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Leben ohne Populismus

Der Begriff führt zu nichts. Von der ersten Minute war er angelegt auf Ausgrenzung. Und zwar nicht derer, die sich seiner bedienten, sondern derer, die ihm zuweilen auf den Leim gingen. Ausgesucht wurde er von jenen, die ihn mit ihrem Handeln kräftig nähren und die sich häufig seiner genauso bedienen, wie diejenigen, die auf der Anklagebank sitzen. Bannen wir den Begriff des Populismus aus dem politischen Kurs und werfen wir ihn dorthin, wo viel Marxisten gerne alles Mögliche sahen: Auf den Müllhaufen der Geschichte.

Genau genommen und etymologisch ist der Populismus eine Beschreibung für den gelungenen Versuch, komplexe Sachverhalte einfach und populär darstellen zu können und gleichzeitig eine einfache Erklärung und Lösung zu suggerieren, die allerdings der Komplexität nicht gerecht wird. Das Bedenkenswerte an dieser Definition ist die Analogie zu dem Begriff der Propaganda. Denn da geht es auch um Vereinfachung und Emotionalisierung. Das Interessante dabei ist, dass nahezu synchron die gleichen Vorwürfe durch unsere Gesellschaft gehen, nur in die jeweils entgegengesetzte Richtung. Ein großer Teil der Gesellschaft erhält momentan von der offiziellen Politik den Vorwurf, mit anti-autoritärem Wahlverhalten dem Populismus auf den Leim zu gehen, während der andere Teil der Politik und vor allem den Medien vorwirft, propagandistisch gegen die Wahrheit vorzugehen.

Was, wenn beide Teile dieser Bezichtigung Recht hätten? Dann wäre die Gesellschaft nahezu durchtränkt von Versuchen der Vereinfachung und Emotionalisierung. Und, bei genauer Betrachtung wäre es mehr als redlich, sich der Diagnose zu stellen. Weder von oben nach unten noch von unten nach oben ist es möglich, ohne Vereinfachung und Emotionalisierung auszukommen. Und es stellt sich heraus, dass diese Gesellschaft weit von der Aufklärungsaura entfernt ist, die sie so gerne verbreitet. Die Gesellschaft ist durchzogen von Obskurantismus und Irrlehre und es stellt sich die Frage, wer näher an der Wahrheit war, die Postmoderne oder das Mittelalter?

Der schöne Schein hatte es so lange und so erfolgreich suggeriert. Die Welt war technisiert und industrialisiert, sie basierte auf wissenschaftlich-technischen Erkenntnissen und sie versprach das Himmelreich auf Erden. Stattdessen bleiben die menschlichen Triebe so primitiv wie eh und je und die vom Menschen entwickelte Technik wurde immer artifizieller. Jetzt sitzt der gleichbleibende Urtrieb am Knopf und die menschliche Existenz bekommt etwas Monströses.

Es war nicht immer so und es muss nicht immer so sein. Dass das mit der Komplexität so schwer ist. Es gab und es gibt immer wieder Gesellschaften, in denen aufgrund des Willens und günstiger Bedingungen der Spagat zwischen archaischer Existenz, wissenschaftlicher Erkenntnis und einem ausgewiesenen Abstraktionsvermögen der Individuen erfolgreich gelang. Nur unsere Gesellschaft, die darf sich momentan nicht dazu zählen. In Bezug auf die kognitive Kompetenz zur Identifikation politischer Zusammenhänge ist der gegenwärtige Zustand auf einem Niveau vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges zutreffend beschrieben. Alles, was aus diesem langen, europäischen Völkermorden an Erkenntnis resultierte, insbesondere das Equilibrium in den internationalen Beziehungen, ist in einer kollektiven Amnesie versunken.

Der gegenwärtig desolate Zustand hat nichts mit einer verminderten Erkenntnisfähigkeit der Individuen zu tun, sondern mit der Geschichtsvergessenheit der Gesellschaft insgesamt. Wer die Geschichte kennt und die Verlautbarungen der herrschenden Politik hört, der hat keine andere Option als die, zu revoltieren oder zumindest die Notbremse zu ziehen. Auch der Streit um dieses Bild ist übrigens historisch: Während der Kommunismus in den Revolutionen die Lokomotiven der Geschichte sahen, schrieb der moderne Eschatologe Walter Benjamin davon, dass es auch eine Revolution sein könne, die Notbremse zu ziehen.

