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Die Menschen sind keine Esel

Es ist die Zeit für kulturpessimistische Visionen. Zu vieles entwickelt sich in Richtungen, die nicht unbedingt positive Prognosen erwarten lassen. In den Foren der zeitgenössischen Diskussion und Meinungsbildung wird immer eindringlicher beklagt, wie sehr die so genannte Wissensgesellschaft die Unwissenheit protegiert, wie sehr der öffentliche Diskurs, der doch so vieles möglich macht, die Barbarisierung des Umgangs fördert und wie sehr im Zeitalter des freien Zugangs zu Informationen das Mittel der Massenmanipulation erfolgreich angewendet wird.

Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die Gesellschaft, in der wir uns befinden, sich vehement entfernt hat von einer bewussten Formulierung unterschiedlicher Interessen und der Auseinandersetzung über sie. Stattdessen rauscht sie in atemberaubendem Tempo in die Sphäre des Unbewussten, des Spekulativen und des Irrationalismus. So, als habe es nie eine Aufklärung und die mit ihr verbundene Zusteuerung des modernen Menschen zum handelnden, gestaltenden Subjekt gegeben und so, als habe das Dritte Reich nicht dokumentiert, wie aus stolzen Subjekten beschämende Objekten werden können. Gelernt aus der Geschichte? Rituell vielleicht ja, spirituell, eher nein.

Täglich demonstrieren uns die medialen Kanäle den geistigen, den moralischen und damit auch den politischen Zustand der res publica, der Sache der Öffentlichkeit. Und es sind immer wieder die Medien, die uns weismachen wollen, dass die Themen, die sie setzen, diejenigen sind, die uns zu interessieren haben. Da geht es immer wieder um Themen wie Sicherheit, Sauberkeit oder das eine oder andere Projekt. Eines jedoch hat das ganze Szenario gemein: Es geht nie um die Zukunft. Wie das Gemeinwesen morgen aussehen soll, auf das wir zustreben, das wird geflissentlich ausgespart. Zynisch und böse, aber dennoch berechtigt, muss diese Art der Inszenierung des politischen Diskurses als das letzte Gefecht der aussterbenden Objekte bezeichnet werden. Es ist nicht unbedingt nur eine Frage der Generationen, denn es gibt, wie wir wissen, die wilden Jungen und die ängstlichen Alten, aber es gibt auch die jungen Greise und die Alten mit Löwenherzen. Worum es aber denen geht, die den Diskurs mit Themen der Vergangenheit durchtränken, das ist die Täuschung über die eigenen Pläne für die Zukunft.

Und diese Pläne sind zumeist durchtrieben, im Interesse Einzelner und kleiner Gruppen, die sich berauschen an einem Reichtum, der mit den qualitativen Merkmalen der Spezies im 21. Jahrhunderts nichts gemein haben, aber eben den Zugang zur und den Erhalt der Macht ermöglichen. Same Old Story! Haben wir alles schon gehabt. Aber warum ändert sich nichts?

Vielleicht ist es der falsche Weg, sich über die Unfähigkeit der Zeitgenossen zu beklagen. Vielleicht wäre es klüger, ihre Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen und sich mit ihnen über die Zukunft zu unterhalten. Die Aufklärung hat das getan. Nach dem Tadel an der selbst verschuldeten Unmündigkeit durch den strengen Protestanten aus Königsberg kam der Mut, den die lebensgeneigten französischen Philosophen den vernunftbegabten Wesen zusprachen. Und der Mittler zwischen diesen Welten, Heinrich Heine, der nach Frankreich exilierte, seinerseits „jüdisch beschnitten, evangelisch getauft, katholisch getraut,“ der brachte es auf den Punkt:

„Seit aber, durch die Fortschritte der Industrie und der Ökonomie, es möglich geworden ist, die Menschen aus ihrem materiellen Elend herauszuziehen und auf Erden zu beseligen, seitdem Sie verstehen mich. Und die Leute werden uns schon verstehen, wenn wir ihnen sagen, dass sie in der Folge alle Tage Rindfleisch statt Kartoffeln essen sollen, und weniger arbeiten und mehr tanzen werden. – Verlassen Sie sich darauf, die Menschen sind keine Esel. -“ (An Heinrich Laube am 10.7.1833.)

Trotz aller aufklärerischen Ziele sollten wir diesen Glauben nicht ablegen.

