneut ins Leben treten kann und das Spiel von neuem beginnt. Fait votre Jeux! Erst Reichtum, dann Krieg.
Wäre der Gattung des Homo sapiens nicht in der mehrhundertjährigen Geschichte der Warenproduktion das Muster des stetigen Wachstums beigebracht worden, dann hätte sich ein anderes Wirtschaftssystem etablieren müssen. Das Unschöne an der menschlichen Existenz in diesem Zusammenhang ist seine Fähigkeit, mehr Werte schaffen zu können, als derer es bedarf, um seine eigene Erhaltung der Produktivität zu gewährleisten. Und wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, neben der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse auch noch Gewinne zu machen, der muss nicht mehr lange warten, bis die Augen größer sind, als der Magen es verträgt.
Der Grad einer Zivilisation lässt sich auf verschiedene Weise beschreiben. Ein breiter Konsens derer, die sich mit einer solchen Aufgabe befassen, setzt die Reife einer Gesellschaft gleich mit zwei Gewährleistungen: erstens sollte es einem Großteil, wenn nicht allen Gliedern der Gesellschaft gelingen, die wichtigsten materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Und zweitens sollte es einem Großteil oder allen darum gehen, dass Dasein und die Zukunft in schönen Formen zu reflektieren.
Anhand dieser Beschreibungsversuche zivilisatorischer Reife lässt sich bemessen, was das Phänomen der übergroßen Augen zum Ausdruck bringt. Eine Gesellschaft, die sich zunehmend und exklusiv auf die Gier reduzieren lässt, ist der weitest mögliche Punkt, den sich eine gediegene Zivilisation vorstellen kann.