„Und da richten diese Würmer von Mathematikern ihre Rohre auf den Himmel…“

Bertolt Brecht. Das Leben des Galilei

Als Bertolt Brecht an seinem epischen Stück Das Leben des Galilei im dänischen Exil arbeitete, wurde auf der nicht weit entfernten Insel Usedom unter der Leitung von Werner von Braun fieberhaft die Entwicklung der so genannten Vergeltungswaffe 2 (V 2), einer ballistischen Boden-Boden-Rakete gearbeitet. Nach der Niederlage Deutschlands wurden sowohl die dortigen Forschungseinrichtungen als auch das entscheidende wissenschaftliche Personal in die USA transportiert, um die Entwicklung der Atombombe zu unterstützen.

Es ist kaum anzunehmen, dass Brecht die fatalen Folgen dieser machtgetriebenen Instrumentalisierung der Wissenschaften in der grausigen Dimension antizipierte. Aber wieder einmal spricht vieles, was in dem 1943 im Züricher Schauspielhaus uraufgeführten Leben des Galilei thematisiert wird, für Brechts tiefes Verständnis vom dialektischen Wesen der Erscheinungen.

Das Mittelalter lieferte mit seinem Antagonismus von wachsender Erkenntnis und von Kirchendogmata gesteuerter irdischer Macht die Blaupause. Das tatsächliche Leben des Mathematikers Galileo Galilei musste nicht sonderlich moduliert werden, um den einen, großen Widerspruch, der die gesamte Epoche des Mittelalters kennzeichnete und der auch in der Moderne immer wieder aufbrach, zu behandeln: Den Umgang der Macht mit Erkenntnissen der Wissenschaften, die dem die Macht legitimierenden Weltbild widersprachen. Galileo Galilei entdeckte durch ein von ihm konstruiertes Fernrohr die Phänomene, die das ptolemäische Weltbild mit der Erde als Mittelpunkt falsifizierten und das kopernikanische mit der Sonne als Zentrum und der Erde als kleinem Satelliten bestätigte. Das zentristische Weltbild in Italien, dem Sitz des Papstes, zu widerlegen, war folgerichtig eine Sache für die Inquisition.

Brecht illustriert die Befindlichkeit des Wissenschaftlers in seiner existenziellen Doppelbödigkeit. Als Wissenschaftler muss er den Gesetzen dieser Disziplin folgen. Es sind dies die vorurteilfreie Beobachtung, das kontextfreie Experiment, der Vergleich und die Prinzipien der induktiven wie deduktiven Logik. Auf der anderen Seite war Galilei ein Mensch seiner Zeit, der die Annehmlichkeiten des mittelalterlichen Patriziers, die aus gutem Essen und erlesenem Wein bestand, nicht missen wollte. Die Ansicht der verfügbaren Folterinstrumente durch die Inquisition reichte in diesem Falle aus, um Galileo Galilei zu einem Widerruf seiner Lehren zu bewegen. Dass er heimlich weiter schrieb und seine Erkenntnisse der Nachwelt erhalten blieben, spielt bei der Fokussierung der entscheidenden Fragen kaum noch eine Rolle.

Das Leben des Galilei ist ein Stück, in dem der Umgang der Macht mit der die Legitimation der Macht zersetzenden Erkenntnis illustriert wird. Eine auch zur damaligen Zeit zwar immer wieder erschütternde, aber keineswegs revolutionäre Erkenntnis. Die andere, wesentlich brennendere Frage war die nach der Entscheidung des Wissenschaftlers selbst. Im Stück wird der Aspekt direkt erörtert, indem nach der Durchsetzbarkeit eines gleich dem hippokratischen Eid für Mediziner für die Wissenschaften gefragt wird. Es geht dabei nicht nur um die Durchsetzung und Verbreitung von Erkenntnissen, sondern auch um eine Art Moratorium für das, was wissenschaftlich und technisch möglich wäre, ethisch aber nicht vertreten werden darf.

Auf einer Folie, die zunächst den Eindruck eines breiten Konsenses von Zustimmung zur Freiheit der Wissenschaften erweckt, auch aufgrund der historischen Vorlage, tauchen dann doch beide dem Dialektiker Brecht wichtigen Aspekte, sowohl der der Fremd- wie der der Selbstbeschränkung der Wissenschaften auf. Aufgrund der bis heute virulenten Thematik hat es auch Das Leben des Galilei zu einem Klassiker der Moderne geschafft.