Epistemologie und Digitalisierung

Die Erkenntnistheorien, die der Aufklärung entsprungen sind, hatten einen Konsens. Es war das Fortschreiten der Bewusstwerdung der Welt nach einem relativ einfachen Schema, das in drei Stufen unterteilt wurde: die erste Ebene der Erkenntnis war die unmittelbare Erfahrung. Unter ihr wurde alles subsumiert, was der Mensch, das erkennende Wesen, direkt mit seinen Sinnen wahrnehmen und verarbeiten konnte. Die zweite Stufe war der qualitative Sprung von der unmittelbaren Erfahrung zu rationalen Erkenntnis. Sie beschrieb den Übergang vom Fühlen zum Kognitiven. Das war die Erkenntnis nach den verbrannten Händen auf der Herdplatte, irgendwann konstruierte das Hirn Zustände und Zusammenhänge, die darauf schließen ließen, dass weiterer Schmerz wahrscheinlich sei und die unmittelbare Erfahrung nicht ein weiteres Mal erforderlich sei. Und schließlich, die dritte Ebene war der Sprung von der rationalen Erkenntnis hin zur Bewusstwerdung und aktiven Gestaltung. Somit war die Tirade von Fühlen -Erkennen – und Tun beschrieben, die immer wieder verifiziert werden konnte und deren Erkenntnis weit in andere Disziplinen hineinreichte, vor allem In die Pädagogik und Didaktik. Denn, so die logische Schlussfolgerung, wenn der Mensch so erkennt und lernt wie beschrieben, dann muss Neues auch so gelehrt werden. Die unmittelbare Erfahrung gilt immer noch als die Mutter aller Erkenntnis.

Der durch die Aufklärung beflügelte Prozess der Zivilisation zeichnet sich vor allem durch eine Reduktion des Unmittelbaren in den Lebensbereichen der Menschen aus. Direkte Erfahrungen, die  Landmenschen mit Natur und Umwelt beschert sind, sind bereits Städtern versagt und enden damit, dass heutzutage Stadtkinder in den Zoo müssen, um ihre erste Kuh zu sehen. Das Anschauungsmaterial für die Rückdrängung des Unmittelbaren ist erdrückend: Kinder spielen kaum noch auf der Straße, freies Streunen durch die Städte ist versagt, ein immens steigender Behütungsdrang der Eltern endet in elektronischen Überwachungssystemen. Die Welt von heute, die es zu entdecken gilt, ist in unseren Breitengraden nahezu frei von Gerüchen, Unwägbarkeiten und Gefahren.

Der Verdrängung der unmittelbaren Erfahrung steht eine anwachsende, heute schon alles dominierende mittelbare Erfahrung gegenüber. Im Zeitalter der Digitalisierung und der flächendeckenden Versorgung mit Zugängen zu den Multi-Mega-Wissensarsenalen der Gegenwart kann sich der Mensch mit Informationen versorgen, ohne vorher Lernprozesse durchgemacht zu haben, die ihn bereits epistemologisch geprägt haben. Und darin liegt eine Katastrophe, deren Ausmaß noch nicht taxiert werden kann. Um es drastisch auszudrücken: wer nichts erfühlt hat auf seinem Weg der Erkenntnis, der wird auch kein Gefühl für das haben, was ihm dar- und angeboten wird. Das, was als rationale Erkenntnis im Gehirn gespeichert wird, hat keine emotionale Grundstruktur.

So sehr die Revolutionierung der artifiziellen Intelligenz auch in Bezug auf ihr Vermögen zu bewundern ist, so sehr hat sie den Menschen von seinem eigenen Produkt entfernt. Die Quelle der Erkenntnis ist die unmittelbare Erfahrung. Wer sie nicht oder nur rudimentär genießt, beginnt sich von seiner eigenen Psyche zugunsten der Ratio zu entfernen. Nichts gegen mehr Ratio in einer Welt, die erstaunlich von Irrationalismen geprägt wird. Aber die mit der Ent-Emotionalisierung verbundene Marginalisierung der Psyche entzieht diese aus dem gesellschaftlichen Diskurs. Es entsteht eine Unterwelt, in der sich niemand mehr außer den Demagogen auskennt. Die Metapher, die vom Menschen übrig bleibt, ist die der trivialen Maschine. Das ist kein Fortschritt. Das ist Mittelalter. Wenn es eine Dialektik der Aufklärung gibt, d.h. wenn der Gedanke zur Befreiung auch immer die Option in sich trägt, das Dasein zu mystifizieren, dann ist die Digitalisierung unserer Welt der beste Beweis.

Plädoyer für ein gottloses Leben

In der überaus klugen Vorbemerkung zu der Schrift „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ widmete sich Karl Marx in einer kurzen Betrachtung dem Doppelcharakter von Religion. Es ist unzweifelhaft, dass er dabei die monotheistische, christliche Religion im Auge hatte, auch wenn spätere Interpreten gerne auf die Allgemeingültigkeit dieser Ausführungen verwiesen. Religion, so Marx dort, sei einerseits ein probates Mittel der Herrschaft, weil sie mit dem Versprechen des Paradieses die Unterdrückten im Diesseits still halte. Gleichzeitig sei sie aber auch ein Akt des Protestes, denn sie reklamierte kaum eine bessere Welt, wenn die hiesige so sei, wie es sich die Menschen wünschten.

Als Marx diese Zeilen schrieb, waren die Kreuzzüge zur Eroberung Jerusalems bereits Geschichte, die mittelalterliche Inquisition war überwunden und der Dreißigjährige Krieg bereits vorbei. Ein halbes Jahrtausend Messer und Mord, um einer Heilslehre willen, und längst war der Absolutismus im Denken nicht überwunden. Was allerdings bereits geschehen war und zu den großen Revolutionen der deutschen Geistesgeschichte gehört, war die Schrift „Zur Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant. In ihr hatte der Asket aus Königsberg den monotheistischen Gott des Christentums seziert wie ein Chirurg und den Kadaver freigegeben zur Aufklärung.

Diese wiederum feierte ihre Hochzeiten intellektuell in Deutschland, aber im richtigen Leben, da fand sie in Frankreich statt. Die Franzosen machten vor, wie sie sich die gelebte Aufklärung vorstellten. In Paris steht die Wiege des bürgerlichen Zeitalters, das aufräumte mit Gott und Moral und an seine Stelle Recht und Verantwortung setzte. Dazu gehörte, und das drang nicht einmal bis nach Deutschland, die Trennung von Kirche und Staat.

Die monotheistische Religion, in deren Namen seit Jahrzehnten, ganz entsprechend unserer Epoche, nicht mehr Messer und Mord, sondern Sprengstoff und Kugelhagel eingesetzt werden, um die vermeintliche Lehre des Heils zu retten, steht vor der Schwelle der Aufklärung. Nach wie vor. Das selbst von den entwickelten, als zivilisiert geltenden islamischen Staaten gepflegte Gottesstaatentum ist der unwiderlegbare Beleg. Bis auf eine Ausnahme, in der indonesischen Verfassung begnügt man sich mit dem Verweis auf einen Gott.

All jenen, die im Obskurantismus zuhause sind, die dem Absolutismus huldigen und der brachialen Herrschaft frönen, muss die gelebte Tradition der bürgerlichen Freiheiten ein Dorn im Auge sein. Und in Zeiten, in denen zumindest die Symbolik nach wie vor hohe Geltung genießt, ist es logisch, dass sich die Frevler einer unaufgeklärten monotheistischen Religion darauf konzentrierten, um die eigene Überlegenheit zu demonstrieren.

Die Bilder, die aus der französischen Hauptstadt in der vergangenen Nacht zu uns gelangten, zeigten, dass die geplante Intention der Dunkelmänner, trotz ihrer grausamen Tat, an einem couragierten Bürgersinn zerschellte. Paris demonstrierte für den Gedanken der Freiheit, der revolutionäre, bürgerliche Reflex derer, die an Demokratie und Selbstbestimmung glaubten, obsiegte über die machtlose Betroffenheitsgeste vemeintlicher Opfer. Die Pariserinnen und Pariser deklarierten den Terroranschlag gegen die Redaktion von Charlie Hebdo zu einem Plädoyer für ein gottloses Leben. Schlimmer hätte es für die Terroristen nicht kommen können.

Eugène Pottiers, ein anderer Pariser, der an der Kommune im Jahr 1871 aktiv teilgenommen hatte, schrieb buchstäblich hinter einer Barrikade die Internationale. Was daraus entstand, ist eine andere Geschichte. Aber den Text, den kann man sich vorsprechen, immer wieder, um sich zu vergewissern, welchen Geist das Gemeinwesen atmet, das nicht bezwingbar ist durch Obskurantismus. „Es rettet uns kein höhres Wesen“, heißt es da, „kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun.“ Recht hat er, der Herr Pottiers.