Wachstum der Grenzen

Der Umgang mit dem Begriff der Grenzen kann durchaus zu einer Art Gesellschaftsdiagnostik verwendet werden. Die eigenen, inneren Zustände führen in der Regel zu der zeitgeschichtlichen Perspektive, die sich in einer gewissen Mentalität bezüglich von Grenzen artikuliert. Beispiele dafür existieren zuhauf. Zum einen zeigt sich immer wieder der Sicherheitsaspekt. Grenzen gewähren Schutz, sie definieren einen gültigen Rechtsraum und bewahren vor einer Invasion, gleichgültig ob militärisch oder kulturell. Nationalstaaten sind ohne die harte Definition von Grenzen undenkbar, ebenso geographische Räume von Bündnissen, mögen sie einer wirtschaftlichen Zielsetzung folgen oder eine machtpolitische Dimension haben. Wer über Grenzen verfügt, hat einen gesichteten Raum für Machtzustände. Diese sind negativ wie positiv deutbar, letztendlich mündet ihre Philosophie in das Begriffsfeld von Sicherheiten.

Andererseits sind eben diese geographischen oder ideellen Regionen der Sicherheit in einem anderen Deutungszusammenhang auch die Sphäre der Einschränkung. Das Zusammenstoßen von der Etablierung von Rechtszuständen und der Wille, mental Grenzen zu überwinden,, ist sicherlich eines der großen Reibungsfelder der Aufklärung. Einerseits sicherten nationalstaatliche Grenzen die unverbrüchlichen Rechte individueller wie gesellschaftlicher Aktivitäten, andererseits war die treibende Kraft des Denkens der Aufklärung die Überwindung von Grenzen. Zunächst rational, spirituell wie emotional, dann aber auch geographisch und übergriffig. Der Export der eigenen Rechtsvorstellung auch über nationale Grenzen hinaus diente in der Moderne seit den napoleonischen Feldzügen auch der Expansion, dem hegemonialen Einfluss und dem imperialen Modell. Sie waren historisch der Anfang, der Faschismus eine fundamentalistische Gegenbewegung, der sowjetische Imperialismus wie die US-Hegemonie eine logische Folge. Die Werte der Grenzüberschreitung wurden materiell zu einem neuen System der Unterdrückung.

Aber auch manches gesellschaftliche Mantra, wie zum Beispiel das des Wachstums, absolvierte eine Wanderung, die vom Aufbruch bis zu revisionistischer Besinnung reichten. Aus dem grenzenlosen Wachstum wurden die Grenzen des Wachstums und aus den Grenzen des Wachstums das Wachstum der Grenzen. Interessant bei der gegenwärtigen Entwicklung ist eine Synchronisierung von ideeller Vorstellung und materieller Tendenz. Denn beides findet statt: Die Grenzen des Wachstums sind längst ausgeleuchtet und durch Jahrzehnte der Reflexion belegt, das Wachstum der Grenzen wird momentan auch in physischer Hinsicht als Notwendigkeit postuliert.

Die Zeit der Grenzenlosigkeit und der Überwindung von Grenzen scheint zumindest für einen kurzen (?) Zeitraum vorbei zu sein. Das Denken in den Kategorien der Überwindung bestehender Ordnungsschemata ist genauso wenig en vogue wie das willentliche konsensuale Einreißen von Zäunen. Das muss nicht unbedingt einer instruierten Vorgehensweise entsprechen. Die Etablierung einer Vorstellung, dass es mit der Grenzenlosigkeit vorbei ist, führt notwendigerweise zu der Schlussfolgerung, dass dieses auch praktisch vollzogen werden muss. Brutal ausgedrückt heißt dies, dass die Revision des Denkens hin zu einer mikrokosmisch-zyklischen Betrachtung notwendigerweise auch zu einer Vorstellung führt, den zu betrachtenden Mikrokosmos schützen zu müssen.

Es ist hilfreich, diese Tendenz zu beschreiben, ohne über sie gleich zu urteilen. Wer das Wachstum der Grenzen im Denken betont, sollte sich nur bewusst machen, dass es praktische Folgen haben wird. Und dieser Zustand wird solange anhalten, wie keine Modelle entwickelt werden, die die Möglichkeit einer menschlich vernünftigen und prosperierenden Existenz deutlich und nachvollziehbar machen. Diese Modelle existieren zur Zeit weder in der politischen Theorie noch in der sozialen Utopie. So bitter es klingt, die Gedanken und Begehrlichkeiten zur physischen Grenzziehung sind das Ergebnis der schon längst vollzogenen mentalen und rationalen Abschottung. Eigentlich ist alles ganz logisch. Und darin besteht der Charme. Die Logik macht deutlich, dass die Verantwortung für jeden Zustand in Ursachen liegt, die nicht plötzlich und unerklärlich ihre Geltung einklagen.